„Mein“ Islam und ich – hier: Gewalt

Hier folgt wieder einmal ein lautes Nachdenken über ein für mich und meinen Glauben höchst relevanten, einzelnen Punkt: diesmal ist es das Thema "Gewalt".

(Nach Maßgabe aller ernstzunehmenden Gelehrten im Islam ist das Zitieren und Interpretieren einzelner Suren zur Behandlung eines Themas aus guten Gründen untersagt – ich mache diesen Fehler auch nicht!)

Nach meinem persönllichen Islamverständnis ist Gewaltanwendung in Form eines Angriffs ist mit einer einzigen Ausnahme strikt untersagt. Ausschließlich nur im konkreten Kriegsfall kann theoretisch ein Präventivschlag gerechtfertigt sein, wobei die Entscheidung hierzu diverse Stufen der Prüfung durchlaufen muss. Derjenige, der als Muslim aus religiösen Gründen in einem erklärten (!) und bereits aktivem Krieg den Zug eines gegen ihn marschierenden Heeres attackiert, könnte möglicherweise schuldfrei ausgehen. Die Anforderungen an eine derartige Prüfung im Vorfeld sind jedoch sehr hart und dürften in neun von zehn Fällen nicht in der geforderten Stringenz vorliegen.

Der Angreifer muss Muslime wegen ihres Glaubens bekämpfen.
Es muss mit Sicherheit ausgeschlossen werden können, dass sich das anmarschierende Heer einem anderen Angriffspunkt zuwenden will.
Der Angriff muss als unvermeidbar gelten.

Islam kennt kein bloßes "Nein" oder "Ja", sondern bildet die Vielschichtigkeit in menschlichen Gesellschaften mit einer feineren Skala ab: es gibt das unzweifelhaft Verbotene, das nicht zu Empfehlende, das Anzuratende und das unzweifelhaft Gebotene – eine "Viererstaffel".
Nach dieser richten sich viele Beurteilungen von Gewaltanwendung, wobei noch einmal anzumerken ist, dass Gewaltanwendung ohne zwingenden Grund generell verboten ist ("haram").

Als Muslim darf ich bei einem gegen mich erfolgenden Angriff Abwehr üben, die Gewalt dann einschließt, wenn sie vom Angreifer gegen mich angewendet wird. Das schließt natürlich auch entsprechende Abwehrreaktionen ein, die meine Familie gegen Angriffe schützen.
Diese Abwehrgewalt ist allerdings ebenfalls recht streng geregelt: sie hat sofort beendet zu werden, sobald der Angreifer nicht mehr angreifen kann oder zu verstehen gibt, nicht weiter angreifen zu wollen. Ein "Nachtreten" oder "Bestrafen", weil ich dem Angreifer aus Wut noch ein paarmal schlage oder verletze ist verboten.

Generell verboten, also "haram", ist Gewalt, die nicht mit Abwehrbemühungen zu begründen ist. Infolgedessen darf über Gewaltandrohung etwa kein Zwang erfolgen (wie etwa eine Missionierung). Sie darf natürlich auch nicht angewandt werden, weil man sich bereichern, oder aus sonstigen Gründen jemandem etwas fortnehmen will, was dieser sonst nicht hergibt. Gewalt darf keinesfalls angewandt werden, um jemanden zu verjagen, ihn zu bedrücken, zu Wohlverhalten zu zwingen.

Damit ist Gewalt für einen Muslimen im Grunde in seinem täglichen und privaten Leben keine Option. Er kann mit ihr nur erreichen, einen gegen ihn geführten Angriff zu unterbinden.
Die Gemeinschaft der Muslime kann bestimmte Straftatbestände mit dem Tode bestrafen; die vielerorts in islamischen Ländern geübte "Weiterleitungspraxis" ist m.E. eine höchst sinnvolle, gerechte und disziplinierte Verfahrensweise. Nach dieser spricht ein Gericht die Todesstrafe aus und überträgt die Verantwortung, ob sie vollzogen werden soll, an die Angehörigen des Opfers. Sie allein haben das Recht, die Todesstrafe in eine langjährige Haftstrafe umwandeln zu lassen. Üblicherweise übertragen die Gerichte diese Aufgabe an die Angehörigen in Verbindung mit der dringlichen Empfehlung des Qur’an, Gnade walten zu lassen. Sie ist bei Allah höher angesehen als die Einwilligung in den Vollzug der Hinrichtung, auch wenn es spirituell für die Angehörigen nicht nachteilig ist, auf den Gnadenerweis zu verzichten.
Im vorletzten Jahr geriet ein Fall in die Schlagzeilen, bei dem eine durch eine schwere Säureattacke verletzte und verunstaltete Frau das Recht darauf hatte, den Täter ihrerseits durch Säure im Gesicht gleichermaßen verletzen zu lassen. Sie ist eine gute Schwester vor Allah, da sie sich in buchstäblich letzter Sekunde gegen die Verätzung des Täters entschieden hatte.
Auch ein ordentliches, islamisches Gericht kann und darf keine Todesstrafe verhängen, wenn nicht Menschen durch den Angeklagten unmittelbar zu (schwerem) Schaden gekommen oder ums Leben gebracht worden sind.
Die Erfahrung lehrt, das die weitaus meisten Angehörigen den Vollzug der Todesstrafe ablehnen und den Gnadenerweis aussprechen.

