Satire: Die „Israel-Doktrin“ und die Wirklichkeit, ein Mehrakter

1. Akt:

Israel bezieht sich auf seine seit vielen Jahrhunderten untergegangene Geschichte, in welcher es als zwar hochaggressives, letztlich aber kriegsweise erfolglos gebliebenes Land am Ende ausgelöscht worden war. Es reanimiert das Überlegenheitsgefühl aus dieser tiefen Geschichte und klammert die gut zehn Jahrhunderte, die seitdem vergangen sind, aus seinem Blickfeld aus.
Es erhebt den ultimativen Anspruch auf die Herrschaft weiter Teile seines heutigen Staatsgebiets, die Nachbarregionen, die es unter Ignoranz der heutigen Realität mit ihren historischen Namen bezeichnet, betrachtet weite Teile der Halbinsel Saudi-Arabiens als Eigentum und den größten Teil (des bewohnbaren) Nordafrikas.

Daraus, wenn man diesen Wahn auch nur hinnehmen, geschweige denn unterstützen wollte, resultieren natürlich Konsequenzen:

2. Akt:
Antonio Costa, Premierminister Portugals, wird morgen in diffiziler Angelegenheit nach Japan fliegen. Es soll dort die Übergabe der Regierungsgeschäfte und die Unterstellung des gesamten, japanischen Territoriums unter portugiesische Herrschaft verhandelt werden. Wie aus portugiesischen Regierungskreisen verlautet, rechnet man mit Widerstand aus dem japanischen Kaiserhaus, glaubt jedoch auf Basis der „Israel-Doktrin“ an die Wirksamkeit der vorzulegenden Beweise.
Costa führt zu diesem Zwecke eine Originalausgabe des Vertrags von Tordesillas mit sich, der 1493 zwischen den Großmächten Spanien und Portugal geschlossen und von Papst Alexander VI. vermittelt worden war. In diesem Vertrag wurde u.a. Japan der portugiesischen Krone als Eigentum zugeschlagen.

3. Akt:
Costa sah sich in den Wochen zuvor trotz strenger Geheimhaltung einigen Indiskretionen aus seinem Umfeld ausgesetzt und lehnte einen als höchst dringlich deklarierten Terminwunsch des marokkanischen Botschafters rigoros ab. Es wird vermutet, dass Marokko beabsichtigt, aufgrund seiner historisch gesicherten Herrschaftszeit auf dem heutigen Gebiet Portugals das Land zu übernehmen. Beobachter diskutieren, inwiefern Marokko dann sowohl Portugal als auch Japan seinem Territorium hinzufügen darf.

4. Akt:
Eine geheime, aber als höchst dringlich zur Kenntnis genommene Unterredung zwischen Francois Hollande und Costa wurde bekannt – wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Frankreich scheint an den japanischen Fischgründen größeres Interesse zu haben, da es seine einstige Herrschaft über Marokko betont und, nach der „Israel-Doktrin“, nun als Eigentum betrachtet. Die Force de Frappe ist in Form der französischen Kriegsmarine bereits ausgelaufen und befindet sich aufmunitioniert auf hoher See. Ziel: noch unbekannt.

Zwischenzeitlich zeigt sich sowohl das japanische Kaiserhaus, als auch das marokkanische Parlament über den Gang der Dinge nachhaltig verstört. Die jeweiligen Militärs fragen bereits offiziell an, wer und wo nun der künftige Feind sei. Man habe in Japan derzeit gleich ein doppeltes Problem, verlautet aus Regierungskreisen, weil sich der japanische Ministerpräsident derzeit in Beijing aufhält und dort die chinesische, kommunistische Partei mit der Idee konfrontiert, sich doch nun endgültig, freiwillig und ohne Angst dem japanischen Kaiser unterzuordnen. Immerhin sei man dem Sinn der „Israel-Doktrin“ nach gleich mehrfach als Herrscher über ganz China aufgetreten und habe deshalb das Recht dazu.
Das chinesische Militär befindet sich im Rotalarm; alle Wochenendurlaube sind gestrichen, alle Einheiten werden technisch kampfbereit gemacht.

5. Akt:
Deutsche Kommandounternehmen sabotieren Costas Flugzeug und das deutsche Militär führt plötzlich großformatige Manöver direkt an der französischen Grenze durch. Das ist die Begleitmusik der Forderung aus Berlin, dass die Übergabe sämtlicher Gewalt sowohl aus Paris, Rabat als auch aus Tokyo erwartet würde. Immerhin habe man Frankreich gleich mehrfach militärisch unterworfen und die Regierungsgewalt darüber innegehabt. Merkel veränderte bei ihrer Rede vor dem Bundestag dazu ihre berühmte Raute in den spitzen Zeigefinger und rief: „Wollt ihr die totale Regierung?“, was von den anwesenden Abgeordneten spontan mit stehenden Ovationen begrüßt wurde.

6. Akt:
Paolo Gentiloni, italienischer Ministerpräsident, meldet seinerseits den urrömischen Anspruch auf die ganze Welt an. Seine Begründung arbeitet auf mehreren Ebenen: zum einen habe Rom einst die gesamte Welt der Hochantike über Generationen beherrscht. Seine Soldaten marschierten im höchsten Norden, durch die breitesten Wüsten, von Ost nach West, von Süd nach Nord.
Er betonte in seiner aufsehenerregenden Rede die Stichhaltigkeit des deutschen Anspruchs auf die genannten Gebiete der spanischen Halbinsel, Nordafrika, Japan und ganz Asien und fügte abschließend lächelnd hinzu, dass deshalb an der römischen Herrschaft kein Zweifel möglich sei – immerhin habe Deutschland über Jahrhunderte eine römische Herrschaft und Teil an der römischen Kultur gehabt.

