Deutschland – der Anschlag und die Bequemlichkeit des Nichtdenkens

Fangen wir ganz woanders an:

Ab und zu frequentiere ich einen Raucherraum. Früher befand sich ein Büro darin und deshalb gibt es dort einen Heizkörper. Der ist, wie in etwas älterer Bausubstanz durchgehend üblich, direkt unter einem größeren Fenster angebracht. Die weitaus meisten rauchenden Kollegen dort schalten ihn auf volle Leistung, da sie aber ihr eigener Rauch stört, öffnen sie das Fenster darüber – und zusätzlich auch noch ein Fenster, das genau gegenüberliegt. Im Endeffekt kann sich im Winter die Wärme natürlich keinen Moment im Raum halten, permanent herrscht ein recht starker Zug, da der Raum auch noch völlig frei steht (und im Grunde beinah ein eigenes Häuschen darstellt).
Kein noch so freundlicher Hinweis ändert etwas an der Situation, vornehmlich die weiblichen Kollegen reißen beim Betreten als erstes beide Fenster auf und überprüfen, weil es ihnen eigentlich viel zu kalt ist, ob die Heizung auch unter voller Last läuft. Das ist selbstverständlich himmelschreiender Blödsinn und nichts als reine Energieverschwendung. Eine auch nur halbwegs logische, nachvollziehbare Erklärung gibt es für das Verhalten natürlich nicht. Alle Kollegen, die ich freundlich darauf hinweise, glotzen mich einigermaßen dämlich an. Es sei doch wohl kaum meine eigene Rechnung, die ich zu bezahlen hätte, denken sie.

Vor vielen Jahren sah ich mich in der Not, aufgrund einer unhaltbaren, politischen Großwetterlage bei unserem Vorstand zu intervenieren. Um es kurz zu machen galt es Lieferungen und Verschiffungen wegen eines erfolglos abgelaufenen Ultimatums und deshalb unmittelbar drohender Kriegshandlungen abzusagen bzw. umzuleiten. Also sprach ich vor und erhielt sogar spontan einen Termin. Das angesprochene Vorstandsmitglied lächelte bei meinem Vortrag sanft, nickte ab und zu zustimmend und entschied, als ich geendet hatte, sofort, entsprechend zu verfahren. Kurz bevor ich ging, setzte er noch leise hinzu: „Ist das nicht komisch? Heute morgen habe ich beim Kaffee und meiner Zeitung natürlich davon gelesen – und den Fall überhaupt nicht auf uns bezogen.“
Wie das möglich sein konnte, blieb mir all die Jahre bis heute schleierhaft. Ich hatte, da das Ultimatum in der Nacht auslaufen sollte, mir für diese Information einen Wecker gestellt und recherchiert.
Andere Unternehmen in gleicher Lage haben nicht so schnell geschaltet; einige ihrer Containerfrachter gerieten ins Kreuzfeuer von Raketen und Granaten und manche davon dienen heute Korallen als neue Heimat auf dem Meeresgrund. Es hat Tote gekostet.

Seit vielen Jahren verüben wir mit all unseren Interventionen und militärischen Aktionen im Nahen Osten nichts als blanken Terror. Insgesamt sind weit mehr als eine Million Tote und verseuchte Landstriche zu beklagen, denen durch die Rückstände unserer Waffen jährlich tausende von missgebildeten Kindern entspringen. Wir haben ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, wir zerstören und töten zu Wasser, zu Land und aus der Luft. Unablässig kreisen unsere Drohnen und töten; unsere Bomber zerstören Kinderfeste, wir foltern und jagen große Teile notwendiger Infrastruktur von ganzen Ländern in die Luft. Im Anschluss daran sterben Menschen an den Folgen daraus, weil Kliniken in Schutt und Asche liegen und das Wasser verseucht ist, weil die Aufbereitung zerstört wurde.
Dafür aber pumpen wir große Mengen Waffen dorthin. Immer mehr, immer mehr, immer mehr. Weil man Feuer mit Benzin löschen muss, kämpft man mit Armeen für den Frieden.

