Tuvia Teneboms grandioser Blödsinn

Zugegeben: die Lektüre des Artikels von Tenebom in der ZEIT hat erreicht, was sie wollte. Ich habe mich geärgert. Allerdings anders, als es sich Tenenbom wohl wünschen würde.

Hier der Link zum Selberlesen: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-12/angela-merkel-donald-trump-werte-moral-ueberlegenheit

Ich werde überhaupt nicht im Einzelnen auf seine Ausführungen eingehen; das würde erfordern, sich auf seine ziemlich groteske „Argumentations“-Folge einlassen zu müssen und das kann ich nicht leisten. Es ist der Grundtenor seines Artikels, der mich ärgert.
Kurz gesagt bezweifelt Tenenbom auf seine ihm gegebene, zugespitzte Art, dass Deutschland nach dem Absturz der USA ins Bodenlose durch die Wahl von Trump die Führung des Westens übernehmen und Werte formulieren bzw. verteidigen könne.

Diesen Gedanken halte ich, wenn man aus Teneboms Richtung in dieses Thema marschieren wollte, für ganz grundsätzlich falsch. Und, Entschuldigung, Herr Tenenbom, für geradezu idiotisch.

Hier bringe ich nur ein einziges Zitat:

Nun, da Amerika droht, seine wahren Werte zu verlieren, ist Deutschland – unter Merkels Führung natürlich – in der Pflicht, die Fahne der Moral für den Rest der Welt hochzuhalten.
Als ich das hörte, war ich mir sicher, dass es kurz darauf viele Wortmeldungen geben würde, die auf die Absurdität hinweisen würden, wie wieder eine moralische Überlegenheit aus Berlin kommen könne, 80 Jahre nachdem eine andere angeblich deutsche moralische Überlegenheit im dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte endete. Aber die Tage vergehen, und ich scheine der Einzige zu sein, der sich darüber wundert.

Nicht nur Tage, sondern viele Jahre werden noch vergehen, und Tenenbom wird zwangsläufig auch der einzige geblieben sein, der sich darüber wundert.

Tenenboms Lieblingsland und -Kind Israel gibt ihm nicht gerade das hochstehende Podest, von welchem aus er andere Länder würde kritisieren oder, wie er es tut, hochnäsig abkanzeln könnte. Er sollte sich vielleicht eher mit seiner beißenden Kritik gegen den Umgang Israels mit seinen eigenen Problemfeldern widmen, bevor er sich zum Richter über andere Kontinente, Länder, Rechtssysteme und Philosophien aufschwingt.

Es mag sich lustig anhören, dass und wie er auf deutsche Flüchtlingshilfe abhebt – Israel hat da im eigenen Land allerdings Baustellen genug und erhält für die Erledigung seiner Hausaufgaben eine „Sechs. Setzen!“

(Quelle: Wikipedia)

Die höchste Geburtenrate der arabischen Israelis haben die Muslime, gefolgt von den Drusen und den Christen.[70] Der Begriff demografische Bedrohung (oder demografische Bombe) wird in der israelischen Politik genutzt, um die Zunahme der arabischen Bevölkerung als Bedrohung für den Status Israels als Heimatland der Juden mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit darzustellen.

Es ist eine moralisch herausfordernde Aufgabe, Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis aufzunehmen, zu versorgen und ihnen einen geregelten Eingang in unsere Kultur zu zeigen, ihnen eine Wohnung zu geben, sie vor Extremisten zu beschützen, ihnen eine Ausbildung und letztlich eine bürgerliche Vollwertigkeit als Staatsbürger zu verleihen. Israel dagegen bemüht sich, sich seinen eigenen, recht erheblichen, nichtjüdischen Bevölkerungsteil sozusagen wie eine Warze aus dem eigenen Fleisch zu schneiden, sie zu entrechten, nach Kräften zu demoralisieren und zum Fortgehen zu ermutigen. Nicht genug damit, bezeichnet es die eigenen Bürger, denen ja angeblich „gleiche Rechte“ attestiert werden, als „demographische Bombe“ und befürchtet, dass das Prosperieren des einen Teils seiner Bürger zum Nachteil eines anderen gehen könnte. Mit dem „Argument“ der „Überfremdung“ arbeiten allerdings bekanntermaßen lediglich Rassisten.

Tenenboms Darstellung, ein Deutschland könne doch wohl kaum aufgrund seiner Geschichte zum Werteverteidiger des Westens aufsteigen, nimmt sich angesichts der israelischen Geschichte um Yisrael Koenig von 1976 geradezu lustig aus. Koenig hatte als Angehöriger des israelischen Innenministeriums 1976 ein vielbeachtetes Papier („Koenig Memorandum“) geschrieben und vorgelegt, welches allen Ernstes die „Verdünnung“ arabischer Bevölkerung innerhalb Israels Grenzen durchdachte.

Am ersten November 1976 legte Abdul Meguid, der ägyptische UN-Botschafter, in einer Rede seine Beobachtung dar, dass die israelische Regierung über das „Koenig-Memorandum“ sehr erregt sei. Aber bloß, so seine Feststellung, weil es überhaupt in die Öffentlichkeit gelangt sei und seinen Geheimstatus verloren habe. Offiziell hat die Regierung das Koenig-Papier nie zur Kenntnis genommen, allerdings richten sich seit seiner Veröffentlichung zahlreiche Entscheidungen der Regierung nach diesem Fahrplan.

(Quelle: Deutschlandfunk.de)

Von ihr spricht im Nahost-Konflikt niemand: der arabischen Minderheit in Israel. Dabei macht sie mit 1,7 Millionen Menschen fast ein Fünftel der Bevölkerung aus. Sozial und wirtschaftlich werden sie jedoch ausgegrenzt. Sozial und wirtschaftlich werden Israels Araber jedoch ausgegrenzt – und die Kluft zwischen ihnen und dem Rest des Landes wächst. Eine Verbindung zu den Palästinensern in Gaza besteht kaum.

