Aleppo – hab ich da was verpasst … ?

Das Elend der syrischen Bevölkerung ist unbeschreiblich und größtenteils namen- und gesichtslos.
Leider hat es den Weg in unsere Tageszeitungen gefunden. Es wäre für alle besser gewesen, man hätte den Leuten dort ein Sterben in Stille und Würde ermöglicht. Denn eine Zukunft ohne diesen unzähligen Tod war schon vor Jahren nicht zu erwarten. Da die Menschen alle sowieso schon zum Sterben verurteilt waren, hätte man dies auch etwas würdiger gestalten können.

Es fällt uns schwer, wie üblich wegzuschauen. Der tausendfache Tod belastet unser Weihnachtsgefühl – das hätte nun wirklich nicht sein müssen.

Sonst fällt es uns in vergleichbaren Situationen leicht: seit jetzt gut fünfzehn Jahren hilft uns Israel etwa sehr mitfühlend dabei, wegzuschauen. Es verbietet Presse bei seinen Massakern und gibt damit seinem Töten einen humanen Anstrich, weil uns keine Filme von brennenden Leichen und zerrissenen Kindern erreichen und somit den Angehörigen Bilder vom unsäglichen Verrecken ihrer Leute erspart. Zudem gießt Israel rosa Honig über sein Töten, weil es uns die von uns dringend benötigte Lüge auftischt, dass all solche Berichte auch Lüge seien. Natürlich gibt es sie, hunderte von Fotos, die zermatschte, palästinensische Kinder zeigen, Haufen von Fleischbrei, die die israelische Artillerie im Gaza-Streifen zurückgelassen hat. Es kostet nur wenige Klicks, und man findet sie. Wir müssen aber die Möglichkeit haben zu behaupten, wir würden von all diesen Toten, diesen entsetzlich zugerichteten Leichen nichts wissen. Wir könnten sonst nicht ruhig weiterschlafen – und könnten keine weiteren Waffen an Israel liefern.
Wir brauchen diese Lüge.

Der ägyptische Diktator hat ganz ähnlich wie Israel gehandelt; er erhält uns unser beliebtes Urlaubsland dadurch, dass auch von dort keine Filme von Menschen zu uns gelangen, die auf offener Straße abgeknallt werden wie tolle Hunde. Das hilft uns dabei, im Kellner von Hurghada keinen Menschen sehen zu müssen, der soeben Verwandte dadurch verloren oder die vom Geheimdienst grauenvoll verstümmelte Leiche seines zu Tode gefolterten Bruders im Dreck liegend beispielsweise gefunden hat. Weil wir diese Bilder nicht kennen, können wir in unserem Ägyptenurlaub den Kellner im Hotel für sein etwas schmaleres Lächeln auch mit deutlich weniger Trinkgeld bestrafen. Uns solche Bilder zu zeigen, heißt schließlich uns zu verletzen, uns voller Niedertracht unsere Dummheit nehmen zu wollen, die wir unbedingt dazu brauchen, auch weiterhin Urlaub in diesen Ländern machen und Waffen bauen und dorthin verkaufen zu können. Wir wollen den Geldeingang für diese Verkäufe, aber doch keine „Erfolgsbilder“ unserer Produkte. Schon schlimm genug dass wir mitansehen mussten, wie in Kairo Demonstranten mit Schützenpanzern zu Tode gequetscht wurden, die mit deutschen Lizenzen gebaut worden sind. Wir dürfen aber ausblenden, dass die täglichen Erschießungen in Ägypten mit deutscher Maschinengewehrmunition durchgeführt wird.

Und die USA haben netterweise die Flut von Bildern aus dem Irak vor uns zurückgehalten, auf denen die irakische „Befreiungsarmee“ grinsend aufgespießte Köpfe und mit Macheten geschälte, aufgehängte Leichen der von ihnen „Befreiten“ oder deren Verbrennung am lebendigen Leibe präsentieren. Gut, den USA wäre das auch recht unangenehm, weil diese Mörder mit Waffen aus ihrer Produktion posieren.

Wenn uns keine Bilder gezeigt werden, dürfen wir straflos behaupten, von nichts etwas geahnt zu haben und wir reihen uns ein in die Menge derer, die ihre „Empörung!“ über das Schlachten in Aleppo so balkendick in der Presse auftragen. Die Politik stöhnt nicht etwa getroffen auf, weil sie das Sterben nicht ertragen könnte – sondern, weil sie öffentliche Klagen derer befürchtet, die sich über ihr Aufwachen ärgern und die Wahrheit, zu großen Teilen selbst für die Lage verantwortlich gemacht zu werden, sonst nicht länger unterdrücken könnte.

Hand aufs Herz und mal ganz ehrlich: wir haben uns schon lange insgeheim vor solchen Bildern gefürchtet weil wir wussten, dass es sie geben würde, Geben musste.

Sonst hätte man sich ja auch als ausgesprochen dämlich geoutet. Wenn man ein rohes Ei vom Tisch schubst, wird es zerbrechen. Wenn man Unmengen Waffen in ein Gebiet pumpt, wird damit geschossen werden. Wenn man ein brennendes Streichholz an ein geöffnetes Benzinfass hält, wird es brennen. Wenn man einen Krieg von außen anzettelt, wird es Leichen geben.

Es ist doch alles nur eine Frage der Bilder und ob wir ihren Anblick vermeiden können – nur darauf kommt es doch an. Solange ich nicht sehe, wie einem Kind eine deutsche Kugel aus einem deutschen Gewehr ins Gesicht gejagt wird, solange kann ich behaupten, von nichts zu ahnen oder zu wissen während ich weiß, dass Deutschland genau dorthin Waffen geliefert hat.
Solange mir kein Bild aufgedrängt wird, das eine brennende Leiche auf der Straße zeigt, solange kann ich vor mir selbst behaupten nicht geahnt zu haben was wohl passieren könnte, wenn mein Land Granaten und Panzerfäuste in eine Krisenregion liefert.

Man kann ja behaupten, keine Informationen zu finden und es macht viele wütend, wenn man ihnen den Zugang zu zuverlässigen Quellen verrät, die all diese Bilder zeigen.
Die Toten und Sterbenden von Aleppo sind „wirtschaftlicher Zwangsanfall“ und fallen unter das Sprichwort: „Wer ein Omelette will, muss dafür Eier zerbrechen.“
Wir haben uns momentan nur noch nicht so ganz daran gewöhnt, dass unsere luxuriöse, sichere und friedliche Lebensatmosphäre mit dem Leid anderer bezahlt wird. Ich bin jedoch sehr sicher, dass diese Gewöhnung noch eintritt.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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