Selbstverständnis von Juden in Deutschland

Völlig klar: aus der Sicht der nachfolgenden Täter-Generation ist Vergangenheitsbewältigung recht einfach. Von den Jungen unseres Landes hört man immer wieder: „Ich habe nichts damit zu tun, mich belastet die Geschichte nicht.“

Mich treiben solche Sätze regelmäßig zur Verzweiflung, weil sie in den Köpfen der Menschen einen Betondeckel über das Problem werfen und es damit endgültig zu beerdigen hoffen. Wie man allerdings eindrucksvoll sehen kann, funktioniert diese Vogel-Strauß-Politik nicht und es kommt nur erschreckendes Vergessen dabei heraus, wenn man sich von allem lossagt und den Kopf in den Sand steckt. Davon geht die Schuld dieses Landes nicht weg. Selbst in der eigenen Familie stehe ich mit dieser Überzeugung ziemlich auf verlorenem Posten: wir alle, egal welchen Alters, sind Botschafter im Ausland und das Land wird ebenso wie seine Menschen und Geschichte an uns gemessen. Es steht uns gut zu Gesicht, wenn wir uns im Fokus von Nachfragen und Emotionen bezüglich des Dritten Reiches wiederfinden, das Leid, die Verzweiflung und den Hass unseres Gegenübers nicht mit dem trotzigen Satz fortzufegen der da heißt:

Ich habe nichts damit zu tun, mich belastet die Geschichte nicht.“

Damit ist unsere Aufgabe allerdings nicht erledigt. Wir haben uns selbst, unserem Land, unserer eigenen Gesellschaft und allen Menschen im Ausland zu beweisen, dass es andere, neue Rezepte gibt, andere, neue Ideen und keine Bösartigkeiten und Widerwärtigkeiten Platz zwischen uns finden. Wir müssen zeigen, dass wir andere Wege finden als zuvor.

Das ist diese Gesellschaft zuvörderst der jüdischen Kultur schuldig; an ihr hat sich unsere Gesellschaft vergangen und ihr steht das Recht darauf zu zu beobachten und auch zu beurteilen, ob wir diese anderen Wege gefunden haben.

Andere verharren im Leid. Wie sehr das auch menschlich verständlich ist und nach respektvollem, zugeneigten Verständnis verlangt, ist diese Grundhaltung letztlich aber auch der falsche Weg. Er ist das krasse Gegenteil der Ignoranz, die sich aus der Geschichte fortstehlen will und ebenfalls ein Extrem:

(Quelle: ZEIT.de )

Bemerkenswert aber ist, dass auch die jüngeren Juden in Deutschland dieses trostlose Selbstverständnis noch immer weitertragen. Auch sie verstehen ihr Judentum bis heute allein über die Frage des Antisemitismus der anderen.

Diese innere Haltung kann Juden nirgendwo auf der Welt vorgeworfen werden. Das angerichtete Trauma ist groß genug, um sich auch für weitere Generationen durch das Denken und Fühlen zu fressen. Es darf aber nicht groß genug sein, um die eigene, innere Ausrichtung in Bezug auf den Glauben davon soweit überschatten zu lassen, dass die Bedeutung des Holocausts alles andere erdrückt, keine Entwicklung zulässt, sondern immer wieder jeden Ansatz dazu erstickt. Jude zu sein, darf sich heute für junge Leute nicht darauf reduzieren, Vorfahren im großen Gemetzel verloren zu haben oder Ziel von Hass anderer zu sein. Der Verfolgungsangst, die in weiten Teilen verständlich und damit für alle Nichtjuden geradezu peinlich sein muss, ist nicht alleiniger Inhalt dieses Glaubens. Nicht sein Bedeutungszentrum, nicht seine Aussage.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und seinen Juden ist seit Jahrzehnten eines mit beständig angehaltenem Atem; wie in Erwartung eines neuerlichen Knalls sind gedankliche Wege eingefroren worden, die in regelrechte Kulte und Riten münden.

Ob orthodox oder nicht, im Zweifel ist die Haltung der Rabbiner uniform, konservativ und auf Formalitäten fixiert. In vielen Synagogen werden jahrhundertealte Gebete runtergelesen, ohne dass sich Rabbiner bemühen, ihre Relevanz zu erläutern. Es wird wenig hinterfragt und noch weniger debattiert.

