Islam soll reformiert werden – ich bin begeistert.

Erst einmal finde ich es absolut toll, wenn Hinz und Kunz allen Muslimen den Islam erklären, deuten, reformieren, korrigieren will. Ich sitze gedanklich in diesem ganz großen Kino, knabbere mein Pop-Corn und schlage mir immer wieder die Schenkel vor Vergnügen, wenn ich wieder jemanden Prominentes entdecke, der mir die Welt erklärt.

Wahnsinn.

Da kommt ein Boris Johnson, Ihr wisst schon, das ist der Halbverrückte mit dem haartechnischen Trump-Ansatz auf und in dem Kopf von der Insel und haut so richtig einen raus:

Es gibt nicht genug große Charaktere, große Leute, Männer oder Frauen, die bereit dazu sind, jenseits ihrer Sunni-, Shiiten- oder sonstiger Gruppierung zu schauen und Leute zusammenzubringen und eine nationale Geschichte zu entwickeln. Das ist es, woran es hapert. Und das ist die Tragödie.

Natürlich ist das ein Witz. Mir ist nun nicht bekannt, ob sein Publikum auch dazu gewiehert hätte, wie zu erwarten stünde. Falls es keine Muslime waren, haben sie vermutlich nur tragisch umwittert langsam mit dem Kopf genickt.

Tja, Mister Johnson, oftmals sieht man den Splitter im eigenen Auge, aber nicht den Balken im eigenen. Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie höchstselbst, als „lupenreiner Demokrat“, einem anderen, „lupenreinen Demokraten“ das Aussehen eines recht lächerlich wirkenden Zwergs aus einem Fantasyfilm attestiert hatten? Und verhält es sich nicht so, dass Sie, als „lupenreiner Demokrat“ zusammen mit anderen schwere Vorbehalte gegen all die anderen, „lupenreinen Demokraten“ hegen? Stehen sich all diese „lupenreinen Demokraten“ nicht schwerbewaffnet und mit dem Mund voller Vorwürfe gegenüber, bedrohen, beleidigen sich und schaden einander, wo sie nur können? Wie kann denn das eigentlich sein? Wo Sie doch zu den guten, den reinen, den aufrichtigen, den sauberen, den wirklich lieben, „lupenreinen Demokraten“ zählen?

Aber natürlich ist die Demokratie niemals reformbedürftig – sie ist ja Eure heilige Kuh und weil selbstverständlich immer alles besser, größer, wertvoller, reicher und einfach nur schöner ist als alles andere, ist Eure Demokratie selbst dann jeder anderen Gesellschaft himmelhoch überlegen, wenn sie gerade dabei ist, unter Euch vollständig zu zerbrechen.

Aber zunächst einmal müsst Ihr alle den dummen, zurückgebliebenen Muslimen ihre Religion erklären und sie sofort auch reformieren. Ihr verliert zwar augenblicklich tausende Menschen aus Eurer Mitte an recht undemokratische Schreier, habt aber natürlich dabei Zeit und Muße genug, Euch „mal eben“ mit Eurer Großartigkeit um die Unterlegenen, die Dummen, die Zurückgebliebenen zu kümmern und, sozusagen zwischen Suppe und Kartoffeln, deren Lebensgrundlage zu optimieren.

Reformiert Ihr Euch erst mal selbst – und rettet, was gerade dabei ist, durch Eure Raffgier und Unaufrichtigkeit zugrunde zu gehen. Es ist tatsächlich lustig: Ihr bekriegt, beschimpft und beleidigt Euch im Namen Eurer Religion, der Demokratie, weltweit gegenseitig und zeiht Euch gegenseitig der Unaufrichtigkeit. Ihr werft Euch gegenseitig Betrügereien, Lügen, Heimtücke und Verschlagenheit vor und schüttet Euch aus vor höhnischem Lachen, wenn sich einer von Euch selbst als „Demokraten“ bezeichnet. Da werden Wahlen gefälscht, manipuliert auf „Deibel komm raus“, Ihr alle habt z.T. extrem unterschiedliche Abstimmungs- bzw. Regierungssysteme, könnt Euch als Demokraten, die Ihr ja alle sein wollt, nicht auf eine Lehre einigen. Ihr seid bereit, zur Verteidigung Eurer Auffassung von Demokratie aufeinander zu schießen – und wollt Muslimen vorwerfen, zwei (zwei! Nicht Dutzende!) Sekten in ihren Reihen ausgebildet zu haben?

