Türkei und der Putsch, den hier niemand mehr interessiert

Die Überzeugungsinhalte der weitaus meisten Deutschen sind festgezurrt; in ihnen hat sich ein Bild gefestigt, das auch schwereren Stürme von Fakten wie aus Eisen gegossen standhält: Erdogan ist ein Wahnsinniger, ein Despot, machtversessen, korrupt und sehr wahrscheinlich der Kopf des Putsches. Den hat er bloß lostreten lassen, damit er ihn publikumswirksam zerschmettern und sich als Held der Türkei aufspielen könne.

Wie faktenresistent die Deutschen sind, lässt sich an der zunehmenden Dichte von Erkenntnissen ermessen, die in den letzten zwei Monaten in Bezug auf den von Erdogan als Schuldigen ausgemachten Fetullah Gülen zutage treten. Nicht nur, dass uns unsere Presse viele dieser Einzelheiten „erspart“, sondern auch der Umstand, dass hier kaum jemand dazu bereit ist, das wenige Bekanntgewordene überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, ist wirklich interessant.

Colonel Livenet Turkan hat sich, nachdem er als einer der Anführer des Putsches verhaftet worden war und verhört wurde, nicht nur als Gülen-Anhänger geoutet, sondern auch ein paar hochinteressante Details zu Protokoll gegeben. Er war Assistent von General Khalusi Akar, ein Nicht-Gülenist in hoher Position und hat ihn in den ersten Stunden des Putsches gefangengesetzt. Nicht nur Turkan, sondern mit ihm einige niedrig- und mittelrangige Offiziere, alles Gülenisten, waren auf General Akar angesetzt. Akar wurde von ihnen genauso systematisch ausspioniert und belauscht wie dessen Amtsvorgänger und viele Nichtgülenisten in eben diesen niedrigeren und mittleren Rängen. Die Einzelheiten, die Turkan hierzu benannte, zeichneten insgesamt ein erschreckendes Bild von der zahlenmäßigen Vertretung Gülens im türkischen Heer.

Der Gülenist Turkan berichtete sogar, etwa alle zwei Wochen Tonbänder der Lauschaktionen an einen Verbindungsmann im Heer in Istanbul übergeben zu haben. Man habe sogar der Militärspitze vor Meetings im Außenamt Aufzeichnungsgeräte in Aktentaschen untergeschoben, wusste er zu berichten.

Der Soldat Turkan stand dabei nicht allein; auf allen erdenklichen Ebenen türkischen Alltagslebens fanden sich Gülenisten in Positionen wieder, über die die Organisation große Mengen Daten sammelte und wiederholt auch versucht hatte, die amtierende Regierung ins Wanken, wenn nicht in den Zusammenbruch zu lancieren. Wirtschaftler, Politiker, Juristen, sie alle haben sich im Fokus von Gülens Organisation befunden und waren Ziel von Abhöraktionen und Spionage. Das Bild, das Turkan neben vielen anderen, die zwischenzeitlich verhört worden sind, zeichnet, ist das eines breitflächig von außen angegriffenen Staats.

Zwischenzeitlich leuchtet dies offensichtlich selbst den USA ein, an die ein offizielles Auslieferungsersuchen von der Türkei gerichtet worden ist. Maßgebliche Politiker in den USA befürworten eine Auslieferung – ihr Verlangen, vorher ausreichende Beweise von der Türkei geliefert zu bekommen, ist entsprechend beantwortet worden.

Hier mag man gar nicht darüber nachdenken, dass das liebgewonnene Feindbild von Erdogan als erzkonservativem, starrsinnigen Islamisten, längst aufgegeben worden sein müsste, weil es den Fakten nicht standhält. Hier im Land denkt man grobmotorisch, undifferenziert und vorwurfsvoll und da passt das Bild von einer Türkei als Staat, der um seine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kämpft, einfach nicht in den Kopf. Einerseits, weil alles, was den Islam vertritt, zwingend minderwertig und bösartig sein muss und andererseits, weil man nicht glauben will, dass ein islamisch dominierter Staat ein moderner, demokratischer Rechtsstaat sein kann.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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