Israel – die nächste Stufe der Judaisierung ist die Verbalattacke

Mir ist nicht völlig klar, ob die zu beobachtende Entwicklung Teil eines vielleicht sogar schriftlich irgendwo fixierten Strategieplanes ist. Manchmal neige ich dieser Vorstellung zu, manchmal halte ich das Vorgehen der israelischen Regierung trotz allen Anscheines einer exakten Zielrichtung für eine Aufeinanderfolge von extremistischen Reflexen.

Seit längerer Zeit konfrontiert uns Israel beispielsweise mit Begriffen wie „Judäa“ und „Samaria“. Die Anhängerschaft der Regierung und sämtliche Trolls, die uns auch hierzulande in allerlei blogs und sozialen Netzwerken mit ihrer Sicht auf die Dinge bereichern, ist sofort auf diesen Zug aufgesprungen.

Von der Sache her ist man sehr schnell damit fertig: diese Begriffe sind, nüchtern wie objektiv betrachtet, völlig unsinnig. Sie helfen niemandem, sie richten nur Schaden an und entbehren jeder sachlichen Grundlage. Das Argument von Israelis, so hätten die so bezeichneten Regionen allerdings geheißen, als sie noch vornehmlich jüdisch regiert waren, ist vollkommener Blödsinn. Würde man das akzeptieren, hätte Köln etwa eine Klage aus Italien des Inhalts zu erwarten, dass Köln fürderhin Colonia Claudia Ara Agrippinensium zu nennen sei – denn immerhin hatte Rom einst diese Stadt nicht nur regiert, sondern sogar errichtet. Dafür aber hätte dann Rom eine Klage aus Berlin zu erwarten, denn nachweislich wurde Italien verschiedentlich von deutschen Kaisern regiert.

Dabei wissen Israelis selbst um die Haltlosigkeit ihres Unterfangens und die Unmöglichkeit, hierfür internationale (oder sogar nur vereinzelte) Unterstützung erfahren zu können. Deshalb herrscht auch grundsätzlich immer totale Funkstille, wenn man einem israelischen Extremisten diesen Unsinn auseinanderlegt. Sie beziehen ganz einfach keine Stellung zu dem Thema – und tauchen ab. Sie wissen selbst wie grotesk ihre Wortwahl klingt. Deutschen kann man das näherbringen, wenn man einfach mal fordern würde, dass Deutschland künftig nur noch „Germanien“ heißen solle. Die „Argumente“, die dafür zu liefern wären, klängen genau wie die israelischen in Bezug auf „Judäa“ und „Samaria“.

Hier dreht es sich allerdings um eine große Vision, die erzkonservative Zionisten auf die Landkarten bringen wollen: derzeit existieren wirklich große Anstrengungen, aus dem israelischen Staatsgebiet möglichst alles, was irgendwie an die zurückliegenden, arabischen Jahrhunderte der gesamten Region erinnert, zu vernichten.

In großem Vertrauen darauf, dass europäische Politik und Medien dazu schweigen, hat man in Jerusalem für einen Nationalbau einen uralten, islamisch und historisch enorm wichtigen Friedhof stillschweigend eingeebnet. Man stelle sich einfach nur einmal den entsetzlichen Aufschrei vor, wenn in Deutschland für einen profanen Parkplatz ein historischer, jüdischer Friedhof entfernt und die Gebeine der dort Bestatteten hastig in Kartons gepackt und in einen Keller gestellt oder in Teilen direkt vernichtet worden wären.

Zum historischen Friedhof Mamilla in Jerusalem schreibt Wikipedia:

Der Friedhof wurde erstmals in arabischen und persischen Schriften aus dem 11. Jahrhundert erwähnt. „Nach der Überlieferung fanden auf dem Areal im siebten Jahrhundert Gefährten des Propheten Mohammed ihre letzte Ruhestätte.“[1]

und direkt im nächsten Absatz:

Nach dem Ersten Arabisch-Israelischen Krieg kam das Gelände 1948 unter die Kontrolle der israelischen Behörden. 2004 hat das Simon Wiesenthal Center beschlossen, auf dem Gelände unter dem NamenCenter for Human Dignity ein „Museum der Toleranz“ zu errichten, nachdem vorher bereits seit Jahrzehnten über den Gräbern ein Parkplatz eingerichtet worden war.

