Islam – und seine „schlechte Presse“

Was billigen und seit jeher qualitativ geringwertig und höchst populistisch veröffentlichenden Boulevardzeitungen niemals zuzutrauen wäre, gelang jetzt der ZEIT. In recht ungewöhnlicher Offenheit gesteht dort Kai Hafez ein, dass auch seine eigene Zeitung an dem unverdient miesen Image des Islam in Europa nicht ganz unschuldig ist.

Die Versuche der Medien, den Aufschwung des Rechtspopulismus in Ländern wie den USA, England, Deutschland oder Frankreich zu erklären, setzen unterschiedlich an.
Dies alles sind berechtigte Ansätze. Nur vergessen die Medien eine wichtige Ursache der aktuellen Misere: sich selbst nämlich.

Wow. Wer hätte das gedacht. Heute verstehen nur noch intelligente Menschen mit einem durchaus höheren Bildungsgrad, vermutlich auch höherem Gehalt und geistigem Zugang zu höherwertigen (Print-) Medien, wo das Problem liegt – und deshalb wird das eigentliche Problem auch überhaupt nicht offen, geschweige denn öffentlich diskutiert. Der Webfehler im System liegt in der Unfreiheit der Presse, die durch das Geld herbeigeführt wird: obschon niemand einem Chefredakteur die Auswahl seiner Themen oder die Aufmachung, die Inhalte vorschreibt, funktioniert die Zensur ja doch. Die betreibt der Käufer – und nicht der Staat.

Viele kluge Menschen analysierten den politischen Verkehrsunfall Trump, den regierungstechnischen Super-GAU, der einen nicht nur unfähigen wie unverschämten, sondern auch sehr gefährlichen Dummkopf auf den Thron hieven konnte. Und manche kommen zu dem Schluss, dass es das psychologische Moment der Angstlust gibt, dem viele Wähler anheim gefallen waren. Damit meint man das sogar sexuell erlebte Stimulans großer Angst, das vielen Menschen ein Wegschauen unmöglich macht und über dies manipulative, trojanische Pferd in den Aussagen Trumps im Wahlkampf den nun zu beklagenden Hype auslösen konnte, der tatsächlich zu seiner Wahl führte.

Dies Mittel haben beinah alle europäischen Medien seit Jahren vorher eingeübt, und damit zum Teil prächtige Auflagenziffern erzeugt. Mit bösen Bildern und Artikeln wurde die Angstlust der Pressekonsumenten künstlich herbeigeführt, was manchmal zu vollkommen abstrusen Vorfällen führte. So sollen plötzlich Gesetze gegen die Vollverschleierung erarbeitet und verabschiedet werden, obschon durch diese Verhüllung nie ein Sicherheitsproblem produziert wurde und ein solches Gesetz angesichts von wenigen hundert, tatsächlich vollverschleierten Frauen in Deutschland schierer Blödsinn ist. Verschleudertes Steuergeld.

Mangels eigener Kompetenz haben die Redaktionen „den Islam“ größtenteils selbst nicht im Ansatz begriffen und haben sich deshalb nie um Differenzierungen bemüht. Wenn der „kleine Journalist“ zwar schreibt, aber selbst nicht versteht, wie soll er da einen abgewogenen Artikel produzieren? Und wenn er dies täte und einen Text veröffentlichte, der den Tenor: „Es gibt kein generelles Problem mit dem Islam – sondern nur mit einer handvoll von Extremisten!“, dann würde die Angstlust des Lesers nicht angetriggert und er kauft das Blatt nicht. Das ist ganz einfach. Auch zu verstehen. Nur der Katzenjammer, der jetzt Journalisten wie Hafez umtreibt, zeigt, dass die Redaktionen erst jetzt langsam daran arbeiten, ihr eigenes Tun zu hinterfragen.

Das unausgewogene Medienbild des Islam aber, das kaum positive Aspekte kennt, macht aus der islamischen Sphäre eine Gegenwelt zur westlichen Gesellschaft. Statt Aufklärung, Humanität und Demokratie gibt es dort scheinbar allein religiösen Wahn, Brutalität und Tyrannei.

Genau diesem Effekt versuchte ich sehr bewusst seinerzeit mit meiner eigenen, kleinen „Ägypten-Reihe“ entgegenzuarbeiten. Ich habe Anekdoten, Lustiges, Wuseliges, Lachhaftes, Spannendes aus den Straßen von Kairo berichtet und werde die Arbeit daran wohl auch wieder aufnehmen.
Wer den Islam kennenlernen will, der muss sich auf die Straße begeben; der muss sich einladen lassen in das Alltagsgetriebe einer „normalen“, völlig durchschnittlichen, muslimischen Familie. Nicht als Gast im engeren Sinne, dem gestelzt ein Tee serviert wird, während alle gespannt, vorsichtig und mit großen Augen im Wohnzimmer versammelt sind. Nein. Er muss in die Supermärkte, ins Cafè, auf die Straße, in die Küche. Er muss mitlaufen – quer durch die Menschen, dabei seine westlich/europäisch/christlichen Ängste und Vorbehalte vergessen und sich einlassen. Ich habe dabei Tränen vergossen. Lachtränen. Weil selbst ich immer wieder mit meiner eigenen, völlig verblödeten Prägung zu kämpfen hatte und natürlich mit der Realität kollidieren musste. Dankenswerterweise waren die Anlässe grundsätzlich immer höchst lustiger Natur. Das liegt wohl nicht an mir. Das liegt an der natürlichen Heiterkeit und Offenheit „durchschnittlicher“ Muslime.

