Ägypten – ein Verräter taucht auf

An diese Bilder erinnere ich mich nur allzu genau – und heute mit aufkommender Übelkeit dabei. Damals, in 2011, erschien mir der Name als Hoffnungsstreif für Ägypten, als Lösung, als Garant für politisch befriedete Fahrwasser im Zuge der Revolution.

Mohamed el-Baradei.

Heute erinnern sich nur noch wenige an diesen Namen; er war einmal Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde und hat mit hohem und höchstem Engagement allen Versuchen der USA, Unter- bzw. Durchsuchungsberichte bezüglich Iran fälschen zu sollen, standgehalten. Es mangelte nicht an Versuchen, ihn seines Amtes zu entheben und mit Unterstellungen, Flüchen, Vorwürfen und sonstigem Gekreische einzudecken, da die USA zu diesem Zeitpunkt durchaus willens waren, einen Krieg gegen Iran anzuzetteln. Dazu hätte man einen willfährigen Direktor der Atombehörde dringend gebraucht, der „Beweise“ dafür vorgelegt hätte, dass Iran längst an einer Atombombe schraube. Es gab diese Beweise nie – und so liefen alle angestrengten Kriegsvorbereitungen der USA ins Leere, da man sonst keinen Punkt gefunden hatte, aus dem sich ein Angriffskrieg gegen Iran heraus hätte rechtfertigen lassen. Nicht zuletzt auch für diese unerschrockene Standhaftigkeit wurde el-Baradei sogar der Friedensnobelpreis verliehen.

Nach diesem Amt zog sich el-Baradei zunächst als Privatier zurück. Als der 25. Januar 2011 heraufdämmerte, der den vormaligen Diktator Hosni Mubarak in Ägypten aus dem Amt fegte, da wurden die oben erwähnten Bilder gemacht. Mohamed el-Baradei stieg in Kairo aus dem Flugzeug und bekundete sein Interesse, am Aufbau eines neuen Ägypten mitwirken zu wollen. Zunächst trat er Vermutungen, er könne gar für das Amt des Präsidenten kandidieren, nicht entgegen. Erst, als er dabei beinahe tatenlos zusah, wie die alten Seilschaften Mubaraks in neu aufgestellte Startblöcke sanken um den Umbruch möglichst unbeschadet zu überstehen, da ließ er zur ungeheuren Verunsicherung aller verlauten, er wolle wohl doch lieber nicht kandidieren. Das war ein halber Schock. Obschon er einigen seiner Landsleute immer als Ägypter fremdgeblieben war, setzte doch eine große Mehrheit alle Hoffnungen auf ihn. Er galt als international äußerst beliebt, sehr gut vernetzt, hartnäckig, unkorrumpierbar, eloquent und leidenschaftlich.

Die Kandidatur schlug er dann mit dem furchtbarsten aller Sätze aus, den er je hätte sprechen können:

„Nein, ich lasse mich nicht als erster Präsident verbrennen.“

Es ist geradezu tragisch für ganz Ägypten, dass erst seine Handlungen zwei Jahre später darlegen sollten, was er in 2011 genau damit gemeint hatte.

Er begab sich recht schnell in Opposition zum dann frei gewählten Präsidenten Ägyptens, Dr. Mohammed Morsi und ließ sich zum allgemeinen Erstaunen vor den Karren einer hysterisch, beleidigt, aggressiv und unversöhnlich agierenden Opposition spannen. Wie diese formulierte er einerseits Maximalforderungen an den neuen Präsidenten, verweigerte gleichzeitig konstruktive Mitarbeit, um die er von Dr. Morsi dringlich und mehrfach gebeten worden war und sah dabei tatenlos zu, wie sich der korrupte Unterbau eines Mubarak nach und nach der gesamten Opposition bemächtigte.

Er will, als es dann Ende Juni 2013 zur blutigen Konterrevolution, zum Militärputsch kam, von den geplanten Massakern angeblich nichts gewusst haben und getäuscht worden sein. An diesen Tagen starben 1.150 Menschen; sie wurden von Maschinengewehren auf den Straßen umgemäht, von Scharfschützen in den Kopf geschossen, von Helikoptern aus gezielt abgeknallt. Das entsetzlichste Massaker geschah am Rabaa-Platz. Dort erschossen Soldaten allein innerhalb weniger Stunden 817 Menschen, darunter Frauen und Kinder.