Merkel lächelt und kommentiert die Rede nicht. Seehofer wirft in einer Rede vor dem Kitzbühler Schützenverein die Anmerkung ein, dass Gentiloni unrecht habe, da Italien später durch deutsche Kaiser regiert worden war. Vor dem Bundestag kommt es zu Demonstrationen. Sprechchöre fordern die zwangsweise Einführung von Schweinehaxen in Rabat, in Rom, in Lissabon und Tokyo („Durch teutsches Essen wird der teutsche Kaiser nicht vergessen!“)

7. Akt:
Stephan Jung, seines Zeichens Prinz im Kölner Karneval, Mitglied der temporär regierenden Vereinigung Kölner Karnevals von 1823 e.V., spricht bei der Oberbürgermeisterin Henriette Rekers vor und verlangt ultimativ die Übergabe der Regierungsgeschäfte. Immerhin habe man immer schon zu Karneval die Macht übernommen. Wenn es denn immer scherzhaft war, soll es diesmal ernst werden. Dem Vernehmen nach will Seine Hoheit, Prinz Jung, die Schulmilch durch Kölsch ersetzen und den Karneval auf die Tage vom 01. Januar bis einschließlich den 31.12. eines jeden Jahres ausdehnen.

8. Akt:
Auffällig ist, dass sich die US-Administration aus all diesen Fragen vollkommen heraushält. Analysten munkeln, dass sich der US-Senat schier zahllosen Forderungen ausgesetzt sieht, sich zugunsten Einzelner aufzulösen und die Regierungsgeschäfte nebst des gesamten Territoriums zu übergeben. Da man mehrere Dutzend Anspruchsteller namentlich kennt, soll ein Halma-Turnier darüber entscheiden, gegen wen die USA nun konkret Krieg führen muss.

9. Akt:
Schließlich meldet Kenia alle Eigenntums- und Herrscherrechte über Israel an. Uhuru Kenyatta, Sohn des ersten Präsidenten Kenias, Jomo Kenyatta, verweist dabei auf archäologische Funde in Israel, die Relikte von Frühmenschen zutage gefördert hatten, die zweifelsfrei aus dem Landstrich des heutigen Kenia stammen.

10. Akt:
England sieht seine Stunde gekommen und wittert mit Kenia, welches es ja einst beherrscht hatte, eine willkommene Bereicherung der innerenglischen Wirtschaft, die den Brexit mildern könne. Insofern verweist die britische Krone auf ihre Herrschaft im Jahre 1895 und erinnerte an die Errichtung des britischen Protektoriats über Kenia in diesem Jahr.

11. Akt:
Benjamin Netanyahu, israelischer Ministerpräsident, bricht angesichts dieser Ereignisse an seinem Schreibtisch in Tel Aviv vor Zeugen in Tränen aus. Er wird in den folgenden Tagen weder vor der Presse, noch vor der Knesset eine Erklärung abgeben und zieht sich in tiefe Meditation zurück.

Im Anschluss daran verkündet er die Auflösung des Staates Israel und übersendet wesentliche Teile des israelischen Heeres und des Staatsschatzes nach Nairobi. Man müsse, so kommentiert er diesen Schritt, der „Israel-Doktrin“ auf jeden Fall gehorchen – auch wenn es Israel selbst ad absurdum führe.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Satire: Die „Israel-Doktrin“ und die Wirklichkeit, ein Mehrakter

  1. seidwalk schreibt:

    Sie schrieben am 28.4.2016: „Der israelische Henker wird NICHT juristisch zur Verantwortung gezogen.“ Das bezog sich auf die Erschießung eines wehrlosen arabischen Terroristen durch den israelischen Soldaten Elor Azaria. Heute nun diese Meldung: Militärgericht verurteilt israelischen Soldaten: http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-militaergericht-verurteilt-elor-azaria-wegen-totschlags-a-1128502.html

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    • echsenwut schreibt:

      Das ist richtig. Aufgrund der vielen Berichte, die seinerzeit im Umfeld der Verhaftung aufkamen, war zumindest vorübergehend nicht mit einer Anklageerhebung, geschweige denn mit einer Verurteilung zu rechnen. Immerhin hatte sich Naftali Bennett seinerheit mit seiner klaren Forderung, Azaria freizulassen, in die Diskussion eingeschaltet. Dazu äußerten viele Soldaten damals Verwirrung, weil das Vorgehen, schwer verletzte Angreifer an Ort und Stelle zu erschießen, ein sehr gängiges Verfahren in Israel darstellt und grundsätzlich nie zu disziplinarischen Maßnahmen, geschweige denn Anklagen führt.
      In Verbindung mit der Unterstützung, die Azaria während seiner Haft erfahren hatte, war tatsächlich nicht mit einer Verurteilung zu rechnen – sie schien bis vor wenigen Wochen tatsächlich äußerst unwahrscheinlich.
      Deshalb gehe ich davon aus, dass die internationale Verbreitung des Hinrichtungsvideos für ausreichenden, politischen Druck gesorgt hat. In der Tat wurde das Video innerhalb weniger Tage extrem prominent. Nehmen Sie als Gegenbeispiel den Film, der einen Soldaten an einem Checkpoint dabei zeigt, wie er einer am Boden sitzenden Frau ein Messer hinwirft und ihr befiehlt, es aufzuheben. Was denken Sie was wohl geschehen wäre, wenn sich die Frau nicht geweigert hätte, das zu tun? Jedenfalls griff dieser Film NICHT um sich – und dem Soldaten geschah nichts. Gerechtigkeit ist in Israel nur eine Frage von Öffentlichkeit. Wer keine hat – stirbt.

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