Verletzlich

Gestern betrachtete ich meine Frau, wie sie an der Anmeldung eines Krankenhauses saß. Mir krampfte sich das Herz zusammen.

Als ich sie vor fast 30 Jahren traf, war sie eine Walküre. Selbstbewusst, sehr klug, stark, eigenständig, lebenserfahren, schlank und dazu auch noch wunderschön. Ihre Liebe zu erringen war für mich als Mann eine Leistung, ein Geschenk. Sie war die erste Frau in meinem Leben, deren Kraft strahlte; so sehr strahlte, dass sich unsere Beziehung von Anfang an auf Augenhöhe einstellen konnte. Sie war eine Frau, nach der sich Männer umdrehten, nach der sie sich bei mir erkundigten, von der sie beeindruckt waren. Ich war immer sehr stolz auf sie und bin es ungebrochen bis heute.

Über Jahrzehnte erstreckte sich diese Kraft und Schönheit. Wir haben vier Kinder und heute sind sie allesamt erwachsen und sind längst keine Kinder mehr, sondern drei Männer und eine gestandene Frau. Vor Kurzem, als wir alle samt ihrer jeweiligen Beziehungspartnern zu meiner Mutter auf ihren Geburtstag eingeladen waren und sie alle an einer Tischseite Platz genommen hatten, platzte ich beinah vor Stolz. Neben mir meine wundervolle Frau und daneben die Kinder.

Und gestern sitzt diese Frau bei der Anmeldung im Krankenhaus.

Ich blicke ungern in den Spiegel. Das sehr dichte, pechschwarze Haar ist ganz wesentlich dünner und durchgehend ebenso grau geworden wie der Bart. Ich kann zwar noch meinen nicht allzu leichten Jagdbogen spannen, bin aber insgesamt wesentlich kurzatmiger und auch etwas stärker im Profil geworden, auch wenn ich alles andere als dick bin. Ich bin tatsächlich ein bisschen kleiner geworden.

Wir sind heute verletzlich, meine Frau und ich. Unsere Kraft, uns nötigenfalls gegen Riesen, Könige und Geister zu stellen, ist noch lange nicht weg, hat aber merklich abgenommen. Heute, nach sovielen Jahren, sprechen uns unsere Kinder durchaus häufiger mit großem Respekt an weil sie jetzt, da sie erwachsen sind, ermessen können, was wir geleistet haben. Was das bedeutete, mehreren Kindern mehrere Ausbildungen, ja sogar mehrere Studiengänge zu ermöglichen.

Wir haben gekämpft. Wirklich gekämpft. Wir haben Demos mitgemacht, Rückgrat im Alltag gezeigt, ich habe zum Schutz von zwei verängstigten, türkischen Frauen eine zünftige Prügelei gehabt. Unsere Autos wurden beschmiert, unsere Tochter als „Negerin“ bespottet und verfolgt. Die ganzen, „guten Deutschen“ aus unserer Nachbarschaft schneiden uns, weil wir keine Eisbeine fressen und nicht im Schützenverein saufen gehen, auch wenn uns sonst gar nichts von unserer Lebensweise von ihnen unterscheidet.

Mit jedem Tag mehr enttarnt sich der eine oder andere aus unserem engeren und weitläufigeren Bekanntenkreis als „guter Deutscher“ und zeigt auf einmal seine dumpfe Zombiefratze mit leeren, blutunterlaufenen Augen und dem kehligem Geheule: „Ich bin ja kein Ausländerfeind, aber …. “ und nach all den Jahren finden sie mich, den Muslimen, plötzlich unanständig, erkennen mich als „Volksfeind“. Sie meinen es noch nicht einmal böse, wenn sie mich einen „Islamisten“ nennen und wenn ich sie darauf anspreche, dass das richtige Wort „Muslim“ wäre, sind sie ganz betroffen. Viele von ihnen erkennen unsere Lebensleistung, die wir u.a. natürlich auch für Deutschland erbracht hatten, zwar an, würden sich aber dennoch freuen, wenn ich das Land verlassen würde. Was meine Frau und ich auch tatsächlich planen.

Am letzten Wochenende haben wir kehrt gemacht, noch bevor wir den Flohmarkt betreten haben, den wir eigentlich besuchen wollten. Uns wurde auf der Fahrt klar, dass er in einem braun durchsetzten Umfeld abgehalten wurde und uns schon bei einem in der Nachbarschaft Nazi-Devotionalien angeboten worden waren. Wir können nicht schweigen und hätten eine schwere Auseinandersetzung riskiert. Ich hatte einem Verkäufer entsetzt und angeekelt ein Messer zurück auf die Auslage geknallt, weil auf ihm ein (vorher nicht erkennbares) Hakenkreuz prangte. Das hätte schon gefährlich werden können. Denn auf einmal hätten all die Zombies Blutgeruch wittern und sich zu uns umdrehen können.

Ich liebe meine Frau und in all diesen Jahren ist diese Liebe höchstens noch tiefer und intensiver geworden. Ich kann sie nicht verletzt sehen, das bräche mir das Herz.

Und gestern sitzt diese Frau bei der Anmeldung im Krankenhaus.

Sie wirkte auf einmal klein, verletzlich, schutzbedürftig und ich hätte sie in diesem Moment gern ganz vor der Welt in meinem Herzen versteckt.

Es ist wirklich genug. Wir haben unsere Aufgabe vor jedem möglichen Kritiker glänzend erledigt. Aus jedem unserer Kinder wurden aufrechte Menschen, überzeugte Demokraten, freiheitsverliebt, unverbiegbar, selbstbewusst und keiner von ihnen würde sich wegdrehen, wenn in seiner Anwesenheit Menschen angegriffen werden. Im Gegenteil: sie mischen sich ein. Es ist genug.

Wir haben keine einzige (!) Wahl verpasst, keinen einzigen (!) Elternsprechtag. Uns ist es gelungen, eine ganze Familie (!) tatsächlich vor einem Todesurteil zu bewahren. Wir haben uns nie weggedreht. Wir waren immer zuständig – und haben gekämpft. Meistens gesiegt, manchmal verloren, Narben davongetragen, Angst und Hoffnung gehabt. Leider meistens ersteres häufiger.

Nun würden sie mich gern auf der Straße zusammenschlagen, wenn ich mich nur als Muslim durch Kleidung beispielsweise zu erkennen gäbe. Die „guten Deutschen“. Keinen einzigen Steuergroschen habe ich hinterzogen, ich habe meinen Zivildienst gemacht damals und beinahe hätte mir ein Alt-Nazi mit einem Stock den Schädel zu Brei geschlagen. Nur weil ich mich buchstäblich in der letzten hundertstel Sekunde noch wegdrehen konnte, streifte mich der Stock nur am Arm.  Die „guten Deutschen“.

Eine ordentliche Ausbildung habe ich gehabt und jeden Tag gearbeitet. Dem Unternehmen Umsätze und dem Staat Steuern verschafft. Niemand von uns hat jemals einen „guten Deutschen“ beschädigt, beleidigt, bedroht. Aber ich habe heute manchmal tatsächlich Angst um unser Leben.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Verletzlich

  1. Saxhida schreibt:

    Ein unglaublich starker Text in dem ich mich mit meiner Familie wiederfinde. Alles Gute.

    Gefällt mir

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