Trump – Warum distanziert sich denn kaum jemand?

Wohin unsere Demokratie zwischenzeitlich geraten ist, merkt man daran, dass man kaum etwas merkt. Europäische Regierungen üben sich in vielsagendem Schweigen, erschöpfen sich in halblautem Gemurmele und in Einzelfällen jubeln sie Trump zu.

Das ist nun nicht mehr mit einer "Schrecksekunde" zu erklären, die längst vorübergegangen sein muss. Das spricht von stillschweigender Zustimmung und in Einzelfällen schweigt diese Zustimmung nicht, sondern zeigt aus der Mitte vorgeblich "demokratischer" Parteien lautstarkes Bejubeln.
Horst Seehofer ist so einer. Er zeigt sich von Trump "beeindruckt" und lobt dessen schnelles und entschiedenes Handeln. Theresa May ist auch so eine, aber wenigstens hat sie sich zwischenzeitlich von ihrer englischen Bevölkerung in Form eines hunderttausendfach unterschriebenen Bürgerantrages eine saftige Ohrfeige abgeholt; die Engländer wollen auf keinen Fall ihre Königin mit "dem da" an einem Tisch sitzen sehen.

Ich frage mich sehr besorgt: wo sind sie denn alle?

Wir Muslime müssen uns allen harten Forderungen beugen, uns schnellstens von irgendeinem Attentat, das irgendwo von irgendwelchen Muslimen begangen worden ist oder sein soll, lauthals zu distanzieren. Mir fehlen jetzt gefühlte 280 bis 390 Millionen derartiger Distanzierungen aller Demokraten, die keinesfalls mit Trump’schen "Demokraten" verwechselt werden wollen.

Aber da passiert ….. nichts.

Wenn ich jetzt einen deutschen Politiker darauf anspreche, wird er mir empört entgegenhalten: "Ja was habe ICH denn jetzt DAMIT zu schaffen? Warum sollte ICH mich denn jetzt distanzieren?"

Haufenweise Bürger distanzieren sich und legen Ehre für ihre innere Haltung, ihr Gesellschafts- und Politikverständnis ein. In den USA zeigen sich mittlerweile Millionen aufrecht und aufrichtig, aus der Politik aber werden nur vereinzelte und sehr dünne Stimmchen laut.

Ich erwarte, dass die Wort- und Hilflosigkeit aller europäischen Regierungen noch lange Zeit munter so weiter geht. Niemand will Trump soweit verärgern, dass er seine isolationistische Politik gerade in Europa verstärkt auslebt, was, wie Wirtschaftler mittlerweile ausgerechnet haben, "Millionen" von Arbeitsplätzen in Europa killen könnte.
Im Zweiten Weltkrieg gab es einen Namen für die Unfähigkeit, Vorgänge realistisch zu betrachten: Richard Chamberlain. In Form seiner "Appeasement"-Politik drückte er erst sich und dann allen anderen Nationen und Bürgern Englands eine rosarote Brille auf die Nase und wollte selber daran glauben, dass Deutschland keinen Krieg beginnen wolle. Er redete dies auch allen anderen ein – beinah bis die ersten Schüsse fielen.

In Europa ist dies Appeasement dem US-Führer gegenüber generelle Handlungsanweisung; außer "Empfehlungen" an Trump, eventuell vielleicht möglicherweise doch ein kleines bisschen anders, milder und langsamer agieren zu sollen und dem halb weggedrehten Gemurmele, in Europa sähe man einige Dinge etwas anders, sind weder scharfe Töne, noch Zurückweisungen, Sanktionsandrohungen oder Aufkündigungen von Kooperationen zu hören. Gar nichts.
Sie alle zeigen noch immer den alten Gehorsam den USA gegenüber, wo sie längst aus der Europäischen Union eine bewaffnete Wagenburg hätten schmieden müssen, die ihre militärischen und wirtschaftlichen Kanonen auf die USA ausrichtet.
Denn wie die Dinge stehen, folgen wir Trump mit seinen abstürzenden USA brav in den Niedergang. Da sich niemand der höchstkomplexen, sehr tiefsitzenden und weitreichenden Verfilzungen mit den USA annehmen und diese lösen will, sind wir wohl oder übel auch an den neuen, außenpolitischen Kurs Trumps geschmiedet.

Ich frage mich, wo die Einreiseverbote für die US-Regierung bleiben. Wo die Distanzierungen. Und wo bleiben die Pauschalierungen?
Wenn es in Bezug auf den Islam wieder einmal auch von Regierungsbänken schallt, dass Muslime und der Islam nunmal "so seien", dass sie sich keineswegs integrieren könnten, dass der Islam ja generell dem Abendlande fremd sei – dann erwarte ich jetzt gleichermaßen eingefärbte Statements, selbst wenn sie mindestens ebenso falsch sind wie die in Richtung Islam.
Weil ja hier niemand ein Problem mit unzulässigen Pauschalierungen Muslimen gegenüber hat, darf man ja jetzt auch formulieren:

"Macht uns doch nichts vor. Ihr Demokraten seid doch alle Rassisten."
"Ihr Demokratenkerle wollt doch bloß Frauen zwischen die Beine greifen."
"Ihr Demokraten seid alle Lügner."

Das geht schon klar. Differenzierung ist unnötig; all die vielen Bilder von Millionen von Gegendemonstranten sind, so schade es auch seien mag, alle sinnlos. Denn nach neuem Duktus sind sie alle gelogen ("alternative facts"), die Medien hetzen gegen den Demokraten Trump – und überhaupt wissen wir Muslime ja alle, dass alle Amerikaner und vor allem alle demokratischen Amerikaner lügen. Wir haben die Beweise.
Demokratie, Westen, das heißt Vergewaltigung, Lüge, Rassismus, Neid, Missgunst, Aggressivität und vor allem Imperialismus.

Wo sind sie bloß, all die Distanzierungen?

Hierzulande hält man die Arbeit längst für getan, wenn man sich den Satz: "Ich mache mir Sorgen um die Demokratie in den USA." hat über die Lippen kommen lassen, damit man was zum Zitieren hat, wenn alles einmal vorbei und der Schaden angerichtet ist. Die Politratten graben sich schon mal ihren Fluchttunnel.

(Angesichts der Verzweiflung, die sich in den Köpfen und Herzen der Aufrechten breit macht und sich in Riesendemonstrationen äußert, bin ich oftmals schon gerührt und dankbar. Es macht schon etwas für mich aus, wenn sich ein guter Freund aus den USA auf Facebook sichtlich angegriffen zu einer sehr wortreichen und emotionsgeladenen Entschuldigung an alle Muslime der Welt hinreißen lässt. Und natürlich kommen all die Bilder und Videos auch bei mir an, die mir Tausende und Abertausende zeigen, die empört ihre Plakate schwenken.)

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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