Aber sowenig uns klar ist, dass Heizungsenergie auf keinen Fall direkt durch das Fenster in den eisigen Winter abgesteuert werden sollte und dass konkrete Kriegsdrohungen unser eigenes, wirtschaftliches Handeln beeinflussen, sowenig begreifen wir, dass die von uns im ganz großen Stil angewandte Gewalt und Zerstörung Gewalt und Zerstörung nach sich zieht.

Wir verschließen viel lieber die Augen und reden uns mit Ahnungslosigkeit heraus, weil das „Weiter so!“ viel bequemer für uns ist und eine Veränderung unseres Verhaltens zwar produktiv sein könnte, aber Anstrengung und Investition kostet. Und womöglich noch dazu führt, dass wir uns einen Kinobesuch oder einen Burger pro Jahr weniger leisten könnten.

Deshalb sind immer die anderen schuld – und diese Idee rechtfertigt uns auch noch perverserweise dazu, weiter zu schießen, weiter Waffen zu liefern, das Fenster weit offenstehen zu lassen und unsere Lieferungen im Granatfeuer auf den Meeresgrund sinken zu sehen. Wir klammern uns so sehr und so ängstlich an das, was wir zusammengerafft haben, dass ein Abdrehen von unserer aggressiven Kanonenpolitik unmöglich scheint. Deshalb müssen wir alles, was Kritik an uns und unserer (Mit-) Gefühllosigkeit übt, deklassieren, zu Untermenschen, zu genetisch bedingten Blöden erklären und empfinden, dass Granaten das einzige sein sollen, was sie verstehen.

Deshalb flüstern wir uns auch in unserer vollendeten Blödheit, in unserem Widerwillen, an unserem Leben etwas ergreifend zu verändern, auch angesichts des Anschlags in Berlin zu: „Wir müssen so weitermachen!“.
Viele von uns können nicht anders. Heute einzugestehen, dass die gesamte Kriegspolitik ein furchtbarer Fehler war, hieße endlich zu begreifen, dass wir hier die Schuld an dieser Million Toten tragen und prächtig an ihrem Tod verdient und davon wunderbar gelebt zu haben.

Was werden wir uns in den nächsten Tagen alles gegenseitig begeistert einreden wollen! Welch tiefstehender Kultur der Attentäter wohl entstammt, wie feindselig er gegen uns und unsere formidablen „Werte“ empfunden hat und niemand wird realisieren, dass diese entsetzliche Gewalt nur die Antwort auf die entsetzliche Gewalt ist, die wir viele tausend Kilometer entfernt in seiner Heimat jeden Tag verüben.
Wir werden wie üblich nur eine einzige Antwort auf den Anschlag kennen: wie in der Schweiz wird es weitere, neue Feuerüberfälle, Bombenanschläge und ähnliche Angriffe gegen Muslime und Moscheen geben. Wir werden uns gegenseitig fragen, wie wir diese Fremden, von deren Leid wir leben, am besten in Läger stecken, kontrollieren, gefangensetzen, eindämmen und ihnen verbieten, ihre Kultur zu verstecken.

Das Tragische daran ist, dass der Attentäter im Glauben, sich vor Allah verdient gemacht zu haben, nichts als ein verdammungswürdiger Massenmörder war, der sich furchtbarerweise in nichts von dem Mörder unterscheidet, der vom bequemen Sessel aus per Joystick Kinderfeste in Afghanistan zerreisst. Der Mörder am Joystick ist nichts besser als der Mörder im LKW – beide finden frenetisch klatschende Zustimmung, beide sind überzeugt davon, das richtige zu tun, beide bringen keinen Frieden, sondern nur Tod, Zerstörung, Hass und Leid.
Selbst wenn es mir niemand glauben will: meine Trauer um die Toten von Berlin ist um nichts geringer als die um die Toten aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, Ägypten, dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen. Sie alle sind nur das Mahlgut unserer Bequemlichkeit, unserem Widerwillen, etwas ergreifend zu verändern, unserem entsetzlichen Desinteresse an Frieden.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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