Israel und sein Henker – eine Option?

Der Soldat Elor Azaria wurde im Januar verurteilt und heute steht das Strafmaß für seine Tat also fest: 18 Monate Haft. Er hatte einem Wehrlosen einfach in den Kopf geschossen. Ich hatte mehrfach hier zu diesem Thema geschrieben.

Warum? Weil ich im Hinterkopf an der zugegebenermaßen etwas verrückten Idee herumgebrütet hatte, ob die über Azaria in Israel ausgebrochene, offene Diskussion zu einem wertvollen Dialog, zu einer kritischen Umschau und Positionsbestimmung führen würde. Meine ersten Entdeckungen, während ich durch israelische und arabische Presse in dieser Sache recherchierte, hatten mich zunächst erschrocken: es schien sich eine große Menge israelischer Bürger zu der Auffassung zu versammeln, Azaria solle straffrei bleiben. Stimmen wurden laut, ihm stünde gar ein Orden und eine Belobigung für diese feige wie völlig unnötige Hinrichtung zu.

Die westliche Presse hatte den ganzen Vorfall stiefmütterlich behandelt; als er geschah und Azaria deshalb angeklagt wurde, bemühte sich im Grunde kein ernstzunehmendes Presseorgan um eine Darlegung, die drei Zeitungszeilen überschritten hätte. Heutigen Datums fällt die Berichterstattung zu meinem Erstaunen größer aus; renommierte Blätter widmen sich dem Fall heute detaillierter.

Und aus Ägypten erhalte ich eine ebenso kluge wie weitsichtige Abhandlung. Der Journalist unterstellt dem israelischen Militär völlig zu Recht, mit der medialen wie juristisch recht gut durchgeführten Aktion der Anklage und des Verfahrens international Anerkennung zu erhalten und darzulegen, dass Menschenrechtsverletzungen keinen Platz in der israelischen Armee hätten. Das ist leider nach hinten losgegangen – und es war die israelische Bevölkerung, die der Armee und Justiz einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Von dort sind im Umfeld des Verfahrens zahlreiche Stimmen lautgeworden, und Azaria selbst hat diese Entgegenhaltung offiziell durch seine Anwälte vortragen lassen, dass „hunderte ähnlicher Vorgänge ohne jede Ahndung“ geblieben seien und demzufolge nicht einzusehen sei, dass Azaria nun verurteilt werden solle.

Keine Frage – was Recht ist, muss Recht bleiben: mir scheint nach allen Informationen ein in allen Teilen sauber durchgeführtes Gerichtsverfahren vorzuliegen; die Urteilsbegründung der drei Richter weist (natürlich!) alle Politik weit von sich und konzentriert sich sehr konsequent auf die Beweislage und auf geltendes Recht. Insofern ist sogar dem Urteil selbst in seiner Qualität nichts nachzusagen zu sein.

Israel selbst steht viel zentraler im Licht als der Henkerjunge. Sowohl Naftali Bennett, der ganz offen alle Friedensbemühungen mit Palästina als gescheitert betrachtet und für eine schlichte Annexion weiter wie wichtiger Teile des Westjordanlandes eintritt, hatte sich sehr klar für Azarias Freisprechung positioniert. Er hatte immerhin schon vor Jahren freimütig und wörtlich erklärt, er habe (außerhalb von Kriegshandlungen!) „schon viele Araber getötet. Das ist gar kein Problem“. Damit hat er sich natürlich selbst zu einem geisteskranken und wahnhaften „Herrenmenschen“ erklärt. Dabei ist Bennett nicht irgendein unwesentlicher Geisteskranker, sondern wichtiges Mitglied der Regierung, mit Ministeramt betraut und damit Teil der offiziellen Sprache Israels.

Nein – was mir wirklich noch Hoffnung macht, dass sich Israel vielleicht doch irgendwann von innen heraus selbst reinigen kann ist, dass diese offizielle Sprache des Hasses und des Todes nicht unwidersprochen bleibt und dass deutliche Kritik aus dem Land selbst trotz aller Bemühungen, trotz allen widerstrebenden wie angestrengen Weghörens dennoch gehört wird. Das ist neu. Die Zahl und die Mitglieder von oppostionellen Gruppen steigt stetig und die Größe ihrer Demonstrationen nimmt zu. Eine Vielzahl von Menschenrechtsgruppen ist entstanden

Netanyahus Regierung versuchte, jede Lufthoheit über alle Definitionen zu erlangen und installierten weitreichend die Überzeugung, dass jeder Israeli, der einem Araber etwas anderes wünscht als den Tod, ein Vaterlandsverräter sei. Sie schufen ein Land, in dem Hass und Waffen alltäglich sind. So alltäglich, dass mein jüdisch-israelischer Hausarzt tief erschrocken aus einem Urlaub aus Jerusalem zurückkehrte und mir von seiner Bedrückung berichtete, die er beim Gang durch sein Jerusalem empfand. Der Anblick der vielen Waffen stieß ihn ab, die Härte, die Feindseligkeit.

Die Regierung wird ihr Ziel nur ganz knapp verfehlen; der Umbau in das unselige wie faschistische Konstrukt, das ihr vorschwebt, wird nicht gelingen. Die Zeit und die Welt haben sich verändert, Israel erfährt zwischenzeitlich weitaus mehr Kritik, Ressentiments, Zurückhaltung als je zuvor. Sogar die Bundeskanzlerin hat unter erkennbar fragwürdigen Umständen eine Regierungskonsultation mit Israel abgesagt – und nutzte dafür die die diplomatische Formel der Terminabsage, um Netanyahu für seine immer hysterischer geratende Raserei die kalte Schulter zu zeigen.

Objektiv kann momentan jedenfalls folgende Erkenntnis als gesichert formuliert werden: die Wahrnehmung Israels in der Welt hat sich nachhaltig verändert und die manipulativen Eingriffe seitens der eigenen oder verbündeter Regierungen erzielen weniger Erfolg, werden häufiger öffentlich. In Israel selbst bilden sich progressive Kräfte, die auf Dialog und Frieden setzen.

 

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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