Ein lebendiges Verhältnis zu den eigenen Nachbarn, eigenen Mitbürgern, die rein zufällig jüdisch sind, existiert nicht. Der Kult verlangt, dass mit Juden zunächst und ausschließlich ihr Leid, ihre schwere Vergangenheit behandelt zu werden hat und das macht die Brücke zu einem selbstverständlichen, entspannten Umgang ohne Hindernisse und ohne gefühlte, semantische Fallen sehr schmal. Wir leben in einer Momentaufnahme, in einem Polaroid von Konzentrationslägern und entkommen dieser Geschichte nie.

In Berlin kann man am Freitagabend auf eine Schabbatfeier geraten, bei der sich feministische, homosexuelle, queere Juden treffen und in fünf Sprachen über die Zumutung debattieren, dass Schwule und Lesben in deutschen Synagogen nicht heiraten dürfen.

Im Islam Deutschlands zeichnen sich sehr ähnliche Muster ab; unter dem ungeheuren Druck der Befrachtung von allen Seiten kann sich keine Normalität, keine Entspannung, keine Entwicklung einstellen, sondern verharrt in beinah fremdbestimmten Konservativismus. Muslime haben das sehr ähnliche Problem, wenn es auch völlig andere Symptome zeigt und stehen wie plötzlich Erschrockene da; unfähig, den eigenen, inneren Diskurs nach außen zu tragen und damit (zumindest unbewusst) darzustellen, dass eine Entwicklung tatsächlich doch existiert. In Wagenburgmentalität werden bestimmte Werte, die bei Nachfragen unter vier Augen von vielen erheblich relativiert werden würden, mit einem Gefühl der Angst wie Flaggen entrollt, hoch aufgehängt und zu wertvollen Zielen erklärt.

Die Umgebung in Deutschland vereinfacht den Diskurs nicht gerade. Rechtsnationale, rechtsradikale Tendenzen sind natürlich keinesfalls „neu entstanden“ oder wurden „angefacht“ – sie wurden einfach nur, da sie vor wenigen Jahren nicht als Irrsinn verdammt, sondern als „Meinung“ geadelt worden sind, freigelassen. Zum einen, weil ein nur höchst halbherziges „Entnazifizierungsverfahren“ damals suggeriert hatte, dass diese Form ekelhafter Radikalität eine isolier- und heilbare Krankheit war und mit der heimlichen Zahlung eines halben Schweines etwa „abgekürzt“ werden konnte, sondern eben auch, weil die Xenophobie ein kennzeichnendes Merkmal unserer Kultur und Geschichte darstellt. Fremdenhass, in welcher Verkleidung auch immer, ist in Europa systemimmanent. Er ist Bestandteil der „christlichen“ Kultur und ihres Leitbildes.

Juden, junge Juden haben in Deutschland etwas anderes als die Aufrechterhaltung der Angst verdient (die nun auf die Muslime zukommt). Progressive Vertreter der Juden, wie mein eigener Hausarzt etwa, und solche von den Muslimen, ich nenne mich da selbst, sind reflexhaft Ziel von Angriffen aus den eigenen Reihen, weil sie sich nicht zu radikalen und extremen Positionen bekennen wollen, die als „identitätsstiftend“ verkauft werden. Eingeborene hier überschütten meinen Arzt und mich mit Verdächtigungen des Inhalts, insgeheim ja doch eine schädliche Agenda verfolgen – und die „Weltherrschaft erringen“ zu wollen.

So kommen wir nicht weiter. So wird nie aus nationalistisch empfindenden Deutschen, Juden und Muslimen ein vereinigtes Volk – jeder wird den jeweils anderen immer als Fremdkörper sehen. Und es nähern sich die Tage, an welchen solche Fremdkörper (wieder einmal) entfernt werden sollen.

Wir haben es nicht unbedingt in der Hand, die Juden und Muslime Deutschlands. Aber wir können einen Anfang damit machen, uns selbst als Deutsche mit muslimischem oder jüdischem Hintergrund zu definieren.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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