Istanbul & Kairo – Erbe Obamas

Sowohl in Kairo als auch in Istanbul detonierten mehrere Sprengsätze und rissen insgesamt beinahl einhundert Menschen in den Tod. Mehrere hundert wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Zeit, in der man sich als Europäer angesichts dieses Irrsinns, dessen Auswirkungen zu Tränen rührt, achselzuckend wegdrehen könnte, ist längst vorbei – im Grunde hat es sie nie gegeben.

Es muss an dieser Stelle noch einmal nachdrücklich daran erinnert werden, dass wir es selbst waren, die den feigen Terroristen Unmengen Waffen in die Hände gedrückt und sie zu ihrem Tun ermutigt haben. Jeder von uns, der die US- und europäische Politik darin bestärkt hat, genau das zu tun, hat seine eigenen Gründe dafür.

Die moralisch wohl minderwertigste ist die der breiten Masse; sie wurde z.T sehr gezielt falsch oder bei Bedarf auch überhaupt nicht informiert. Obschon sie natürlich jede Möglichkeit zur eigenen Recherche gehabt hätte, wurde auf diesen eigenen Aufwand breitestenteils verzichtet. Aufgrund erschreckenden Bildungsmangels auf Europas Straßen und eines großen Desinteresses an belastbaren Fakten konnten westliche Regierungen auf einen ausreichend großen Stand an Dummheit rechnen.

Im Vordergrund standen für die Entscheider knallharte, machtpolitische und wirtschaftliche Interessen.

Die Kurden hatten vor etwa drei Jahren die türkische Regierung vor dem Hintergrund der militärischen Einnahme der Stadt Ain al-Arab (bekannt als „Kobane“) zu erpressen versucht. Für den Fall, dass Ankara die Bewaffnung militanter Kurden für einen Gegenschlag gegen Daesh verweigern würde, wollte man die Türkei mit Anschlägen überziehen. Das geschah dann auch.
Nur wenig später entschloss sich Angela Merkel ihrerseits dazu, den Kurden große Mengen Waffen zu liefern. Schon allein die zeitliche Nähe zu den Erpressungsversuchen gegen Ankara spricht dafür, dass die Bundesregierung auf eine Abschwächung des Erfolgskurses von Erdogan gesetzt und damit eine weitere Macht- und Einflussnahme der Türkei auf die gesamte Region gebremst sah.
Eine andere, plausibelere Erklärung ist nicht in Sichtweite, immerhin bewaffnete Deutschland ganz bewusst eine Terrorgruppe, die kurz zuvor noch einer Staatsregierung massiv mit Tod und Zerstörungen gedroht hatte. Wie unlängst zu lesen war, finden sich Teile der kurdischen Terrorbande, mit ihren deutschen Waffen in Händen, auch zur Beschießung von Rebellen in Aleppo wieder, wo sie Arm in Arm mit dem Metzger Assad die letzten Reste des Widerstands gegen ihn zusammenschießen. Ich unterstelle der Bundesregierung, dies gewusst und es möglicherweise sogar gewollt zu haben. Ein Syrien unter Assad verhält sich ähnlich wie ein Ägypten unter al-Sisi: zuverlässig und willfährig.

Dabei sind die Unruhen und Anschläge in der Türkei genauso wie der ganze Putschversuch letztlich nur die Erschütterungswellen, die von der politisch-militärischen Explosion rund um Syrien und den Irak ausgehen. Und diese wiederum resultieren aus dem Wahnsinn der US-Außenpolitik, die seltsamerweise grundsätzlich immer ganz anders und falsch reagierte, als sie es nach eigenen Willensbekundungen hätte tun müssen.

Es scheint auf dem ersten Blick logisch: wer Kriege verhindern oder beenden will, der muss den verfeindeten Parteien Waffen fortnehmen.
Tatsächlich aber werden seit jetzt Jahrzehnten mengen- und qualitätsmäßig steil ansteigende Waffenkontingente in die Region geliefert – immer begleitet von der irrwitzig wirkenden Idee, dadurch jetzt aber Frieden schaffen zu können.

Die tatsächliche Absicht hinter der gesamten Kanonenboots-, Geld- und Machtpolitik des Westens ist seit Anbeginn des letzten Jahrhunderts jedoch immer schon eine ganz andere gewesen und wird ebenso robust wie wirkungsvoll umgesetzt:
Waffen erzeugen bekanntlich Kriege. Diese verlangen nach Waffen, die eingekauft werden müssen. Zunehmende Zerstörungen lassen die Volkswirtschaften der so Bedachten natürlich einbrechen und überall in der Region brechen unhaltbare Zustände aus.
Politisch wird ein vorgeblicher „Mangel“ an Waffen durch Verweis auf die am Köcheln gehaltene, öffentliche Diskussion erzeugt, ob geliefert werden solle und so wird den Waffenverkäufern alles aus den Händen gerissen, was angeboten wird. Bezahlt wird mit Öl, bzw. den Einnahmen daraus. Das wiederum lässt die Solidarität der OPEC-Staaten zusammenbrechen, die sich gegenseitig mit steigenden Liefermengen preislich unterbieten.

