Irak und Syrien – die Speisekarte der Gewalt ist fertig.

Da weiß man nicht, ob man heulen oder lachen soll.

Angesichts der Stimmungslage, nach welcher der gesamte Westen der Einschätzung zum Opfer gefallen ist, dass schon alles in Ordnung käme, wäre erst einmal Daesh niedergerungen, ist die Verzweiflung näher als alles andere.

Kaum bis niemand, selbst in höhere Regierungskreise hinein, realisiert die Realität in der Region.

Irak

Alle Welt glaubt beispielsweise, dass die Befreiung von Mossul das Ende für Daesh bedeuten würde und das Land zur Ruhe und Ordnung käme – da ja in Baghdad immerhin seit einigen Jahren statt der Hussein’schen Diktatur nun eine Demokratie herrsche. Kaum jemand allerdings rechnet damit, dass die Bevölkerung von Mossul mit allerdings gemischten Gefühlen auf ihre „Befreier“ wartet, die in den zurückliegenden Jahren in anderen, „befreiten“ Orten entsetzliche Massaker unter den „Befreiten“ angerichtet hatten. An Grausamkeit standen sie ihrem Feind, Daesh, in nichts zurück. Sie haben massenweise exekutiert, enthauptet, Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Die Milizen sind, wie die irakische Armee selbst auch, überwiegend Shiiten. Sie betrachten grundsätzlich nicht nur Sunniten als ihre Feinde, sondern rächen sich auch dafür, dass sie sich häufig aus Furcht vor den Shiiten Daesh angeschlossen hatten – Daesh war lange Zeit der einzige, der die Vernichtung von Sunniten durch die irakische Regierung aufgehalten hatte. Nouri al-Maliki war einst Premierminister mit weitreichendsten Vollmachten – und Shiit. Er hat über Jahre die Armee zur Vernichtung von Sunniten quer durch den Irak geschickt und stellenweise schwere Artillerie wahllos in die Dörfer hineinfeuern lassen, in welchen Sunniten auch nur vermutet wurden.

Die Shiiten im Irak erhoffen sich kaum weniger als eine ethnische Säuberung von Mossul; ihnen ist der Sieg über Daesh nicht genug. Unter dem Tarnmäntelchen des Kriegs gegen Terror erreicht Baghdad ein Stillhalten der Welt. Dazu stoßen entgegen des ausgesprochenen Willens Baghdads und vieler anderer Peshmerga-Kämpfer schneller und entschiedener vor als beabsichtigt. Hintergund für sie ist, Mossul samt seiner reichen Ölvorkommen in ein neu auszugründendes „Kurdistan“ einzugliedern und sozusagen vom Start weg damit einen überreichlich bestückten Haushalt durch Öl zu erzielen. Dagegen aber lässt die Türkei augenblicklich starke Einheiten an der Grenze aufmarschieren; die türkische Armee droht mit kriegerischer Intervention für den Fall, dass Shiiten in Mossul einfallen um Sunniten wahllos unter dem Vorwand, angeblich Daesh unterstützt zu haben, zu massakrieren oder dass sich Kurden mit dem Ziel, Mossul zu ihrer Hauptstadt erklären zu wollen, in die Stadt bewegen. Hier haben wir für die Zukunft folgende, mächtige und hochentschlossene Kampfparteien: Kurden, Shiiten, Sunniten. Deshalb halte ich es persönlich für völlig ausgeschlossen, dass der Krieg nach der Befreiung von Mossul enden könnte – oder binnen der kommenden fünf Jahre beigelegt werden könnte. Eher wahrscheinlich ist für mich ein größerer Krieg zwischen der Türkei und etwa dem Irak.

Es existieren in Baghdad keine demokratischen Kräfte; die Regierung dort gibt sich lediglich diesen Anstrich, um ihre Kampf- und Rückeroberungskriege weiterführen und die Aggression gewissermaßen Daesh „in die Schuhe schieben“ zu können – eine klassische „false-flagg“-Operation. Es herrscht der unter Hussein ebenfalls etablierte Nepotismus; am Beispiel von Ammar Al-Hakim wird dies deutlich: er ist als junger Mann der Vorsitzende des „Islamic Supreme Council“, einer shiitischen, politischen Partei. Er hat diesen Posten durch vorgeblich „demokratische“ Wahlen von seinem Vater, Abdul Aziz Al-Hakim, übernommen und dieser hatte ihn auf gleiche Weise von seinem Bruder, Mohammad Baqir Al-Hakim erhalten. Ämter, Posten, Vorstände wechseln auf diese Art und Weise ihre Besitzer – von „Wahlen“, die diese Bezeichnung verdienen, kann keine Rede sein.

