Islam, Goethe und Shakespeare

Innerhalb weit weniger als zehn Jahren hat sich dies Deutschland verändert. Man wird sich später einmal am Kopf kratzen und nach dem Auslöser dieser Veränderung fragen, man wird jede Menge schlauer Bücher darüber schreiben und geflissentlich einige Einflüsse „vergessen“, die diese nachhaltige Veränderung initiiert haben.

Das wäre ja nun nicht neu.

Menschen vergessen eben; und wenn der Preis für dies Vergessen das Leben von ein paar Hunderttausend oder gar Millionen Menschen kostet, so ist dies nur für den Moment tragisch. Aber, dem Vergessen sei dank, ist bald alles wieder gut und nach dem tüchtigen Schrecken der jeweils tagesaktuellen Verwüstungen und dem Schließen der neuen Massengräber kann man sich getrost den Vorbereitungen für die nächsten Pogrome widmen.

Bereits im elften Jahrhundert schickte man in Europa allgemein und auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands speziell etliche tausend Juden in den Tod. Blutige Rasereien, von religiösen Wahnideen und Hetzern angepeitscht, kosteten viele Menschen das Leben. Dann traf es, nachdem in loser Folge hier und da immer wieder mal kleinere Sekten und größere Gemeinschaften auf die Scheiterhaufen geschickt worden waren, irgendwann einmal die Hugenotten. Im 15. Jhd. versammelten sie sich an Frankreichs Küsten und setzten zu Tausenden nach England über, weil ihnen in Frankreich selbst Folter und Hinrichtung drohte.

Und da kommt Shakespeare auf den Plan. Er beobachtete, dass sich in England Gruppen zusammenrotteten, die unter dem Eindruck der Zuwanderung den Untergang ihrer Kultur und Heimat fürchteten – und mobil machten. Öffentliche Versammlungen wurden abgehalten, Schmähreden gehalten, Flüchtlinge angegriffen, beleidigt und zusammengeschlagen.

(Zitate: ZEIT.de)

Schnell kursierten fremdenfeindliche Flugblätter. Die Franzosen, hieß es, würden englische Frauen entführen und die englische Kultur unterwandern. Und als ein gewisser Dr. Beal am Ostersonntag 1517 bei St. Paul’s Cross eine agitatorische Rede hielt, eskalierte die Lage: Es kam zu Angriffen auf offener Straße, Franzosen wurden reihenweise gelyncht und es verbreitete sich das Gerücht, ein Aufstand sei die sichere Konsequenz: Am ersten Mai werde sich das Volk erheben und die Fremden vertreiben.

Unser „Dr. Beal“ heißt Lutz Bachmann, Frauke Petry und Jörg Meuthen.

Unseren Shakespeares, und von denen gibt es eine ganze Menge, hört jemand niemand zu. Während ihr Mentor, der echte Shakespeare, noch schrieb:

„Gesetzt, sie gehn; gesetzt, dass euer Lärm
Ganz Englands Recht und Würde niederschrie.
Dann stellt euch vor, ihr seht die Fremden, elend,
Mit Lumpenbündeln, Kinder auf dem Rücken,
Wie sie zu Küsten und Häfen trotten,
Und ihr sitzt da, als König eurer Wünsche,
Die Staatsmacht starr verstummt vor eurer Wut,
Und ihr gespreizt im Protzornat des Dünkels:
Was habt ihr dann?
Ich sag’s euch: ihr habt nur
Gelehrt, wie Frechheit und Gewalt obsiegt.“

… gehen ähnliche Rufe nach Ruhe, Geduld und Verstand heute im allgemeinen Gebrüll aller modernen Dr. Beals und seiner Gefolgschaft unter. Im England es 15. Jhd. gab es seinerzeit probate, heute jedoch weniger angezeigte Gegenmittel, um den tobenden Mob unter Kontrolle zu bringen:

Der König verstand die fremdenfeindlichen Ausschreitungen als Angriff auf seine Autorität und ließ umgehend 5.000 Soldaten vor London aufmarschieren. Die Aufständischen hielten nicht lange durch: Die Rädelsführer wurden verhaftet, zum Tode verurteilt und schließlich gehängt, ausgeweidet und gevierteilt. In dieser Reihenfolge.

Wir haben hier in Deutschland nur hilflose Politiker und keinen König mehr, obschon die Blöden von damals nicht viel blöder waren als die Blöden von heute und der damalige Angriff nicht schlimmer war als der von heute, ist die Gesellschaft im Ersinnen von Mitteln gegen ihre eigene Raserei um nichts besser geworden. Die Mittel, die der König damals ergriff, stehen heute nicht mehr zur Verfügung. Auch nicht in geänderter Reihenfolge.

Wir müssen jedoch gar nicht so weit in die Geschichte … und gar nicht so weit von Deutschland fort, um andere, gewichtige Denker europäischer Kultur anzutreffen, die natürlich lange begriffen hatte, was Shakespeare damals meinte. Es war ein Johann Wolfgang von Goethe, der einmal sagte:

Ein Land, das seine Fremden nicht ehrt, wird untergehen.

Und so wird es natürlich auch kommen. Der Prozess, der die Menschen Deutschlands in zunehmender Geschwindigkeit verblödet, ist nach meiner Meinung unumkehrbar geworden. Heute pöbeln und schreien im Rahmen einer AfD („Alles für Doofe!“) Wiederauferstehungen der blöden Bauern aus dem mittelalterlichen England – all die vielen Jahrhunderte, in denen europaweit Schulen betrieben werden, die Bildung hätten vermitteln sollen, sind effektfrei dahingegangen – die gleichen Schreihälse, die in London Franzosen aufgehängt haben, werfen heute in Deutschland Bomben gegen Moscheen.

Vergessen.

Vergessen ist für den Betroffenen nicht zwangsläufig ein unangenehmer Ausfall, sondern für den Blöden von heute Balsam für die Seele. Er muss seine seltsamen Glaubensinhalte, die er sich mühsam für ihren Hass zurechtgezimmert hat, nicht vor dem Licht der Vergangenheit bestehen lassen. Bildungsfreiheit führt zur Ahnungs- und Wissenlosigkeit und mündet im kollektiven Vergessen, der sich seine Gesellschaft beinahe lustvoll anheimfallen lässt. Was tut man nicht alles für seinen Hass.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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