Ein belesener, informierter Muslim findet nämlich an seinem Glauben überhaupt nichts reformbedürftig. Für ihn gilt eine sehr einfache wie belastbare Formel: wer am Islam „Reformbedarf“ sieht, der hat ihn nicht verstanden, kann nicht mit ihm umgehen und will sich nicht näher damit befassen.
Islam ist definitiv keine Wunschvorstellung, die je nach Gusto des Einzelnen angepasst werden könnte oder dürfte. Islam ist keine Mode, nicht beliebig und nichts, woraus man sich aussuchen dürfte, was einem gerade passt.
Muslime werden das, was dem christlichen Glauben widerfahren ist, niemals hinnehmen; man bedenke nur, dass der christliche Glaube zwar sehr wohl ein Schweinefleischverbot gekannt hatte, dies aber zugunsten von Profiten „mal eben“ gekippt hatte. Dass hunderte wertvolle Dokumente aus der Geschichte des Christentums auf dem Scheiterhaufen endeten und unwiederbringlich verloren sind.
Nein – Allah ist nicht der „liebe Gott“ der Christen, der zum Zwecke der guten Verkäuflichkeit immer wieder umgedeutet, angepasst, bemalt, zurechtgestutzt und je nach momentaner Bedarfslage mal hierhin, und mal dorthin geschubst wurde. Und: nein – unsere Gelehrten verstecken die Hölle in ihrem Glauben nicht wie die Christen, die ein harmonisch angepinseltes, beliebiges Bildchen haben wollen, welches ausschließlich nur das Paradies thematisiert.

Ich will den Islam unter keinen Umständen von solchen Menschen reformiert sehen – denn eine Reformation aus ihren Köpfen käme grundsätzlich immer nur einer verstandesfreien Verstümmelung gleich. Und ich akzeptiere auch keine Reformation durch Muslime selbst, denn die weitaus meisten davon gehen nicht aus tiefster Überzeugung zu Werke, sondern sind durch den latenten Unwillen von Nichtmuslimen dorthin getrieben worden und haben einfach nur die beständigen Lamentierereien der Nichtversteher grundgütig satt. Sie lassen Kritik auf sich lasten, die an ihnen abprallen müsste.

Weder der Islam als solcher noch der Qur’an im Speziellen sind ultimative Regelwerke in Form einer ausgefuchsten Bedienungsanleitung – es sind Richtschnüre, die jeder Mensch aus eigener Kraft und mit eigenem Verständnis eigenverantwortlich an sein Leben anlegen muss. Deshalb zielt auch jede Islam-„Kritik“ ganz grundsätzlich immer ins Leere, weil sie niemanden anspricht. Weil aber exakt dies von denjenigen, die den Islam reformieren wollen oder reformiert sehen wollen, nicht verstanden wird, besteht seit nunmehr Jahrzehnten die gemeinsame Verblüffung, dass sich kaum ein Muslim mit dem Gegenstand solcher Kritik wirklich befasst.

Ihr da draußen, diese ganze Menge von „lupenreinen Demokraten“, Ihr solltet zunächst einmal eine gemeinsame Basis aller Demokraten auf der Welt (er-) schaffen, bevor Ihr Euch kritisierend an andere Gemein- und Gesellschaften wendet. Sorgt erst einmal dafür, dass sich politisch eine Angela Merkel weder von einem Donald Trump, noch von einem Wladimir Putin unterscheidet – denn bei allen dreien handelt es sich doch (wenigstens behauptetermaßen!) um „Demokraten“.
Kümmert Euch zunächst einmal darum, dass all diese „Demokraten“ alle Menschenrechte und alle Freiheiten gleichermaßen garantieren.
Bis dahin tun wir Muslime das, was die Stunde gebietet: wir kümmern uns um uns selbst und scheren uns nicht um Euer etwas blödes Gejammere nach „Reformation des Islam“!

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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