Das ist natürlich blanke Zynik. Einen Friedhof einschließlich der Gebeine zu vernichten und oben darauf ein „Museum der Toleranz“ zu bauen.

Und es geht weiter:

Stellen wir uns einfach einmal vor, ein Politiker aus Italien käme nach Berlin und würde auf Anfrage, ob er nach seinem Gespräch noch etwas vorhabe, antworten: „Natürlich. Heute nachmittag fahre ich nach  Colonia Claudia Ara Agrippinensium.“ Wäre das nicht faszinierend? Und wäre es nicht noch sehr viel faszinierender, wenn plötzlich alle italienischen Politiker und auch Bürger von der Stadt namens  Colonia Claudia Ara Agrippinensium sprächen und ganz augenscheinlich verwirrt täten, wenn man fragt, wo diese Stadt wohl liegt? Und nehmen wir einmal an, dieser Politiker käme dann in diese Stadt, die wir „Köln“ nennen und würde den Abriss des Domes fordern? Auf jeden Fall aber im ersten Schritt das Läuten seiner und aller anderen Kirchenglocken Kölns verbieten wollen? Was würden wir davon halten?

Wohl nicht viel.

Aber genau das tut die israelische Regierung momentan. Sie ignoriert ganz einfach den seit Jahrhunderten (!) bekannten, arabischen Namen al-haram asch-scharif für das Gebiet Jerusalems, welches in Europa als „Tempelberg“ bekannt ist und verweist kurz angebunden einfach auf den Umstand, dass vor 1.500 Jahren der Name  Mischkan hierfür einmal gebräuchlich war. Dieser damals existierende Tempel ist zweimal errichtet und auch zweimal vernichtet worden – beim letzten Mal ziemlich endgültig.

Kehren wir kurz noch einmal zu unserem „italienischen Politiker“ zurück: der würde natürlich auch sagen, dass es für ihn keinen Unterschied mache, dass die damals von den Römern errichteten Tempel- und Verwaltungsanlagen seit Jahrhunderten beinahe bis zur Unauffindbarkeit vernichtet seien und nur noch als Ruinenstümpfe weit unter dem heutigen Siedlungsniveau durch Ausgrabungen zutage gefördert werden können. Köln ist für ihn nunmal römisch. Punkt.

Die Antwort auf die Frage, wie die völlig verrückte Starrsinnigkeit unseres „italienischen Politikers“ einzuordnen ist, hat ein Landsmann von ihm vor gut achtzig Jahren schon gegeben: der Mann hieß Benito Mussolini und er definierte den Begriff „Faschismus“. Ein Faschist ist jemand, der unter totaler Ignoranz zwischenzeitlich erfolgter Entwicklungen den Ruhm, die Pracht und den Glanz untergegangener Epochen neu beleben und die Zwischenzeit ungeschehen machen will. Wie ist nun also ein israelischer Politiker zu bezeichnen, der gut 1.500 Jahre arabischen Lebens ausblenden und die Region in eine archaische Periode zurückkatapultieren will, welche allein seine eigene Ethnie begünstigt? Fragen wir Mussolini: er wäre ein Faschist, nicht wahr?

Es gibt also in Israel den breit angelegten und vermutlich auch von bedeutenden Anteilen der israelischen Bevölkerung mitgetragenen Kurs, arabische Präsenz in seinem Staatsgebiet zu vernichten und jede augenfällige Existenz arabischen Lebens dort zu eliminieren, nebst den Arabern selbst. Wie ich höre, sitzt ein gutes Dutzend arabischer Journalisten in Israel in Haft, zahlreiche Print-, Bild- und Radiomedien von Arabern sind per Dekret geschlossen und dürfen nicht publizieren. Zwischenzeitlich gibt es den Vorstoß, in Israel den Gebetsruf von Moscheen verbieten zu lassen – während allerdings Sirenen heulen dürfen, die jüdische Gebetszeiten ein- und ausläuten. Selbst das Herzeigen der palästinensischen Flagge, die global akzeptiert ist und selbst vor dem UN-Gebäude in New York weht (!), steht in Israel unter Strafe.

