England – und die wirklich bombastischen, europäischen „Werte“

Beginnen wir mit Frotzelei:Die Entwicklung sogenannter "cluster bombs" geschah bekanntlich zur Optimierung der Landwirtschaft und für die notleidende Rüstungsindustrie. Durch den Abwurf dieser Waffe kann das Getreide auf den Feldern ungeahnter Größe innerhalb weniger Sekunden niedergelegt werden. Im Experimentalstadium erwies sich allerdings, dass nicht nur das Getreide, sondern auch die Bauern, die die Ernte anschließend einholen sollten, bis zur Unauffindbarkeit zerrissen und verbrannt waren. Das war suboptimal.
Allerdings schlossen Saudi-Arabien und England einen Entwicklungspakt zur Verbesserung der Waffe – und so werden seit Jahren größere Kontingente dieser Streumunition von England an Saudi-Arabien geliefert.

Selbstverständlich waren diese Streubomben niemals als Waffe gegen Menschen gedacht und zu keinem Zeitpunkt konnte die englische Regierung davon ausgehen, dass durch ihre landwirtschaftliche Optimierungsgeräte Menschen zu Schaden kommen würden. Hätte die englische Regierung jemals auch nur den entferntesten Verdacht gehabt, dass Saudi-Arabien die Bomben nicht über Feldern, sondern über Menschen zünden würden, wäre man natürlich sofort mit der passenden Entrüstung von allen weiteren Lieferungen zurückgetreten.

Immerhin kennt auch das englische Außenministerium sicherlich folgenden Eintrag von Wikipedia:

Nach dem Vorbild der Kampagne gegen Landminen, die 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde und ein völkerrechtliches Verbot von Landminen erreichte, wurde 2003 eine internationale Koalition, die Cluster Munition Coalition (CMC), von zivilgesellschaftlichen Gruppen ins Leben gerufen, um die Regierungen der Welt zu einem Verbot zu bewegen. Die Kampagne stellte insbesondere die zivilen Opfer und die über den Konflikt hinaus von Streumunition ausgehende Gefahr in den Mittelpunkt.
In der Cluster Munition Coalition haben sich über 150 Organisationen weltweit gegen den Einsatz von Streumunition zusammengeschlossen.

Streubomben zählen sicherlich zu den heimtückischsten, ja geradezu widerwärtigsten Waffen, die von hochtechnisierten Staaten gegen technisch rückständige Bevölkerungen eingesetzt werden können. Schlimmer als diese sind im konventionellen Bereich höchstens noch Streubombensysteme, die statt Explosiv- Phosphorbrandsätze enthalten. Da ist es beinah unnötig zu erwähnen, dass Israel beide Systeme besitzt und auch einsetzt, denn es gibt kaum ein widerwärtigeres Militär als das israelische und deshalb ist ihm sozusagen "reflexhaft" die Bereitschaft zur Nutzung aller denkbaren Scheußlichkeiten zu unterstellen.

Aber kommen wir zurück zu England:

Wenn wir nun also wissen, dass Saudi-Arabien solcherlei Streubomben gezielt (!) gegen Zivilisten einsetzt und wenn wir wissen, dass England solche Munition fleißig an Saudi-Arabien liefert – dann müsste "eins plus eins" eigentlich "zwei!" ergeben.

Tut es auch: erst nachdem Beobachter durch eindeutig identifizierbare Funde Streubomben im Jemen aufgefunden und zweifellos englischer Produktion zugerechnet hat, erst dann will die englische Regierung erfahren haben, dass ihr Kunde das von ihnen gelieferte Produkt tatsächlich auch benutzt. Mit den Untersuchungsergebnissen und Rückständen der Waffen konfrontiert, will sich England "erschrocken" haben und nimmt die Fakten angeblich "sehr ernst".

Erst jetzt, nachdem England in aller Öffentlichkeit nachgewiesen wird, Saudi-Arabien bei seiner großtechnischen Hatz auf Wehrlose waffentechnisch mit widerwärtiger Munition unterstützt zu haben, erst jetzt will man den Fall "prüfen".

(Man hat da wohl in London etwas falsch verstanden – wenn saudische Militärs gesagt haben, man wolle nun die "Ernte einbringen", war wohl doch die Schaffung von Friedhöfen und nicht das Abernten von Getreidefeldern gemeint.)

Das ist das Famose an unseren "europäischen Werten"! Sie haben genau so lange Bestand, bis unseren Politikern Verstöße dagegen nachgewiesen werden; da man bisher die Erfahrung macht, dass bisher noch gegen jeden "Wert" z.T. auf menschlich niedrigste Art verstoßen wird, weiß man, was von unseren "Werten" so zu halten ist.

Es handelt sich bei der Belieferung Saudi-Arabiens mit Streumunition und die Benutzung durch diese selbstverständlich um ein Kriegsverbrechen, zumal die Waffen keinesfalls gegen Militär oder/und militärische Einrichtung, sondern gezielt gegen Zivilbevölkerung zum Einsatz gebracht worden ist.

Aber was solls …. "Kriegsverbrechen" begehen grundsätzlich immer nur die, die eben nicht zum Westen zählen. Der Westen darf foltern, er darf unter Lügen andere Staaten angreifen, niederwerfen und zertreten, er darf natürlich auch alle Waffen immer an alle liefern – das sind nie "Kriegsverbrechen". Er darf stundenlang mit schwerer Artillerie in Wohngebiete hineinschießen, Krankenhäuser und Schulen gezielt vernichten, er darf mit Raketen auf Kinder feuern, denn das sind per definition nie "Kriegsverbrechen". Er darf aus der Luft immer und immer wieder "irrtümlich" auf Zivilisten schießen und insgesamt hunderte von Kindern, Frauen, Unbeteiligten umbringen, das sind niemals "Kriegsverbrechen".

Wir alle Europäer werden sanft lächelnd die rosa Schmusedecke des kumpelhaften Schweigens über die vielen Toten der englischen Streubomben werfen und diesen ganzen, unappetitlichen Vorfall sehr zügig vergessen. Es ist ja Weihnachten.

Wir werden auch ganz bestimmt rechtzeitig wegschauen, wenn die Bombardierung mit Streumunition im Jemen einfach weitergeht. Wir müssen auch nichts davon wissen, wozu auch, immerhin haben wir doch unsere "Werte", und an die wird sich schon jeder halten, nicht wahr?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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