Das Mädchen muss weg.

In unserem Land sind Menschen keine Menschen und Mädchen keine Mädchen.Es sind Schubladenwesen.
Und dieses Mädchen ist gerade einmal acht Jahre alt – aber kein Mädchen.
Es hat für uns weder Eltern noch Rechte, keine Gefühle und keine Zukunft. Weil es eben ein Schubladenwesen ist. Wahrscheinlich hat es auch keinen Bauchnabel und keine Geschichte. Es kam von irgendwoher und isst. Unser Essen.
Es zieht sich an. Unsere Kleidung.
Es spricht. Und zwar unsere Sprache.
Es weint.
Aber seine Tränen sind gegenstandslos. Sie sind gesetzlich nicht geregelt und es gibt keine Ausführungsbestimmung dafür. Tränen findet man nicht auf Formularen.

Das kleine Schubladenwesen ist jedenfalls zuviel und es gibt keinen Platz dafür in unserem Schrank Deutschland.
Es steckt in der falschen Schublade. Und da muss es heraus.
Es muss weg. Fort aus dem Panzerschrank Deutschland.

Wir haben dem Schubladenwesen in den letzten zehn Jahren warme Bombenteppiche in seiner Heimat ausgelegt – wie schön. Täglich werden dort Feuerwerke gezündet und Feiern abgehalten, die man uns hier nicht zeigen will, weil es Beerdigungsfeierlichkeiten sind.
Wir haben dem Schubladenwesen ein neues Land geschenkt, weil wir die ganzen alten, unschönen, zugigen und ärmlichen Behausungen weggesprengt haben und die Menschen dazu – jetzt ist Platz da, wo wir das überzählige Schubladenwesen hinschicken, weil es zuviel ist.

Alles haben wir dort, wo wir das Schubladenwesen hinschubsen, hübsch gemacht.

Hat das Schubladenwesen einen Namen? Ja. Den hat es.
Fatemeh.
Es ist zusammen mit seinen Eltern nachts gelaufen …. viele, sehr viele Stunden gelaufen …. und das Schubladenwesen hatte Glück: es wurde nicht von der Polizei erwischt.
Aber warum sollte man das erzählen.
Das Schubladenwesen ohne Gesicht darf nicht in unseren Schrank; es kam einfach so, ohne jede Not, ohne Angst um sein Leben (so denken wir, und alles andere ist uns unwichtig).

Es hat kein Recht hier zu sein, hier in unserem Schrank, in dem es so still ist und der so wunderbare Goldbeschläge hat. Es isst unser Essen. Es trägt unsere Kleidung.
Es nimmt uns damit nichts weg – aber es nimmt uns all das weg.
Das Salatblatt, welches sie isst, das fehlt am Rest auf den Tellern, die wir in den Abfall entleeren. Und die Socke, die sie trägt, die hätte nach dem dritten Waschen von uns fortgeworfen werden sollen und dürfte auf keinen Fall vom Schubladenwesen drei Jahre lang genutzt werden.

Fatemeh ist ein sehr, sehr böses Schubladenwesen. Es isst uns alles weg, es verschmäht seine teppichwarme Heimat, es stiehlt uns unsere Kleidung. Es muss weg.
Es würde uns eines Tages betrügen, weil es lernen und erfolgreich dadurch sein würde.

Mädchen können nicht bösartig sein.
Schubladenwesen wie Fatemeh aber schon – sie sind böse, weil wir sie zu Schubladenwesen gemacht haben und Schubladenwesen sind böse.

Wir müssen sie herausreißen und fortjagen – auch wenn sie in ihrer bombenteppichwarmen Heimat keine Zukunft, sondern nur den Tod findet.

(Es gibt Tage, da könnte ich nur noch heulen)

http://www.zeit.de/2016/48/abschiebung-afghanistan-schuelerin-fatemeh

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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