Israel – macht Wahrheit formbar

Was sind schon Fakten? Sind sie irgendetwas anderes als „Annahmen, die je nach Geschmack, Mode und Zeit veränderlich“ sind? Für Israel jedenfalls scheint es so zu sein: wahr ist, was angenehm erscheint.

Um den aktuellen Anlass, die Diskussion um den Tempelberg bzw. die Klagemauer in Jerusalem verstehen zu können, verdrehen wir einmal die Vorzeichen um 180 Grad, siedeln das Thema in Europa an und schauen einfach mal, was dabei herauskommt:

Es ist ja nunmal so: Deutschland hat in (vergleichbar!) junger Vergangenheit zweimal hintereinander die Herrschaft über Frankreich und speziell über Paris ausgeübt. Das ist unbestreitbare Tatsache. In beiden Fällen jedoch endete die deutsche Herrschaft über Paris in einem Blutbad und musste zum Preis von vielen tausend Toten beendet werden.

In den letzten paar Jahren allerdings tauchten wiederholt deutsche Soldaten unter Waffen in Paris auf; sie stürmten den Elyseè-Palast, wobei sie Blendgranaten und scharfe Munition einsetzten und trieben dort Franzosen auseinander. Diverse Male versperrten sie Franzosen den Zugang von Nationaldenkmälern wie etwa den Invalidendom. Internationale Proteste blieben aus, weil die deutsche Regierung jedesmal von der angeblichen Gefahr sprach, dass sich in Paris „französische Terroristen“ versammeln würden. Proteste der französischen Regierung gegen die ständigen, militärischen Angriffe Deutschlands in Paris auf Franzosen verhallten ebenso ungehört wie französische Beschwerden, die sich auf internationale Verträge und Vereinbarungen beriefen, die den Status von Paris als französischer Hauptstadt und Teil des französischen Territoriums bestätigen. Auch die Vorlage von gegengezeichneten UN-Resolutionen und -Chartas wurde international nicht zur Kenntnis genommen.

Radikale Strömungen in Deutschland wollen die Zerstörung des Invalidendoms unter dem Hinweis erreichen, dieser sei der deutschen Kultur, die ja immerhin die Regierung über Paris ausgeübt habe, fremd und müsse beseitigt werden. Es kommt aktuell immer wieder zu Schießereien deutscher Soldaten, die zeitweise den gesamten Zugang nach Paris blockieren und militärische so wie polizeiliche Kontrolle über die Stadt ausüben wollen.

Zum Schutz der französischen Stadt Paris gegen solche und ähnlichen Übergriffe von Deutschland hat die UN-Vollversammlung die Stadt formell unter den Schutz Großbritanniens gestellt; die Briten unterhalten Militärverbände in Paris, die aus Gründen der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens von ihren u.a. dort auch stationierten Panzerverbänden bei deutschen Feuerüberfällen bisher (noch) keinen Gebrauch gemacht hat.

Nun existiert eine weitere, aktuelle UN-Resolution, die Deutschland wegen seiner pausenlosen An- wie Übergriffe deutscher Soldaten in Paris zwar kritisiert, gleichzeitig jedoch Verständnis für sie äußert, da ja nun einmal historische Beziehungen zwischen Deutschland und Paris existieren würden. Die Resolution beklagt, ich zitiere,

„… die ausufernde, deutschen Aggressionnen und illegalen Maßnahmen gegen die britische Schutzmacht und ihr Personal und gegen die politische Freiheit der Franzosen und ihren Zutritt zu französischen Nationaldenkmälern und fordert Deutschland, die Besatzungsmacht, dazu auf, den historischen status quo zu beachten und die Maßnahmen sofort zu beenden.“

Angela Merkel verfasste daraufhin sofort einen Brief voller Beschwerden und konstatiert, dass es aggressive, antigermanische Stimmung sei, die hier durchschlüge. Unterdessen wird bekannt, dass in Deutschland von starken, radikalen Organisationen Spenden für eine (auch gewaltsame) Rückerlangung von Paris als deutsches Territorium gesammelt würden. Immerhin existiert in zumindest diesen Kreisen die Auffassung, dass alles deutsch sei, worauf ein Deutscher auch nur seinen Fuß setzen würde. Dieser germanische Anspruch erreicht auf gezeichneten Karten das gesamte Europa – und so ist die Bemühung um die Niederwerfung Frankreichs und die Annexion von Paris erklärbar: sobald ein deutscher Zivilist seinen Fuß in die Stadt setzt, gilt sie diesen Kreisen als Eigentum Deutschlands.

Angela Merkel beklagt in ihrem Schreiben, dass die UN-Resolution für die Stadt Paris die Bezeichnung „Stadt Paris“ verwendet habe, was auf einen radikalen Antigermanismus hinwiese – denn Deutschland verwende für die Stadt, über die sie zweimal (!) die Herrschaft ausgeübt habe, den Namen „Kirchstädt“. Dadurch, dass die Resolution nicht auf „Kirchstädt“, sondern auf „Paris“ aufgemacht sei, verriete sich der rassistische, antigermanische Ansatz der Resolution.

