Ägypten – Sanafir, Tiran und der Damm

Man muss wohl selbst leidenschaftlichen Ägyptentouristen und Liebhabern des Landes erklären, wer oder was Sanafir und Tiran sind und weshalb diese beiden dem augenblicklichen Diktator al-Sisi so große Kopfschmerzen bereiten.

Es sind Inseln.
Vertrocknete Flecken im Roten Meer, unweit von Sharm el-Sheikh, sind die beiden. Wenn man dort nichts hinstellt, was sich direkt mit dem Meer selbst befasst, muss man keine der Inseln betreten. Zwei Haufen voll von Sand und ein paar Felsen – nicht mehr, nicht weniger sind Sanafir und Tiran.
Eigentlich.
Andererseits aber waren beide Inseln Gegenstand im Arabischen Krieg und mehrere hundert ägyptische Soldaten ließen zu ihrer Verteidigung ihr Leben. Damit betrachten Ägypter diese beiden Inseln als ewiges Eigentum ihres Landes; ihre Herausgabe an Saudi-Arabien ist für sie ein harter Landesverrat.
Wegen der Nichtverwendbarkeit der Inseln schwante dem Diktator nichts Übles, als Saudi-Arabien die Übertragung der Eigentumsrechte sozusagen als Gegenleistung für die Gewährung immenser Kredite verlangt hatte. Diese zwei Haufen Sand und Steine, wird er gedacht haben, interessieren niemanden.
Also hatte er unterschrieben. Das war ein empfindlicher Fehler.
Tausende von Ägyptern missachtete jedes von harten Strafen flankierte Demonstrationsverbot und zogen auf die Straßen. Sie riefen, dass das Blut ihrer Landsleute für diese Inseln vergossen worden sei und das sie niemals und durch niemanden aus dem Eigentum Ägyptens entlassen würden.

Und dann war da noch der Damm, den Äthiopien an seinem Stück des Nils errichten wollte. Ein dann neben dem Assuaner Damm zweites Stauwerk, welches den Gang des Nils nachhaltig beeinflussen würde. Hier hätte der Diktator zumindest ein zweites, eher noch ein drittes Mal nachdenken sollen, bevor er als bedeutende, nordafrikanische und vom Nilwasser direkt abhängige Macht dem Bau zugestimmt hätte. Schon der Diktator vor ihm, Hosni Mubarak, hatte sich über einige Jahre heftig und mit Säbelrasseln dem Bauvorhaben entgegengestellt. Mubarak lancierte damals geschickt Satzfetzen von Diplomaten und Militärs in die Öffentlichkeit, in denen auch auf Seiten Ägyptens das Wort "Krieg!" auftauchte. Mubarak wusste genau, was er tat. Und er hatte Recht damit. Das ist heute vielleicht gut zehn Jahre her und ich erinnere mich sehr genau daran, weil hier in Ägypten bereits recht unverblümt von Waffengebrauch zur Verhinderung des Dammbaus die Rede gewesen ist.
Die gesamte Existenz Ägyptens hängt unmittelbar und direkt vom Nil ab. Ohne ihn gäbe es kein Trinkwasser, keine Landwirtschaft, keine Produktion – und das Nildelta, bis heute die fruchtbarste Landwirtschaftsregion ganz Afrikas, würde teilweise trockenfallen und zu der allgemeinen noch die entsetzlichste aller Katastrophen für Ägypten, den Hunger, heraufbeschwören.
All das hatte der heutige Diktator zu gering gewichtet, als er das vor Kurzem noch bestehende (Mubarak-) Veto gegen die Errichtung des Dammes zurückgezogen hatte. Er baute auf die definitive Zusage Äthiopiens, alle seine Nachbarländer von möglichen Schäden durch den Damm freizuhalten.

Dabei hatte auch der Sudan in der Vergangenheit erhebliche Bedenken gegen den Damm geäußert. Und in der Tat tritt zu der ägyptischen Furcht vor möglichen Auswirkungen noch eine zweite, eher beinah noch viel größere: wenn das äthiopische Bauwerk eines Tages brechen sollte, würde der Sudan weitestenteils aufhören zu existieren. Auf einen Schlag würde die Wasserwalze alle am Nil gelegenen Orte total und bis zur Unauffindbarkeit vernichten, die Auswirkungen eines äthiopischen Dammbruchs auf den Sudan wären nur noch mit dem Effekt von Atombomben zu vergleichen.

