Ägypten – es ist zwölf Uhr.

Für Europa und die USA, sowie für Saudi-Arabien und andere Golf-Staaten wird es ein sehr, vermutlich äußerst böses Erwachen geben: wie die Dinge stehen, bahnt sich in Ägypten eine weitere Revolution an. Und diese wird um ein Vielfaches blutiger, grausamer, verlust- und tränenreicher als die vom 25. Januar 2011. Sie wird sogar den entsetzlichen Militärputsch, infolgedessen ungefähr 50.000 Menschen in Gefängnisse geworfen und mindestens zehntausend Menschen brutal auf offener Straße mit automatischen Waffen niedergemäht worden sind, noch weit übertreffen.

Einigen Blättern der arabischen Presse steht jetzt bereits der nackte Schrecken ins Gesicht geschrieben; alle ernstzunehmenden, außerägyptischen Zeitungen registrieren nicht nur eine zunehmende Unzufriedenheit, sondern eine vollkommene Verzweiflung innerhalb der Bevölkerung, die sich trotz drakonischer Strafen, Hinrichtungen und Folter immer offener, immer zahlreicher und immer deutlicher Bahn bricht.

Was vor wenigen Monaten wegen der totalen Überwachung und Kontrolle jedes Bürgers durch die Regierung noch undenkbar schien, wiederholt sich in dramatisch verkürzten Zeitabständen: einige völlig demoralisierte Bürger beginnen sich in der Öffentlichkeit rückhaltlos zu äußern. Eine Mutter von vier Kindern, auf der Straße von Journalisten angesprochen, versicherte sich erst zurück, dass ihre Worte auch wirklich gesendet würden, und sagte dann:

Die fetten Katzen haben über 50 Jahre lang unser Blut gesaugt …. wir – die normalen Leute – beginnen jetzt, voneinander zu stehlen.

Was sie meint, ist nicht nur die galoppierende Inflation, die allein nur von Februar 2016 bis 16,4 Prozent im August hochgeschnellt ist, sondern auch die künstliche Verknappung und dramatische Verteuerung von grundlegenden Lebensmitteln. In Ägypten herrscht eine schier unglaubliche Misswirtschaft; nur der Bedarf von Zucker liegt bei etwa 3 Millionen Tonnen pro Jahr, wobei die ägyptische Binnenproduktion davon nur 2 zur Verfügung stellt. Die restliche Menge wird jedoch weder von der Regierung, noch von der Wirtschaft bereitgestellt, da deren Einkauf auf dem internationalen Markt wegen des lotrecht abstürzenden, ägyptischen Pfundes in Dollar nicht mehr bezahlbar ist.

Da der Diktator nichts als Druck, Gewalt, Terror und Mord kennt, hat er nun für die Bevölkerung das Horten von mehr als zwei Kilo Zucker unter Strafe gestellt. Andere Maßnahmen fallen ihm nicht ein; der kürzlich vom IWF (Internationalen Währungsfond) bereitgestellte Milliardenkredit wird ebenso in den Taschen der Machthaber versickern wie die vielen Milliarden zuvor, die Saudi-Arabien neben anderen Golfstaaten nach Ägypten gepumpt haben.

Sie sind alle Lügner und Heuchler, und machen Millionen auf dem Rücken der armen Leute!

setzt die Frau noch hinzu. Nicht zu unrecht, immerhin stieg die Armut in Ägypten sprunghaft auf 27,8 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Ob es sich um einen bewussten Bezug zum berühmt gewordenen Mohamed Bouazizi handelte, der mit seiner Selbstverbrennung zum Anlass, zum Startschuss der tunesischen Revolution geworden ist, ist unklar – zu Beginn dieser Woche jedoch hat sich ein Mann aus Verzweiflung darüber, dass er durch seine Arbeit seine Ernährung nicht mehr sicherstellen konnte, in Alexandria vor einem Militärstützpunkt mit Benzin übergossen und ist schreiend unter Qualen brennend gestorben. Der Vorfall ist auch noch gefilmt worden; ich habe den Film gesehen und verlinke ihn hier nicht, weil er traumatisierend ist.

Im gesamten Nahen und Mittleren Osten wurde ein ägyptischer Tuk-Tuk-Fahrer berühmt, der ähnlich wie die zitierte Mutter auf der Straße interviewed wurde, sich ebenfalls danach erkundigte, ob er unzensiert gesendet würde und dann seiner Verzweiflung und Ohnmacht ungebremst Ausdruck verlieh.

Sie geben unbekannte Milliardensummen für Mega-Projekte aus und unsere Schulausbildung ist die niedrigst mögliche?

Anschläge in den ohnehin durch Unsicherheit destabilisierten Gebieten wie dem Sinai etwa erschüttern nicht nur Ägypten – sondern gleich die gesamte Region. Durch die vielen, blutigen Verfolgungsjagden, die der Dikatator durch Polizei und Militär veranstalten lässt, bildet sich seit geraumer Zeit in Ägypten ein für Terroristen aller Art sehr anziehender Raum. Selten war es so leicht, an Waffen zu kommen und sie mehr oder weniger problemlos überall hin zu bringen.

