Lesetip: Interview mit Robert Menasse in der ZEIT

Natürlich freue ich mich, wenn ganz wesentliche Überzeugungsmuster von mir von Intellektuellen bestätigt und dazu auch noch mit weiteren Argumenten und Sichtweisen unterfüttert werden, die ich in dieser Klarheit und Tiefe (noch) gar nicht gesehen hatte.

Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-12/robert-menasse-bundespraesidentenwahl-oesterreich-rechte-eu

ZEIT ONLINE: Sie haben die FPÖ-Wähler in einem Interview als Faschisten oder Idioten bezeichnet. Ist das in einer solch schwierigen Debatte hilfreich?

Menasse: Es geht nicht darum, ob es hilfreich ist. Es gilt, die Wahrheit auszusprechen. Es wird immer wieder gefordert, die Sorgen dieser Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören. Sie müssten da abgeholt werden, wo sie sind. Aber was soll das heißen? Ich als Jude will nie wieder wo abgeholt werden. Wenn man die Menschen da abholt, wo sie sind, ist man selbst dort. Und wenn sie sagen: „Wir sind keine Faschisten, aber …“, dann sind sie Idioten, die auf eindeutige faschistische Symbole mit Beifall reagieren.

Als Muslim habe ich außerordentliche Probleme damit, andere Menschen als „Idioten“, „Doofe“ und „Verblödete“ zu bezeichnen – allerdings habe ich mich seit einiger Zeit dazu durchgerungen, genau das zu tun. Ich fühle mich am Ende meiner semantischen Möglichkeiten und habe keine andere Wahl mehr als Doofe auch als „Doofe“ zu bezeichnen. Damit schlage ich natürlich Türen zu und mache Dialoge unmöglich, aber ganz ehrlich gesagt ziehe ich schwerstens in Zweifel, dass ich mit diesen Leuten überhaupt einen Dialog führen könnte. Ich habe die ewig gleichen „Diskussions“-Inhalte einfach satt; Rechtsradikale leiern stets die gleichen, faktisch falschen, unehrlichen und hasserfüllten „Fakten“ herunter und selbst wenn man sich ihnen mit objektiv und empirisch erhobenen Daten entgegenstellt, akzeptieren sie diese nicht, sondern plärren sofort von „Lügenpresse!“, „Verrätern“ und werden aggressiv. Sie verteidigen ihre Blödheit gegen jede Realität mit Klauen und Zähnen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich den internationalen Erfolg der Rechten?

Menasse: In Europa, aber auch in den USA haben Abstiegs- und Verlustangst Überhand genommen. Das Vertrauen darauf, dass alles so bleibt, wie es ist, ist geschwunden. Die Globalisierung wird zunehmend als eine Gefahr wahrgenommen, vor der man sich schützen muss. Dadurch wächst das Bedürfnis nach einem nationalen Führer. Nach jemandem, der die Nation abschottet und ihre Bürger vermeintlich vor Fremdem und Unbekanntem schützt. Und genau das machen die Rechten. Sie gaukeln den Menschen vor: Wenn ihr uns wählt, schützen wir euch vor dem Tsunami der Globalisierung. Was natürlich kompletter Unsinn ist.

Gut – das sehe ich in der Tat anders als Menasse und ich finde es ob seiner sonst gezeigten Klarsichtigkeit und deutlichen Sprache erstaunlich, dass er tatsächlich noch immer von „Ängsten“ ausgeht, die m.E. im überwältigenden Anteil aller intellektuellen Ausfallserscheinungen der Doofen nur Ausreden sind, derer man sich bedient, sobald man bei einem gewalttätigen Übergriff erwischt wird. Ich glaube nicht an diese Ängste; die wenigsten, die dem Rechtsruck begeistert folgen, können mehr als eine halbe Zeile Text unter die Überschrift „Globalisierung“ schreiben. Im Umkehrschluss dessen liegt der Beweis: wenn die Doofen das Thema Globalisierung begriffen hätten, könnten sie unmöglich agieren und reagieren, wie sie es tun. Nur ein ausgesprochener Idiot würde sich gegen Kopfschmerzen einen Hammer auf die Birne dreschen. Und als Antwort auf die Globalisierung nach Isolationismus und kultureller Abriegelung des „Heimat“-Landes zu rufen, entspräche einer solchen Reaktion ziemlich genau.

Menasse: Die Nation einbunkern ist auf jeden Fall das falsche Rezept. Im Endeffekt gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kann die Globalisierung erleiden, oder man kann sie gestalten.

Das ist ziemlich genau die Aussage, die ich selber in sehr ähnlicher, direkt vergleichbarer Form treffe und seit numehr Jahren getroffen habe. Globalisierung ist natürlich nicht aufhaltbar, sondern sogar zur Lösung dringender Probleme schier unverzichtbar. Rechtsradikale arbeiten mit ihren Forderungen nach nationaler Abwendung aus all solchen Foren und Podien nicht an der Lösung – sondern sie sind das Problem.

Menasse: Wenn die Menschen sehen, dass vernünftig gestaltend in eine Entwicklung eingegriffen wird und die Absicherung eines würdevollen Lebens gelingt, dann wird dieses lemminghafte Nachrennen von nationalen Führerfiguren unterbrochen. Den Leuten ist Faschismus egal, wenn ihnen der Faschismus eine Verbesserung verspricht. Mit reinem Antifaschismus kann ich sie nicht überzeugen.

Hier laviert sich Menasse geschickt um die Aussage, die er womöglich gar nicht gern in dieser Form getroffen hätte, herum. Im engsten Sinne seines Satzes behält er recht, allerdings würde ich in diesem Fall keine Einsicht von den Doofen erwarten, dass gute Politik ihnen hilft, sondern eher Interesselosigkeit, weil Europa ihnen auch weiterhin leistungslose Teilhabe an den Leistungen anderer ermöglichen würde. Hier entnehme ich der Biologie die Feststellung, dass ein Predator sofort jede Aktivität einstellt, sobald sein Bauch voll ist. Ein satter Löwe kundschaftet keine weitere Beute aus, sondern macht ein erholsames Schläfchen. Wenn den Doofen, deren Arbeitsstellen zunehmend intellektuelle Anforderungen vermissen lassen, genug zu fressen hingeworfen wird, werden sie ruhig werden. Menasse sieht dies zumindest in einiger Hinsicht genauso; er erkennt sehr fein, dass es diesen Blöden überhaupt nicht auffällt, dass sie klar faschistischen Geisteshaltungen folgen – und es wäre ihnen auch völlig egal.

Wenn ihnen ein Kommunist verspräche, die Heimat ausländerfrei und reich zu machen und sie selbst sehr auskömnmlich zu versorgen, würden sie begeistert seine Fähnchen schwenken, die linke Faust ballen und Büros von Rechten anzünden. Verspräche ihnen das ein Buddhist, trügen sie alle safrangelb, würden begeistert budddhistische Fähnchen schwenken und die Büros von Nichtbuddhisten anzünden. Verspräche ihnen das ein Kaffeetrinker, würden sie begeistert kaffeebraune Fähnchen schwenken und Wohnunge von Teetrinkern anzünden. Es geht hier ganz trivial einfach nur um die Bevorrechtigung vor anderen, den ersten und ungehinderten Zugriff auf die vollen Fleischtöpfe des Staates – und natürlich ums Anzünden.
Wer das nicht glauben mag, der recherchiere doch mal unter dem Datum 10.11.1938.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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