„Teile und herrsche!“ – dieser Spruch wurde modernisiert und lautet heute: „Zertrete und herrsche!“

So hievte man durch gezielte Manöver letztlich auch den ägyptischen Diktator in seine Macht und beseitigte den ersten, freigewählten Präsidenten Ägyptens, weil dieser die mühsam errichtete Schieflage zu beseitigen drohte, in dem er beispielsweise ein von Israel geplantes Massaker im Gaza-Streifen größtenteils verhinderte. Israel als größter und großtechnisch bewaffneter Terrorist in der Region gilt jedoch Europa und den USA als strategisch im Nahen Osten viel zu wichtig und wird als Dorn im Fleisch des Nahen Ostens absichtsvoll mit unglaublichen Kapital- und Waffenmengen künstlich am Leben erhalten. Selbst mit diesen technischen und wirtschaftlichen Dauerinfusionen gelingt es Israel nicht, den eigenen Haushalt auszustabilisieren. Viele israelische Bürger geraten in Not.
Noch nicht einmal eine zusätzliche (!) Zusage eines 38-Milliarden-Dollar Geschenks der USA an Israel hilft in ausreichendem Maße, der nach eigenem Bekunden angeblich „jüdische“ Staat wäre aus eigener Kraft definitiv nicht zum Überleben fähig. Ohne diese Kapitalströme würde Israel wohl kaum ein halbes Jahr überstehen.

In der Konsequenz musste die zu selbstbewusst und unabhängig reagierende Regierung Ägyptens unter Dr. Mohammed Mursi zwingend beseitigt werden; ein beruhigtes Ägypten hätte posperieren, sich aus seiner Not befreien und einen eigenen Stand aufbauen können. Die wirtschaftliche Notlage wäre ebenso beseitigt worden wie, mittel- bis langfristig, sogar auch die Korruption, die ebenfalls durch die USA durch ihre jährlichen Milliardengeschenke in Ägypten angeschoben wurde. Die USA brauchen zur nachhaltigen Destabilisierung Ägyptens zwingend das dortige Militär und so überwies man neben allen anderen Hilfen 1,5 Milliarden Dollar direkt (!) an das ägyptische Militär – unter vollständiger Umgehung jeder parlamentarischen Kontrolle und/oder Genehmigungsverfahren.
Man war mit Honsi Mubarak äußerst gut gefahren; der entstammte selbst dem Militär, bestückte seine geheimen und offenen Foltergefängnisse bei Ausbrechen von Unruhen, machte einen vom ägyptischen Volk gehassten Frieden mit Israel und ließ zuverlässig keine Demokratie aufkommen. Nachdem sich die USA über Dr. Mursi erschrocken hatten, lancierten sie mittel- wie unmittelbar zusammen mit Deutschland den nächsten Militärdiktator auf den Thron.

Man ging jedoch etwas vorsichtiger zu Werke; die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung verteilte in den Monaten vor der blutigen Gegenrevolution 2013 insgesamt 12 Millionen Euro in Ägypten und wollte diese angeblich für „die Herstellung von Flyern und politische Forbildungsveranstaltungen“ ausgegeben haben. Ein Depp, der das glaubt – mit soviel Flyern hätte man den Nil bedecken und trockenen Fußes vom West- zum Ostufer gelangen können.
Die USA ihrerseits wählten ähnliche Wege und ließen vorbei an jeder Kontrolle oder gar parlamentaler Freigabe sehr hohe Beträge Richtung Ägypten fließen; große Summen gerieten in die Hände von höchst dubiosen Einzelpersonen, die z.T. wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen international gesucht wurden. Entsprechende Anfragen ließ die US-Regierung damals vielsagend unbeantwortet und schwieg ganz einfach.

In all dem heutigen Chaos, das dadurch angerichtet worden ist, fühlen sich die USA und Europa ziemlich wohl. Es läuft ja auch alles bestens – und wohl auch nach Plan:
die Türkei wird keineswegs mächtiger, sondern sieht sich neben einem Putschversuch schweren Zerstörungen und Anschlagsserien ausgesetzt. Das ist die Strafe für Erdogan, der Israel wegen des Massakers im Gaza-Streifen und auf einem Hilfsschiff dafür schwerstens kritisiert hatte. Gleichzeitig wird die Türkei davon abgehalten, weitere Allianzen zu bilden und mehr Einfluss in der Region zu gewinnen, den Europa nur noch mühsam für die eigenen Interessen unterdrücken könnte. Alles gut. Alles läuft wie geschmiert.
Die Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak laufen ebenfalls gut für Europas Politik. Die Waffenabsätze laufen, günstige Öleinkäufe auch, die Bildung selbstbewusster Staaten unterbleibt. Ägypten ist wieder ein zuverlässiger Vasall, der treu an der Dollarnadel hängt und Daesh hilft den USA, die Kriege und Verfolgungen heiß und aktuell zu halten.

In der Konsequenz halten Europa und USA die Gemetzel und Zerstörungen im Nahen Osten sicherlich für bedauerlich – aber zur Aufrechterhaltung der eigenen Macht und Versorgungslage mit Öl wohl für „leider erforderlich“…..

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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