Israel ist ein Staat, der an sich selbst, an seinen eigenen Bürgern und an seiner Zielsetzung verzweifelt. Um zu seinem Ziel, einem rein jüdischen „Groß-Israel“ zu gelangen, verrät er so ziemlich jeden einzelnen Wert, der einer eigenen Bemerkung wert wäre.

Nun …. Europa hat so seine eigenen Probleme und zerbricht ebenfalls an seinen eigenen Ansprüchen. Es bezahlt Milliarden an andere Staaten, damit die Flüchtlinge im Meer ertrinken, irgendwo erfrieren oder erschossen werden, aber bitteschön keinesfalls bis an seine Grenzen gelangen. Im Jahr 2016 hat sich die Zahl der Ertrunkenen im Mittelmeer noch einmal deutlich erhöht – und wir, die fulminanten Humanisten, ziehen uns die Michelmütze noch tiefer in die Stirn, über die Augen und Ohren und drehen uns davon fort.

Aber, mein sehr verehrter Herr Tenenbom: dafür hat Europa bereits insgesamt mehrere Millionen Menschen aus ihrer Not gerettet. Israel kann von sich behaupten, im gleichen Zeitraum tausenden Menschen neu jeder Hoffnung, ihres Lebens, ihrer Felder, ihrer Häuser, ihrer Lieben und ihres Einkommens beraubt zu haben – und das für eine durch und durch rassistische Agenda. Es wirft seinen eigenen Bürgern, die er mit Maschinengewehren zu Boden zwingt, verstohlen Messer vor die Füße, um sie anschließend zu erschießen und zu lamentieren, man habe angeblich einen „Messerangriff“ vereitelt (dazu gibt es sogar Videodokumentation!).

Adalah – zu Deutsch: Gerechtigkeit – ist eine Nichtregierungsorganisation, die nicht nur die soziale, sondern auch die rechtliche Benachteiligung der arabischen Minderheit anprangert: So gebe es inzwischen 31 Gesetze, die die arabischen Staatsbürger direkt oder indirekt diskriminierten. Wie etwa das Rückkehr-Gesetz aus dem Jahr 1950, das Juden aus aller Welt die israelische Staatsbürgerschaft garantiert. Da dieses Recht religiös determiniert ist, gilt es nicht für die Moslems und Christen in Israel, das heißt, für die arabische Minorität. Eine Rückkehr ist also gerade den im Krieg von 1948 geflohenen oder vertriebenen Palästinensern und ihren Nachkommen verwehrt – was als gravierende Ungleichbehandlung empfunden wird.

Nein – Israel hat kein Flüchtlingsproblem. Es nimmt ganz einfach gar keine auf. Es hat zwar Kämpfer des Daesh („Islamischer Staat“) kostenlos medizinisch behandelt, wovon es sogar Fotos gibt, auf denen Netanyahu höchstpersönlich lächelnd die Hand der verwundeten Kämpfer schüttelt, es schießt ebenfalls in Syrien mit, es hat aber keinen einzigen Dollar, keinen einzigen Euro und keinen einzigen Quadratmeter Boden und/oder Herz für die, die in seiner ganz unmittelbaren Nachbarschaft kaum dem Tod entkommen können.

Was Tenenbom da schreibt, ist grenzenloser Schwachsinn ohne jedes Niveau, ohne jede Aussage- oder Strahlkraft. Es ist die Schmiererei eines Extremisten, der ausschließlich nur den unteren, intellektuell minderbemittelten Rand unserer Gesellschaft anspricht und damit um nichts besser ist als sein Konkurrent, den gleichermaßen hetzerischen Schreihals Broder.
Man könnte, wenn man denn bloß wollte, Israel gleichermaßen jede Berechtigung absprechen, über Werte zu urteilen: wenn Tenenbom sagen will, dass ein Deutschland, das vor siebzig Jahren große Verbrechen begangen hat, heute nicht dazu tauge, Werte zu vertreten und zu verteidigen, dann kann Israel dies überhaupt nicht. Da es sich auf seine angeblich so großartige Geschichte reduziert, sollte man sich einmal damit befassen und man findet eine lückenlose Aneinanderreihung von Grausamkeiten, Brutalität, Verfolgung, Rassismus und Wahn. Nach Tenenboms Darstellung darf sich Israel aufgrund seiner Geschichte (die ein gutes, arabisches Jahrtausend einfach wegblenden will!) und seiner Gegenwart auch für die nächsten zwanzig Generationen weder öffentlich noch sonst irgendwie zum Thema „Werte“ äußern.

Deutschland fehlt es im Gegensatz zu Israel keineswegs an Kompetenz, als gutes Gewissen für Europa aufzutreten. Es ist durch einige schmerzhafte Jahrzehnte gegangen und hat sehr oft und sehr hart mit sich selbst gerungen. Im Ergebnis steht dies Deutschland um Lichtjahre besser da als Israel und den Rassisten und Faschisten dort steht es nicht zu, eine rosa Schmusedecke über seine eigenen Opfer zu werfen und andere zu bekritteln.
Wenn wir hier in Europa eine harte Diskussion mit Rechtsradikalen führen – dann führen wir diese wenigstens. Israel hat diese Denkweise zum Programm gemacht und agiert durch und durch rechtsradikal.
Wir erkennen hier einen Trump als Monster – Israel feiert seines namens Netanyahu.

Merken Sie sich das, Herr Tenenbom.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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