„Mein“ Islam – und ich

In lockerer Folge werde ich hier, wie ich es in der Vergangenheit auf einem alten blog bereits begonnen hatte, für mich statements zu meinem eigenen Glaubensverständnis und der von mir täglich geübten Praxis in Bezug darauf niederlegen.Es ist nichts als ein lautes Nachdenken, ein Pfahl in der Erde an meinem Weg, ein Orientierungspunkt und soll mir dazu dienen, später einmal vielleicht Pannen, Fehler und Irrtümer daran zu erkennen – denn wie sich Menschen entwickeln, so entwickelt sich mit mir auch mein Glaube jeden Tag ein wenig mehr.

Frauen

Und ich beginne sofort mit einem allgemein als höchst schwierig betrachteten Aspekt.
Allgemein. Für mich selbst ist der Sachverhalt ein sehr einfacher:

Erst einmal sind Frauen, wenn ich all meine Qur’an-Kenntnisse (die noch immer viel zu gering sind!) zusammennehme, gleich Männern vollkommen selbstbestimmte Menschen. Sie haben ihre eigene Entscheidungsgewalt und tragen daher auch das gleiche Maß an Verantwortung für sich, ihre Familie, die Kinder und die Zukunft. Das ist die Grundvoraussetzung.
Unser Verehrter Prophet hat es uns vorgemacht: die Intensität und Selbstverständlichkeit, mit welcher er beim Abwasch half und Haus- wie Küchenarbeiten verrichtete, seine Frauen um Rat fragte, sie beachtete und ehrte, bildet für diese Grundvoraussetzung ebensoviele Indizien wie etwa seine Abschiedspredigt und die Sunnah, die er uns hinterließ.

Eine Zwischenbemerkung: man darf die Zeitgeschichte keineswegs vergessen! Im Islam wurden Frauen als gleichwertige Partner zu einer Zeit anerkannt, in welcher Frauen nicht viel besseres als frei benutzbares Vieh waren und nach Belieben ge- und verkauft oder erschlagen werden konnten.
Von einem „Wert“ war nur die Rede, wenn es um Söhne oder Arbeitskraft ging. Genau in dieser Zeit verkündete der Prophet Muhammad (saws), dass Frauen eigene Besitzstände, eine eigene Meinung und Entscheidungsgewalt über sich selbst haben konnten, erben, Geschäfte betreiben und vererben konnten. Das entmündigte, totalverhüllte und stumme (Arbeits- und Zucht-) Weibchen einiger Muslime und „Muslime“ von heute hat für mich mit modernen Muslimas nicht wirklich viel zu tun.

Wenn mir also nun der Islam sagt, dass (m)eine Frau ihre eigene Persönlichkeit, Meinung und Entscheidungsfreiheit besitzt, dann ist ihr dies selbstverständlich auch vor Allah zu eigen. Alles, was ich über sie (hinweg) entscheiden würde, wäre potenziell falsch – und würde ihr nur, wenn ich mich darin durchsetzte, Strafe einbringen. Vor Allah kann kein Mensch sein Fehlverhalten dadurch entschuldigen, dass er von anderen dazu gezwungen oder verführt worden sei. Zwänge ich ihr also nun ein Kopftuch auf, könnte dies ein Fehler sein – würde ich ihr „erlauben“, es nicht zu tragen, ebenso. Ich würde, so oder so, eine Entscheidung treffen, die sich möglicherweise fatal für sie auswirken könnte.
Auf der anderen Seite „trage niemand die Last des anderen“ – eine qur’anische Weisheit.
Warum also sollte ich das Problem, die „Kopftuchfrage“ zu lösen, auf mir lasten lassen? So wie meine eigene, so ist jede Frau selbst dazu aufgerufen, dies zu tun.
Ich tue selbst das, was ich glaube tun zu müssen: kurze Hosen etwa trage ich ausschließlich nur zuhause und bevorzuge selbst bei hohen Temperaturen lange Hemden. Ohne Not und ungefragt berühre ich keine fremden Frauen (obschon ich den Handschlag gewähre, wenn er gewünscht oder verlangt ist).