Ich wehre mich tapfer gegen die Verführung, die von Verschwörungstheorien ausgeht. In den meisten Fällen werden solche ersonnen, um eine bestimmte Gruppe von Menschen versammelt auf eine Anklagebank zu setzen die dann meist aufgrund ihrer schieren Zugehörigkeit zu der Gruppe gleich mit abgeurteilt werden (sollen). Deshalb weise ich den Verdacht, es gäbe eine geradezu bösartige „Verschwörung des Weltjudentums“ ebenso brüsk wie entschieden zurück – und tippe mir dabei an die Stirn, denn das würde wieder einmal zur allgemeinen Verurteilung von Juden führen.

Wovon ich aber überzeugt bin: die israelische Regierung besteht zu leider nicht geringen Teilen aus Extremisten und Staatsterroristen. Die haben die „Hasbara“-Bewegung initiiert, die mithilfe vieler Behörden und (Privat-) Initiativen erklärtermaßen Politik, Medien und Meinungsbildung manipulieren will. Bedeutende Politiker arbeiten ebenso in Israel wie weltweit im Namen von „Hasbara“. Das ist sowenig „Verschwörungstheorie“, das wird ganz offen und öffentlich so gehandelt (Quelle: Wikipedia) :

Der Begriff Hasbara (hebräisch הַסְבָּרָה‎ hasbará, „Erklärung“ o. „Public Diplomacy[1]„) beschreibt ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit der Regierung Israels, um international eine positive Berichterstattung über Israel und seine politischen Anliegen zu fördern.

Zusammen mit der Organisation AIPAC, der US-Organisation von wohlhabenden Juden, die u.a. durch Zahlung schier ungeheurer Summen massiv Einfluss auf die US-Politik nimmt, entsteht eine zusammengeschmiedete, eisenharte Phalanx von machtvollen Unterstützern der faschistischen Politik Israels. Das alles ist objektiv durch Fakten belastbar, stützt sich nicht auf Vermutungen oder Gerüchten, sondern für jeden innerhalb von wenigen Augenblicken recherchierbar. Wenn er das denn will.

Evelyn Hecht-Galinski ist die Tochter des zwischenzeitlich verstorbenen, ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski; ihre unerschrockenen Kritiken gegen die Politik Israels hat sie letztlich zum Feind des Zentralrats gemacht, der sich durch blinden, stummen und tauben Kadavergehorsams gegenüber der israelischen Regierungen auszeichnet. Sie schrieb unlängst:

Lassen wir uns nicht bluffen, alle diese Politiker von Jaalon bis Barak und Livni, bis schlussendlich Herzog wollen an der Grundidee der jüdischen Besatzer nichts ändern: Sie wollen ein „Groß-Israel“.

Dagegen wäre zunächst einmal nichts einzuwenden. Warum auch. Jeder Staat hat das Recht, im Sinne von Humanismus, Rechtsstaatlichkeit zu prosperieren. Das Recht auf Wohlstand – aber eben keineswegs dadurch, dass er zunächst aus den Bewohnern und Eigentümern nach Ethnien sortiert, gewaltsam gewünschte Ethnien „von außen“ infiltriert – um dann die neugeschaffene (!) Minderheit hinauszujagen, ihr Andenken auszuradieren und einen Fantasiestaat nach einem zusammenvisionierten Idealzustand schaffen zu wollen, den es angeblich (!) vor mehr als 1.00 Jahren dort gegeben haben soll. Von diesem Zustand berichten nur Sagen und Legenden – die Archäologie zieht aufgrund ausgegrabener Fakten zuweilen ganz andere Schlüsse und „entzaubert“ die hochstilisierten Geschichtchen und Märchen. Grundsätzlich wäre nichts gegen ein „Groß-Israel“ einzuwenden, wenn es denn die arabische Präsenz dort anerkennt und gleichermaßen schützt wie die eigene.

 

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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