Syrien

Mit einer geradezu faszinierenden Geschwindigkeit rückt die Welt immer weiter von ihrer Forderung, Bashar al-Assad müsse beseitigt werden, ab. Seine Vernichtungswellen gegen seine Bevölkerung erzielen nur noch kleine Spitzen in der medialen Welt; seit man Russland als „Feind“ thematisiert, reagiert man auf al-Assad gemäßigter. Von dem Weg, angeblich „gemäßigte“ Rebellen zu finanzieren und auszustatten, rückt der Westen noch immer nicht ab und will auch gar nicht deutlich vor Augen stehen haben, wohin dieser Krieg nur führen kann: selbst für den sehr unwahrscheinlich gewordenen Fall, dass al-Assad doch noch stürzen könnte, sieht man sich dann einer unüberschaubaren Phalanx von unterschiedlich radikalisierten Gruppierungen gegenüber, die ausnahmslos alle nur ein einziges Ziel eint: die Macht über Syrien. Es gibt in und für Syrien keine politischen oder militärischen Etappen mehr, über die sich nachzudenken lohnt. Es ist völlig unerheblich geworden, ob Russland nun bombt oder nicht. Die Bomben, die Putin nicht werfen würde, würde schon irgendein „Rebell“ doch werfen. Selbst wenn plötzlich aufgrund irgendeiner Eingabe alle Kriegsteilnehmer die Waffen schweigen lassen würden, versänke Syrien dennoch weiterhin im Chaos. Die derzeitige Regierung ist nicht akzeptabel und es gibt nichts und niemanden, dem die Regierung über Syrien anzuvertrauen wäre, ohne dass darüber selbstverständlich neue, zähe, jahrelang andauernde (Vernichtungs-) Kriege entstehen würde. Hier über Schuld zu sprechen, ist müßig, weil allen Handelnden sattsam bekannt: natürlich hätte man unter keinen Umständen Waffen in die entzündete Region schicken dürfen und wer immer geliefert hat, ist verantwortlich. Es hat zu keinem Zeitpunkt irgendeine Kraft gegeben, der man Waffen hätte anvertrauen können; etliche Empfänger von Lieferungen haben diese postwendend gegen harte Devisen weiterverscheuert – manchmal wechselten gegen Bares westliche Waffen sogar zwischen Feinden. In einer unüberschaubaren Anzahl von Fällen drehten sich einstmals „gemäßigte“ Rebellengruppen, womöglich sogar mit säkularer Agenda, innerhalb weniger Tage in eine verblendete Kampftruppe mit entgegengesetzter Zielrichtung – und verfügte über containerweise leichte und schwererer Waffen aus dem Westen. Man hätte, als der Bürgerkrieg in Syrien vor etwa fünf Jahren ausbrach, seitens des Westens alles mögliche tun können – aber bloß eines nicht: das, was man tatsächlich getan hat.

Im Fazit bleibt festzustellen, dass in beinah allen Betrachtungsaspekten der gesamte Westen unter Führung der USA auffällig viele Fehler – oder „Fehler“ gemacht hatte, die allesamt zu einer zuverlässigen Fortführung kriegerischer Konflikte führen und diese Konflikte auch für die nächsten Jahre und Jahrzehnte heiß hält. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker und hege dennoch die dringende Vermutung, dass die momentane und mittelfristig zu erwartende Realität absichtsvoll in Szene gesetzt wurde. Der gemeinsame Nenner muss das Öl sein. Niemand kann mir angesichts des oben beschriebenen Schreckens noch halbwegs eingänglich erklären, dass nur Dummheit, Kurzsichtigkeit, Planlosigkeit aller Regierungen des Westens in diese Situation geführt und das Öl nie einen überwältigenden Teil der Erklärung gestellt hatte.

Eher im Gegenteil nehme ich stark an, dass gerade die innerislamischen Konflikte zwischen Sunniten und Shiiten sehr bewusst, ziel- und planvoll zur Strategie erhoben wurden. Unsere Geschwister werden in der Region auf das Widerwärtigste benutzt – und nicht beweint, beschützt, geschweige denn befreit.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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