Das ist die Situation der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. UN-Chartas haben zum Anlass der Gründung des Staates Israel festgeschrieben, dass der Ostteil der Stadt die künftige Hauptstadt Palästinas und dass die al-Aqsa-Moschee israelischem Zugriff als Territorium und zentrale Gebetsstätte entzogen werden solle. Die militärische so wie polizeiliche Kontrolle über den Tempelberg wurde von der UN definitiv Jordanien übertragen; die jordanische Waqf-Einheit ist dort seit Jahrzehnten stationiert. Israel beklagt sich in Form eines Briefes von Netanyahu darüber, dass die Resolution vom „al-Aqsa mosque/al-Haram al-Sharif“-Gebiet spräche, was angeblich wegen der einstigen Herrschaft israelischer Stämme über Jerusalem und die al-Aqsa-Moschee, die vor Jahrhunderten ihr Ende fand, klar Antisemitismus ausdrücke.

Extreme Strömungen in Israel fordern seit vielen Jahren die Zerstörung der al-Aqsa-Moschee und die Integration des Tempelbergs in israelisches Territorium – dies stellt selbstverständlich einen klaren Bruch aller einschlägigen Entscheidungen der UN dar. Wiederholt haben israelische Soldaten den Tempelberg so wie die darauf befindliche al-Aqsa-Moschee mit scharfen Waffen angegriffen und Zerstörungen angerichtet. In vielen Dutzend Fällen verweigerten sie Muslimen den Zutritt in dies Gebiet, welches in keiner Hinsicht israelischer Kontrolle unterliegt.

Die Resolution sagt tatsächlich, dass sie verdamme:

„… die ausufernde, israelischen Aggressionnen und illegalen Maßnahmen gegen die (jordanische) Waqf-Schutzmacht und ihr Personal und gegen die spirituelle Freiheit der Muslime und ihren Zutritt zu al-Aqsa mosque/al-Haram al-Sharif und fordert Israel, die Besatzungsmacht, dazu auf, den historischen status quo zu beachten und die Maßnahmen sofort zu beenden.“

Na … viel musste am Originaltext der Resolution nicht verändert werden, um das obige Beispiel passend zu gestalten, nicht wahr?

Die üblichen Verdächtigen haben sich auch diesmal als wahrhaft „treue Freunde“ Israels geoutet:  die USA, England, Deutschland, Litauen, Estland und die Niederlande stimmten gegen die Resolution, wobei zumindest die Position gerade von Litauen und Estland als tatsächlich gekauft betrachtet werden muss, weil die genannten Länder weder historisch, noch wirtschaftlich oder politische irgendeine Beziehung zu Israel haben. Russland und China haben der Resolution zugestimmt.

Wie nicht anders zu erwarten, weist Israel die (wegen der Vetos ohnehin nicht bindenden) Resolution schärfstens zurück. Netanyahu tönte:

„Sagen zu wollen, dass Israel keine Beziehungen zum Tempelberg und zur westlichen („Klage“-) Mauer habe, wäre nichts anderes als zu sagen, dass China keine Beziehungen zur Großen Mauer oder Ägypten zu den Pyramiden habe!“

Das ist natürlich völliger Unsinn!

Erstens: Im Falle Chinas und Ägyptens handelt es sich um Nationalstaaten, die seit der Errichtung der genannten Bauwerke ununterbrochen auf ihrem Territorium gelebt und geherrscht haben und im gesamten Zeitraum als Nation klar definiert gewesen waren.

Zweitens: Der Staat Israel hat keinerlei Beziehungen zur al-Aqsa-Moschee oder zur Klagemauer, da er vor vergleichsweise wenigen Jahren überhaupt erst gegründet wurde. Netanyahu versucht über diese „Hintertür“ nur der falschen Behauptung, Israel sei angeblich ein „jüdischer“ Staat, über diesen Umweg aufs Pferd zu helfen. Hätte er nur von Juden gesprochen, die ein intensives Interesse am Betreten der Gebiete haben, so wäre auch das falsch, da etliche Rabbiner es für Juden verbieten, das Gebiet überhaupt zu betreten.

Was ich oben über die Idee, dass jemand kraft seines Fußabdrucks nationales eigentum schafft, geschrieben habe, ist (leider) kein Witz: dies Denken existiert in wesentlichen Kreisen, gerade unter israelischen Siedlern im Westjordanland etwa, tatsächlich. Sie bilden sich ein, dass ihnen gehöre, worauf sie gerade stünden. Hierfür existiert sogar eine geographische Karte, die das ganze, hierfür in Frage kommendes Gebiet eindrucksvoll darstellt – es reicht über die gesamte, saudische Halbinsel, weit in den Norden bis in die Türkei und südlich tief in das gesamte Nordafrika hinein. Wo immer ein Jude in diesem Gebiet stünde, so geht der Irrsinn dieser rassistischen und faschistischen Siedler, sei ihr Eigentum und somit jüdisch. Was für ein vollkommen verrückter Wahnsinn!

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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