Human Rights Watch formulierte damals, dass dies das schlimmste Massaker an Demonstranten in der gesamten, neueren Menschheitsgeschichte gewesen sei. Nebenbei bemerkt wunderte ich mich damals schon überhaupt nicht darüber, dass im Westen Schweigen darüber bewahrt wurde. Niemand hatte seitens europäischer Spitzenpolitik all die vielen furchtbaren Fotos und Videos von den Erschießungen kommentiert. Waren ja auch bloß Ägypter. Und ganz nach Wunsch der USA hatte man den ersten Präsidenten eiskalt fallenlassen; fest zugesagte und auch eingeplante Kredite wurden ganz plötzlich verweigert. Währenddessen entstanden Fotos, die einen von Tag zu Tag entspannteren Netanyahu zeigten, was nicht von ungefähr kam. Netanyahu mochte Dr. Morsi nicht, weil dieser mit einer völlig überraschenden Intervention zwischen Israel und dem Gaza-Streifen erfolgreich vermittelt hatte und einen fest geplanten Vernichtungskrieg Israels gegen Palästina dadurch ausfallen ließ.

El-Baradei, der im Grunde wenige Tage zuvor vom neuen Diktator und Putschisten al-Sisi zum „Vize-Präsidenten“ erklärt worden war, tauchte plötzlich ab, als der letzte Schuss auf dem Raaba-Platz verhallte.

Verschwunden. Weg. Futsch. Abgetaucht.

Heute, nach drei qualvollen, bitteren, blutigen Jahren, die für alle Ägypter voll waren mit Hass, Angst, Terror durch die eigenen „Sicherheits“-Kräfte, Hunger, Verzicht und allerlei sonstigen Bedrohungen, nach dieser ganzen Zeit meldet sich el-Baradei über soziale Netzwerke zurück und veröffentlicht weinerliche Absolutionen für sich selbst. Die Angelegenheiten, so schreibt er, hätten sich damals leider völlig anders entwickelt als er es je beabsichtigt habe.

Ich kann nicht sagen, wie die Mehrheit der Ägypter darüber denkt …. ich werde es über zahlreiche Kanäle in nächster Zukunft erfahren.

Ich kann nur sagen, wie ich darüber denke: Mohamed el-Baradei ist ein Verräter an seinem Heimatland geworden. Er trägt persönlich schwere, große Mitschuld an der brutalen Beseitigung des ersten (und im Grunde heute noch amtierenden!) Präsidenten Morsi, da er es persönlich und höchstselbst war, der jedwede Mitarbeit an konstitutionellen, absolut notwendigen Korrekturmaßnahmen verweigert und damit das Land in den Ruin geführt hatte. Er hat das Blut Tausender an den Händen, die in den Straßen Ägyptens bis heute unter den Kugeln des Diktators gefallen sind und die Tränen Zehntausender (!), die größtenteils bis heute ohne Anklage, ohne Rechtsbeistand in entsetzlichen Gefängnissen sitzen. Ihre „Nahrung“ ist Dreck mit Steinen und Ungeziefer darin, medizinische und anwaltliche Hilfe wird rundheraus verweigert, sexueller Missbrauch ist Standard, Verstümmelungen, Folter und Exekution ebenfalls. Hunderte sind für immer verschwunden, aller Wahrscheinlichkeit nach in Haft ums Leben gekommen und heimlich in der Wüste verscharrt oder tatsächlich als Müll entsorgt.

Nein – ich kann nicht sagen, dass ich „enttäuscht“ wäre, was el-Baradei betrifft. Das wäre eine streckenweise gelogene Verniedlichung. Nein – ich kann auch (hier) nicht hinschreiben, was ich ihm wünschen würde. Letztlich stünde mir das auch nicht zu, denn Allah wird ihn strafen dafür, dass er geholfen hat, Tausende von Geschwistern zu Tode zu bringen – und Allahs Strafe ist furchtbarer als jede, die ich mir ausdenken könnte …..

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Aegypten, Ägypten, Demokratie, Diktator, Diktatur, Extremismus, Folter, Geschichte, Gesellschaft, Kairo, Krieg, Menschenrechte, Militär, Militärputsch, Naher Osten, Parlament, Präsident, Revolution, Terror abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.