Die durch die ägyptische Revolution in 2011 bekannt gewordene Musikband „Cairokee“ hat unlängst ein Statement folgenden Inhalts gemacht:

Die Leute glauben die Lügen der lokalen Presse nicht mehr. Sie glauben es nicht mehr. Startet den Countdown …

Der „Countdown“ für eine neuerliche Revolution ist gestartet. Der Diktator hat als Regierungschef auf der ganzen Linie total versagt; ihm fehlen alle Mittel, das Los der Bevölkerung in einer annehmbaren Zeitspanne zu erleichtern. Sein Reden, sein Einpeitschen, alles sei angeblich nur das Werk ägyptenfeindlicher Kräfte, von agents provateur, von Verschwörungen und es gälte nur, diese Bedrohung auszuschalten und alles würde gut, verfängt schon seit langem nicht mehr. Bisher herrschte nur wegen der Leichtigkeit, mit der man heutzutage in Ägypten als grauenvoll verstümmelte Leiche plötzlich zwischen Mülltonnen wieder auftaucht, eine gewisse Form der Friedhofsruhe.

Uns Europäern erscheinen die obigen Zitate angesichts der z.T. sehr massiven Kritik, die wir hier von oppositionellen Parteien und Gruppierungen an unseren eigenen Systemen erleben, eher milde. Man darf aber nicht vergessen, dass jede Form von Kritik an der Regierung in Ägypten tödlich sein kann und dass das gesamte Land zwischenzeitlich durchsetzt ist von Spionen, die selbst im Privatbereich leicht dahingesagte Halbsätze zur Anzeige bringen. Es sind Fälle belegt, in welchen eine kritische Aussage von Passagieren in einem Minibus dazu führten, dass Mitfahrer bei der nächsten Gelegenheit ausstiegen und die Polizei gerufen hatten – und die harsche Androhung von harten Strafen, wenn dies unterbleiben sollte, tut ihr Übriges. Wer seinen Nachbarn nach dessen regierungskritischem Stöhnen nicht ausliefert, macht sich nach Auffassung der ägyptischen Justiz sofort mitschuldig.

Deshalb sind die obigen Zitate ganz besonders brisant und ein starkes Zeichen für gärende Unruhe, Wut und Verzweiflung …. wer sich im Ägypten dieser Tage erst versichert, dass auch wirklich alles von seinen Aussagen gesendet wird, nur um dann mit einem leidenschaftlichen Ausbruch fortzufahren, der ist vollends verzweifelt – und rechnet daraufhin sofort mit seinem Verschwinden, oder sogar mit dem Tod.

Die nächste Zukunft ist vorgezeichnet. Die Geldtransfusion dominierender Golf- und Ölstaaten in extremen Höhen versickerte größtenteils in privaten Taschen und wurde nur im Pfennigbereich in die Stabilisierung des Staates investiert. Im Ergebnis liegt die Wirtschaft vollständig am Boden und ist kaum noch in der Lage, durch ihre Erzeugnisse und Arbeitsstellen das Land auch nur näherungsweise die einfachste Grundversorgung sicherzustellen. Nun wird zusätzliches Geld ins Land gespült, das dem Diktator ebenfalls nur eine kurze Atempause sicherstellen wird, da auch davon der überwältigende Teil über die alten, korrupten Systeme verschwinden wird wie Schnee vor der Sonne. Das belastet und verschuldet Ägypten weiter und frisst weiter an der Substanz des Landes. Im Ergebnis kann die Belastung des Einzelnen im Land nur rasch weiter steigen – wobei schon heute nur noch höchstens ein Drittel (!) der Gesamtbevölkerung heute kein größeres Problem hat, die eigenen Familienmitglieder satt zu bekommen. An Ausbildung und sonstige, private Investitionen ist überhaupt nicht zu denken.

Die Diktatur hatte sich dem Kampf gegen den Terror verschrieben und zum eigenen, größten Unglück diesen beinah ausschließlich nur auf die Muslimbrüder konzentriert. Daraus entwickelte sich eine sehr lebhafte, fröhliche und hervorragend mit allem ausgestattete Terrorszene, die sich aus diversen Gruppen zusammensetzt und beinah im Wochentakt (!) das ganze Land blutigen Anschlägen aussetzt. Kein Zweifel: dem Terror geht es momentan in Ägypten besonders gut – sie können sogar mit Lenkraketen auf Zerstörer der ägyptischen Marine feuern. Dass sie die Dinger nicht nur haben, sondern auch erfolgreich ins Ziel bringen, beweist ihre hohe, militärische Kompetenz, die von zahllosen Waffenlieferungen aller potenten Anbieter in die ganze Region mit Material versorgt wird.

Es sollte mich wundern, wenn nicht irgendwann im nächsten Jahr vielleicht eine neue Revolution in Ägypten losbricht – die Verzweiflung der Massen und die Hoffnungslosigkeit aufgrund der totalen Unfähigkeit und grenzenlosen, menschenverachtenden Brutalität des Diktators lässt kaum etwas anderes erwarten.

Ägypten wird sich blutig schälen.

Aber es wird auch diesen Diktator beseitigen, wie schon so viele vor ihm. Davon wird das Land nicht untergehen – aber es wird daran unsäglich zu leiden haben.

Ich persönlich finde deutsche Urlauber, die von den billigen Reisepreisen in Ägypten profitieren wollen, vor dem geschilderten Hintergrund abstoßend.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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