Meine Frau hat jede Entscheidungsgewalt über sich, die sie für ein freies Leben benötigt. Sie hat Gewalt über ihre eigenen Mittel und kennt die Grenzen, ab welchen Entscheidungen von mir mit getroffen werden müssen, recht genau.

Kritik gegen anderen Frauen liegt mir absolut fern.
Ich finde es nur maximal schade, wenn sich einige besonders aufreizend kleiden, weil sie damit das Augenmerk auf ihre sekundären sowie primären Geschlechtsmerkmale lenken und damit (ungewollt) zum Ausdruck bringen, das sonst nicht viel Interessantes an ihnen zu entdecken sei. Ich finde das ärmlich und höchst bedauernswert. Das Märchen vom „Individualismus“, der durch solche Kleidung und Präsentation dargelegt werden soll, ist beinahe amüsant. Ich erinnere mich da ein ein Interview, bei welchem fünf oder sechs sehr junge und auf sehr gleiche Art knapp bekleidet nebeneinander saßen und beteuerten, dass sie sich damit schrecklich „individuell“ fühlen würden. Den einzigen Unterschied zu Burkas, die genauso gleich und unterschiedslos machen, fand ich darin, dass man bei den halbnackten Mainstream-Frauen mehr als nur Augen sieht.
In diesem Zusammenhang bin ich allerdings völlig konsequent: von mir aus dürfen Frauen auch gern völlig nackt auf die Straße gehen. Ob und welche Strafe ihnen dafür im Dies- oder Jenseits droht, muss mich überhaupt nicht interessieren. Ich bin für sie nicht verantwortlich. Mein Verhalten ihnen gegenüber ändert sich deshalb um keinen Millimeter. Ob unter einer Burka oder nackt: solange ich nicht mit ihnen verheiratet bin, interessiert mich weder der erkennbare, noch der verdeckte Körper. Ich berühre weder die eine noch die andere.

Ich halte Frauen für absolut gleichwertig und sie müssen gleichberechtigt sein; nähme man ihnen nur etwas davon weg, so würde man sich als Mann Schuld dafür aufladen und eine Verantwortung vor Allah übernehmen, die man sich zu Unrecht aufgeladen hätte. Im schlimmsten Fall könnte möglicherweise genau dafür Strafe drohen.

Gerade vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund erlangt diese Frage ganz besondere und weit darüberhinaus vertiefte Bedeutung: da diese Suren in einer Zeit zu uns kamen, in welcher die gesamte Umwelt (!) Frauen zu Vieh erklärt hatten und niemand und nichts dazu gezwungen hätte, Frauen Rechte zuzusprechen, sind sie bemerkenswert. Niemanden hätte es zu dieser Zeit wirklich interessiert, wenn der Islam gesagt hätte: „Frauen sind euer unbeschränktes Eigentum. Kauft sie, verscheuert sie, sperrt sie zu Zucht- und Arbeitszwecken ein oder erschlagt sie ganz nach Belieben!“ – aber der Islam hat das ganz genaue Gegenteil manifestiert.
Damit hat er in diesem Zusammenhang den Beginn eines roten Fadens in die Menschheit gelegt und eine Entwicklung aufgezeigt. Im engeren Sinne haben hier Menschen- und insbesondere Frauenrecht zu leben begonnen, indem sie in Form von religiösen Bestimmungen eine deutliche Distanz zu ihrer gesamten Umwelt darlegen.
Selbstverständlich gilt heute das gleiche. Die Aufgabe von Muslimen ist heute keine andere als zur Zeit der Offenbarung: wir haben uns zu den gleichen Grundsätzen zu bekennen und müssen daher auch heute (!) eine positive, produktive und zum Besseren „abgehobene“ Lebensphilosophie unserer Umwelt gegenüber umzusetzen – weil auch heute der gleiche Qur’an Ansätze genau dafür liefert und dies auch von uns Muslimen verlangt.

Ich finde nichts im Qur’an, das einen Muslimen heute davon abhalten könnte, wieder bzw. immer noch ein solch gutes Vorbild abzugeben. Wir können als Muslime besser sein als Nichtmuslime – weil wir mit dem Islam die einzige und perfekte, dynamische, ewige und endgültige Religion haben.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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