Nehmen wir beispielsweise den Fall Elor Azaria, den israelischen Soldaten, der einen bereits wehrlos geschossenen, palästinensischen Terroristen in den Kopf geschossen hat. Nach meiner persönlichen Rechtsauffassung stellt sich das folgendermaßen dar:
a) wäre der Terrorist ordentlich verhaftet worden, hätte er zum Tode verurteilt werden müssen.
b) da er ohne zwingende Not erschossen worden ist, müsste der Schütze zwingend wegen Mordes zum Tode verurteilt werden (wobei ihn die Angehörigen des Terroristen begnadigen könnten)
Der "Fangschuss" durch den Soldaten war unnötige Gewaltanwendung und die ist zweifellos verboten, also haram. Der Soldat konnte vor Gericht nicht nachweisen, dass ohne den Schuss unmittelbar Gefahr von dem Terroristen ausgegangen wäre, da er erkennbar schwer verletzt und völlig handlungsunfähig auf dem Boden lag. Er selbst hatte vor (!) dem Schuss Kameraden gegenüber gesagt, dass er nun einen Kameraden rächen wolle – also war diese Tötung eine klar unnötige Handlung und nur den Emotionen des Soldaten geschuldet.

Im Hinblick auf Staaten ist die Angelegenheit viel komplizierter:
Erst wenn weltweit (!) alle (!) Muslime zu der Ansicht gelangen, dass gegen sie gemeinschaftlich wegen ihres Glaubens (!) Krieg geführt wird und sie vernichtet werden sollen, wählt die Welt(!)Gemeinschaft aller Muslime einen Kriegerkönig – den berühmten "Kalifen". Die Wahl muss meiner Kenntnis nach einstimmig erfolgen.
Nebenbemerkung: deshalb bezeichne ich den "Kalifen" des "Islamischen Staats" ja auch als Vollidioten und als jämmerlichen Karnevalsfatzken, weil er nie Kalif war. Ich würde es ja als Muslim wissen müssen, weil ich für ihn hätte gestimmt haben müssen, wenn er einer wäre. Also erklärt mich dieser Idiot neben weiteren 1,5 Milliarden Muslimen der Welt entweder zu einem Nichtmuslimen (eben weil er meine Stimme nicht eingeholt hat!) und stützt sich mit behaupteter Einstimmigkeit auf die paar Hansels, die zu seinem komischen "Staat" zählen oder aber er ignoriert diese Bestimmung. Es kann nur die Ignoranz sein – denn KEIN Muslim darf einem anderen Menschen, der sich selbst als Muslimen bezeichnet, diese Eigenschaft absprechen.

Blanker Terror ist in jeder Hinsicht verboten: Muslime sind generell gehalten, "Nichtkämpfer" (zu denen Unbeteiligte, Unschuldige, Kinder, Alte, Behinderte und die meisten Frauen zählen) dürfen unter keinen Umständen angegriffen werden. Ein Anschlag, der einen Nichtkämpfer gefährdet oder tötet – ist nichts als Mord. Ein Kampf von Muslimen darf und kann sich grundsätzlich immer nur gegen konkrete Kämpfer in klarer Angriffs- (und Tötungs-) Absicht richten.
Zudem ist es klar verboten, im Rahmen von Kämpfen die Umwelt nachhaltig zu schädigen; es gibt geschriebene Gebote im Islam, die die Vernichtung und Schädigung der Natur und Umwelt verbieten. Das schließt für Staaten beispielsweise den Griff zu Atomwaffen völlig aus.

Der Wegfall der Gewaltoption als gesellschaftliches Korrektiv macht das Leben von Muslimen nicht unbedingt einfacher. Sie sind zur Konzilianz und Friedfertigkeit gezwungen, wenn sie vor Allah nicht schuldig werden wollen. Andererseits aber gibt es im Fall eines Angriffs auf einen Muslimen keinen Moment des Zögerns, um sich zu einer auch gewaltgeprägten Verteidigung zu entschließen.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.