Ägypten – ein heißer November?

Die Lebensumstände in Ägypten verschlimmern sich derzeit beinahe täglich. Die Gründe dafür liegen für aufmerksame Beobachter auf der Hand: einerseits überzieht der Diktator das gesamte Land durch drakonische und brutale Mittel einer Säuberung von aller möglichen Kritik und andererseits zeigt er sich auch weiterhin vollkommen unfähig, die Wirtschaft am Leben zu erhalten.

Für die Bevölkerung zieht dieser vollkommen wahnsinnige Regierungskurs schwere und schwerste Probleme nach sich und stürzt viele nicht nur in die Armut, sondern auch in vollständige Verzweiflung.

Die schier unglaublichen Milliardensummen, die einige Golfstaaten in den letzten zwei Jahren nach Ägypten gepumpt haben, sind weder in die Bevölkerung, noch in eine Restrukturierung bzw. Sanierung der Binnenwirtschaft, sondern fast vollständig (!) in wenige, private Taschen geflossen. Im Ergebnis bildete sich vor einigen Monaten ein gähnendes, in seinen Ausmaßen erschreckendes Loch in der Finanzierung des gesamten Staates. Unter dem Siegel der Anonymität flüsterten viele Beteiligte, dass zur Zeit des ungebrochenen Geldstroms eine innere Leichtigkeit und ein großes Amüsement in der Spitze der Diktatur herrschte. Man müsse ja nur telefonieren, dachte man, und schon schicke Riad die nächste Tranche von einigen Milliarden – es ist ja genug für alle da. Bloß nicht für den „kleinen Mann“ auf der Straße.

Als die einen Geldströme vom Golf langsam vertrockneten, brach Katerstimmung aus und hastig bemühte sich der Diktator, vom Internationalen Währungsfond (IWF) weitere Überweisungen zu erhalten, damit der Spaß nicht enden möge. Ägypten erhielt eine Zusage für 12 Milliarden, allerdings ist die Auszahlung an die vorherige Umsetzung von harten Maßnahmen gebunden.

Um das richtig bewerten zu können, hier ein paar Rahmendaten von der augenblicklichen Situation:

Die Inflation hat ein Sieben-Jahres-Hoch erreicht und liegt bei 14 Prozent.

Strompreise sind zwischen 25 und 40 Prozent gestiegen.

Unter die Armutsgrenze fallen momentan 27,8 Prozent der gesamten Bevölkerung.

Das Ägyptische Pfund erlebt eine rasende Talfahrt, der Wechselkurs, offiziell mit 8,88 (Pfund per Dollar) angegeben, wird tatsächlich jedoch bei etwa 15,6 gehandelt. Das hat zur Folge, dass die Wirtschaft notwendige Importe nicht tätigen kann und Produktionsstätten (zumindest vorübergehend) schließen muss – was die prekäre Situation der Arbeitnehmer natürlich weiter verschlimmert.

In der Konsequenz müssen die Menschen aufgrund der Inflation nicht nur mindestens 14 Prozent mehr zur Lebenshaltung ausgeben, ihnen bricht auch noch das Angebot fort. Für viele bedeutet das den Weg in die Obdachlosigkeit und in den Hunger. Tausende von Familien können keine ausreichende, geschweige denn regelmäßige Ernährung mehr sicherstellen und selbst wenn die Eltern mehrere Jobs ergattern und bedienen können oder könnten, reichen die Einnahmen bei weitem nicht mehr aus. Der Staat zieht sich mangels Geld selbst aus grundlegenden Aufgaben zurück; Gesundheit, Bildung und sonstige Infrastruktur liegen brach.

In den zurückliegenden Jahrzehnten hatte Ägypten häufiger große und größte, wirtschaftliche Probleme, da ein generell eigentlich gesunder Staatshaushalt durch unvorstellbare Gier und Korruption auf das Schwerste belastet wurde. In diese Lücke stieß seinerzeit die Muslimbruderschaft vor und erledigte Staatsaufgaben auf ihre Kosten; sie errichtete und betrieb Schulen, Krankenhäuser, kümmerte sich auf vielen Ebenen des Daseins um die Menschen. Durch die gnadenlose Verfolgung durch den Diktator al-Sisi fiel diese caritative Tätigkeit neben einigen, staatserhaltenden Tätigkeiten fort – und nun gibt es da niemanden mehr, der die Folgen ruinöser Politik in Grenzen hält. Jede Schieflage drückt sich nun ungebremst auf die Bevölkerung durch.

Es könnte sein, dass sich, den Verboten zum Trotz, im Verlauf des November etliche Demonstrationen und Proteste zusammenfinden. Und es wäre nicht völlig undenkbar, dass sich, sollte die Staatsmacht diesmal wieder hunderte von Menschen auf offener Straße abknallen, daraus eine wütende und überaus blutige, gewaltvolle, neue Revolution bildet. Viele Halbsätze in sozialen Netzwerken, viele Aufrufe, viele geschüttelte Fäuste und eine anwachsende Offenheit in der Kritik lassen darauf schließen. Die Politik des Diktators hat zwischenzeitlich viel zu viele von denen, mithilfe derer er sich an die Macht geputscht hatte, längst in Gefängnisse werfen oder hinrichten lassen. Etliche seiner ehemaligen Unterstützer sind heute selbst Verfolgte.

Selbst die zentrale Idee des Putschisten von 2013, er wolle angeblich die „Islamisierung“ Ägyptens durch den seinerzeit frei gewählten Dr. Mohammed Morsi verhindern, hat sich ins Gegenteil verkehrt: da, wo Dr. Morsi auf jedweden religiösen Bezug in seiner Politik verzichtet hatte, hat ihn der Diktator al-Sisi ganz besonders betont. Da, wo sich Dr. Morsi persönlich islamistischem Hass entgegenstellte, entzündet ihn al-Sisi – sehr bewusst.

Die Menschen in Ägypten stehen momentan unter einem fürchterlichen, existenziell massiv bedrohlichem Druck. Wenn in diesem November keine neue Revolution ausbricht, kann sie unmöglich noch lange auf sich warten lassen. Der IWF erhebt harte Forderungen zur Kreditgewährung und bekanntlich lässt er sich dabei ausschließlich von wirtschaftlichen und keinesfalls von humanitären Erwägungen leiten – was seine Forderungen auf „der Straße“ erzeugen, interessiert ihn nicht. Daher soll, so der Diktator, womöglich sogar die Subvention des Brots und von Treibstoff eingestellt werden. Wenn der Brotpreis aber in die Höhe schießt, bedeutet das für Hunderttausende, wenn nicht Millionen tatsächlich das Aus. Wie sich ein Ägypter vor der Presse äußert, sind mit ihm sehr viele Menschen dann gezwungen, „andere zu bestehlen“.

Wer noch immer nicht verstehen will, wo Ägypten steht, der wird spätestens wach werden, wenn die ersten Hungertoten, Plünderungen, Aufstände gemeldet werden. In Alexandria hat sich bereits ein Mann wegen der Unmöglichkeit, sich durch seine Arbeit ernähren zu können, bei lebendigem Leib angezündet und er könnte theoretisch dadurch zur Fackel der neuen Revolution werden.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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