Ein bildschönes Schicksal …

Meine Frau ist seit vielen Jahren mit dem Tierschutz nur locker assoziiert. Wir haben uns nie sonderlich intensiv in diese Szene hineinbegeben, da wir gerade unter Hundehaltern recht viel sektiererischen Unsinn, Fanatismus, verbissen verteidigte, merkwürdige Emotionen und vollkommen verquere Vorstellungen ausmachen.

So mussten wir miterleben, wie eine nach eigenem Bekunden sehr hundefixierte Frau ihren Chihuahua derart verkorkste, dass er nur noch zum Fressen in der Lage war, wenn seine Halterin bäuchlings in der Küche lag und ihm Bröckchen für Bröckchen mit spitzen Fingern ins Maul praktizierte. Ein anderer, den wir allerdings dafür angezeigt hatten, wollte mehrere Schäferhunde auf rein vegetarische Kost umstellen und fütterte ausschließlich nur noch Nüsse und Salat. Sei’s drum ….. wir sind auch in dieser Hinsicht wieder einmal konsequent unseren eigenen Weg gegangen.

Und sind eine Mini-Arche geworden.

Wir haben einen tauben Bulldog-Mix, einen ebenso tauben, französischen Bulldog und eine Mischlingshündin, der eine Niere zerschlagen worden war. Zuvor hatten wir noch eine Katze, die sich vor einigen Jahren als Baby noch irgendwie im strengen Winter in unsere Garage gerettet und dort eingenistet hatte. Sie wurde versorgt, geimpft, aufgepäppelt …. und eines Tages war sie wieder verschwunden.

Unsere Arche hat sich herumgesprochen …. was uns eigentlich gar nicht so recht ist. Aber wie ich meiner Frau schon vor vielen Monaten vorhergesagt hatte, trat natürlich auch ein: auf einmal gelten wir als tolle Unterbringungsmöglichkeit für taube Hunde und, so ganz nebenbei, auch als Experten für diese Hundebehinderung. Dabei haben wir viele Monate gebraucht, bis wir unseren ersten, tauben Bulldog ebenso gut verstehen konnten wie er uns.

dogge

Das ist eine deutsche Dogge. Oder will mal eine werden. Nicht ganz ohne jeden Hintergedanken präsentierte meine Frau mir dies Bild; sie kennt mich lange genug um jeden Punkt in mir zu erwischen, an dem ich schwach werden kann. Deutsche Doggen waren einmal mein Metier, meine Leidenschaft. Wer sie kennt, wundert sich. Ihr Wesen ist kaum mit ihrer Erscheinung vereinbar. Viele Menschen fürchten sich vor ihnen – und wenn ich mich um eine objektive Wahrnehmung bemühe, kann ich das sogar verstehen. Sie erreichen gut, gerne und auch schnell die Größe und das Gewicht eines Kalbes, das Spiel mit ihnen fordert häufig blutige Kratzer und ihr Humor ist zuweilen etwas schräg. Humor? Ja. Humor. Wer nie mit einer Deutschen Dogge zusammengelebt hatte, kann das nicht wissen: Doggen haben Sinn für alberne Späße und sie wissen, dass sie alberne Späße machen.

Diese Deutsche Dogge da, die lebt derzeit in Spanien – und sie ist ebenso bildschön wie stocktaub. Man sieht die Anlage zu wirklich großem Wuchs sehr schön an den Beinen, die Knochen sind im Welpen schon gut angelegt und man erkennt auch die Pfoten, die bei Doggen bereits im Welpenstadium Ausmaße von Tellerminen annehmen. Auf dem Foto wirkt er lebendig und aktiv; gleich wird er ganz sicherlich aufstehen, schwanzwedelnd über den Rasen laufen und zielsicher das Lieblingskissen seines glücklichen Halters finden , um es mit seinem unnachahmlichen Gebiss voller langer und überaus spitzer Welpenmilchzähnchen vollkommen zu vernichten. Ganze Wohnungseinrichtungen sind diesen kleinen Riesenhunden schon zum Opfer gefallen.

Das Kerlchen rührt mich – beinahe zwangsläufig wird der Junge ein tragisches Schicksal nehmen.

Nicht eben viele Menschen können mit einem tauben Hund umgehen, nicht wirklich viele kennen, verstehen und lieben Deutsche Doggen und so bringt der kleine Kerl eine ganze Menge Hinderungsgründe mit, die ihm ein liebevolles und sicheres Zuhause verwehren werden. Dabei macht er einen wirklich guten Eindruck, sein Blick aus den verwirrend stahlblauen Augen ist klar, er blickt aufmerksam und interessiert und die pinkfarbene Nase wird später einmal einiges bedrohlich wirkendes wieder wettmachen.

Der Hintergrund ist tragisch. Die Zucht von Deutschen Doggen lässt nicht allzu viele Farbspiele ihres Fells zu; vor allem die schwarz-weißen erreichen die größten Schulterhöhen und Gewichte, weshalb dieser Farbschlag von vielen deutlich bevorzugt wird. Im Extrem gewerbsmäßiger Zuchten „haken“ Gene aus – und führen zu nicht geringen Anteilen unter den Welpen zur Taubheit. Nicht selten werden diese tauben Welpen (mehr oder weniger brutal) von den Züchtern „entsorgt“, sobald ihre Taubheit ruchbar wird – und sie als Geldbringer für den Züchter ausfallen. Das ist in der ganzen Szene ebenso bekannt wie peinlich totgeschwiegen; kaum ein Züchter von „Schwarz-Weißen“ wird jemals offen darüber sprechen, wieviel Welpen er in einem Jahr so ….. wegmacht.

Selbst Halter von zwei Deutschen Doggen gewesen, fasst mir dieser Welpe hier ans Herz …. aber unsere Arche ist voll, wenn wir halten wollen, was wir den Tieren und uns gegenseitig versprochen haben. Dabei ist es, wenn man einmal weiß, wie es geht, kein schweres Leben mit einem tauben Hund. Zugegeben: die Erziehung erfordert weitaus mehr Geduld, Zeit, Liebe und Zuwendung und vor allem Konsequenz – aber man bekommt einen äußerst zugewandten, ausgeglichenen und aufmerksamen Hund, der seine Taubheit sehr bald vergessen macht. Und gerade dieser Hund vom Bild bringt sehr gute Anlagen mit, um später einmal ein stolzer, großer, gelassener und souveräner Begleiter zu sein.

Aber wir können nicht die ganze Welt retten.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Ein bildschönes Schicksal …

  1. der einsiedler schreibt:

    es freut mich, dass ihr mit tieren so fair umgeht. darum verleihe ich euch und eurem blog den “fair zu pfoten award” und bedanke mich für eure tierliebe. info: http://wp.me/p3gzPd-2TE

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