Der ehemalige Feldmarschall al-Sisi mag mit vielem gerechnet haben, mit zwei Faktoren allerdings keinesfalls: den Gerichten und den Ägyptern. Schon seit den Tagen der Mubarak-Herrschaft flammte in Bezug auf den äthiopischen Damm blanker und starker Patriotismus auf, der stellenweise in Nationalismus ausbrach. Mubarak hatte neben seinen eigenen Bedenken auch diese Zeichen zu lesen und ihnen in solchen Momenten gehorchen gelernt. Er war bezeichnenderweise kaum sechs Monate aus dem Amt, als Äthiopien die jahrelang verstaubten Baupläne wieder ausgrub und flugs mit dem Bau begonnen hatte.
Das erzeugte recht großen Unwillen in Ägypten.
Dann urteilte ein Verwaltungsgericht aufgrund einer eingereichten Klage, dass der Dammbau Ägyptens Interesse nennenswert schädige – und untersagte ihn. Zu nicht nur meinem allergrößten Erstaunen rief die Regierung im Zuge einer Revision das Kassationsgericht an und erfuhr gerade gestern eine ganz unerhörte Schlappe: nun wird es nichts mit dem Dammbau und der Diktator muss, wenn er sein Amt behalten will, die Unterschrift unter der Genehmigung wieder zurückziehen. Einige Medien, sehr viele Bürger und sogar die Justiz spricht davon, dass hier zumindest der Versuch des "Hochverrats" vom Diktator begangen worden sei.

Diese neuerlichen Konfliktfelder sind dazu angetan, noch weitaus mehr Wut und Verzweiflung in Ägyptens Häuser zu tragen als durch die grassierende Not ohnehin schon dort wohnt. In jedem Fall ist an den Erschütterungen in Ägypten zu registrieren, dass diese beiden Fälle in kürzester Zeit weitaus mehr Zustimmung und Geduld der Bürger verbrannt hatten als in den zwei Jahren zuvor.
Nach meiner persönlichen wie vorsichtigen Einschätzung gestalten diese zusätzlichen Probleme das Leben in Ägypten noch schwieriger und unsicherer; nun ist mit einer weiteren Radikalisierung zu rechnen, die ihren Fuß auf die Säkularität im Lande setzt und politisch (eben nicht religiös!) motiviert ist.
Ein zweites Konfliktfeld.

Die Putschisten befinden sich in einer mittlerweile durchaus verzweifelten Lage. Allen Stabilisierungsversuchen zum Trotz entwertet sich das Ägyptische Pfund beinahe täglich weiter. Wenn vor etwa drei Wochen noch Prognosen, nach welchen ein Tauschkurs von 1 USDollar zu etwa 16 äg.Pfund als zu befürchtende Katastrophe galt, notiert man heute bereits einen Kurs von 1 ./. 20. Das ist für die Konsumenten desaströs und vor allem ruinös. Ägypten produziert nicht viele Lebensmittel für den Eigenbedarf und stützt sich seit Jahrzehnten auf Importe. Die sind heute jedoch nicht mehr bezahlbar; von Teilen der kürzlich erhaltenen Kredite muss die Regierung nun unerwarteterweise Medikamente in sehr großen Mengen importieren, da die Regale in den ägyptischen Apotheken von hochwertigen Medikamenten seit vielen Monaten bereits und von grundlegenden Mitteln (wie einfache Schmerzmittel etwa) nun seit etwa acht bis zehn Wochen vollständig leer sind. Die Chancen, in Ägypten heute an einer blöden Bagatelle zu sterben, sind hervorragend.
Patienten brechen bereits jetzt auf offener Straße zusammen, weil fast alle Dialysegeräte im Land außer Betrieb sind. Krebspatienten warten auf ihren Tod; selbst wenn sie theoretisch horrende Preise für die benötigten Mittel würden aufwenden können, würden sie sie mangels Masse einfach nicht erhalten können – es gibt sie nicht.
Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte verwenden medizinisches (Einweg-) Material nun ohne ausreichende Sterilisationsmöglichkeit häufig.

Das ist Ägyptens Lebenswirklichkeit für den "kleinen Mann" auf der Straße – und in meinen Darstellungen befindet sich kein Fünkchen Übertreibung. Theoretisch könnte nun jeder einzelne Anlass den letzten Anstoß zu verzweifelten Aktionen wie Anschlägen, Massendemonstrationen, Generalstreik und ähnlichem geben – der Bogen ist weit überspannt.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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