Dank unserer „Qualitäts“-Medien aber ist die Chance dafür ganz wesentlich kleiner geworden, weil der Schaden fix und fertig angerichtet ist. Die Angstlust der Pressekonsumenten, die gezielt von „bösen Muslimen“, Bomben, Steinigungen, Schreiereien und Selbstmordattentätern ständig dominiert werden muss um zu funktionieren, hat ihr Ziel erreicht: Misstrauen.

Das Bildungssystem stellt trotz vieler positiver Initiativen weder in der Schule noch in der Wissenschaft ausreichend Wissen über den Islam als Querschnittkompetenz in allgemeinen Fächern zur Verfügung. Spezialisierte Fächer wie die Orientalistik gelten zu Unrecht nach wie vor als Orchideenfächer.

Das ist meiner Überzeugung nach allerdings Absicht. Hier verfolgt die Bundesregierung eine Strategie, die sich nicht ganz zufällig wunderbar von der durch dem Druck von Auflagenziffern korrumpierten Presse flankieren lässt: die Bundesregierung muss zwingend sicherstellen, dass sich ein breites Bildungsdefizit in Deutschland etabliert. Nur miserabel gebildete Bürger lassen sich, wie im Fall Afghanistan geschehen, von einer behaupteten „Notwendigkeit“ zu einem Krieg überzeugen, obschon spätestens beim zweiten Nachdenken klar werden muss, wie unsinnig, zynisch und erfolglos ein solcher Waffeneinsatz ist. Kein wirklich aufgeklärter und gebildeter Soldat ließe sich in eine derartige Mission jagen – es braucht schon eine große Menge von Blöden, um solche Kriege zu führen. Vor deutlich mehr als zehn Jahren roch wenigstens schon mal der SPIEGEL den Braten und titelte angesichts des Einsatzbeginns in Afghanistan:

Müssen die Deutschen das Sterben lernen?

Der Artikel spielte seherisch mit der Idee, dass die zur totalen Ineffizienz herabgesunkene Bundeswehr, die sogar massive Probleme mit der Idee hatte, das eigene Land verteidigen zu können, Erfahrung im kritiklosen Killen und Sterben brauchte, um künftige Einsatzfelder bedienen zu können. Wir wissen nicht erst seit heute, dass Öl endlich ist und dass man, wenn man den eigenen Wohlstand sichern und mehren will, einst einmal die restlichen Ressourcen von ihren rechtmäßigen Eigentümern freischießen muss.
Es galt, den Spagat einzuüben zwischen offiziell dahergebeteten „Werten“, die man ja angeblich verfolge und den blutigen Raubzügen, die durchgeführt werden sollen. Das bedarf einer breit angelegten Desinformationskampagne beim gleichzeiten „Tieferlegen“ des Bildungsangebots.
Es mussten halt ein paar hundert bis tausend Zivilisten erschossen werden, damit das Schießtrauma der Bundeswehr verschwand. Berlin brauchte Fotos von zurückkehrenden Zinksärgen, damit die Bevölkerung das Hinnehmen von Kriegstoten wieder einübt. Das ist alles gelungen – mittlerweile glaubt die deutsche Bevölkerung, angefeuert von den Auflagenbemühungen der gezielt einseitig arbeitenden Presse, selbst, dass ihre eigenen Kinder für das Öl anderer und deren Privatkonten sterben müssen. Es läuft doch geradezu wundervoll für die Regierung. Mittlerweile zuckt niemand mehr, wenn deutsche Soldaten auf einmal irgendetwas irgendwo „verteidigen“ sollen – obschon sie weit außerhalb ihrer Heimat blutige Angriffe führen.

Das sieht Hafez im Grunde ganz genauso:

Von der Berichterstattung über terroristische Extremisten angefangen hin zum stereotypen Islambild vieler Menschen ist es kein weiter Weg. Große Medien bereiten so den Boden für gesellschaftliche Feindbilder, die ultrarechte Politiker dann politisch aufsammeln.

Zugegeben: das war insgesamt schon eine echte Meisterleistung. Es ist der Regierung mithilfe der willfährigen Presse tatsächlich beinahe vollumfänglich gelungen, eine Sicht auf Menschen unterschiedlichen Werts zu etablieren. Reflexhaft wären mittlerweile viele Bundesbürger dazu fähig, anderen Menschen grundlegende Rechte zu entziehen und den Wert dieser Menschen auf ihre Religionszugehörigkeit zu reduzieren. Es ist schon faszinierend zu erleben, dass Muslimen in Deutschland plötzlich Nacktheit und Schweinefleischverzehr abgetrotzt werden soll – und das von Verordnungen und Gesetzen flankiert.

Doch die Medien beeinflussen das Islambild nicht nur, indem sie Stereotype immer neu verbreiten. Der Effekt ist ein ähnlicher, auch wenn sie kritisch über Islamfeindlichkeit berichten.

Wahnsinn, wie das funktionieren kann! Der Effekt eigentlich wohlgemeinter Veröffentlichungen kann sich mittlerweile in sein Gegenteil verkehren: wenn stereotyp öffentlich besprochen werden soll, dass längst nicht jeder Muslim einen Sprengstoffgürtel trägt wird dadurch erst die Idee populär, dass viele solcher Gürtel getragen werden. Ich muss doch nur lang, ernst und oft genug öffentlich darüber diskutieren, dass eigentlich gar keine Juden das Blut christlicher Babies für ihre Opferbrote brauchen – irgendwann erzeuge ich das Gefühl, dass man als christlicher Nachbar eines Juden vielleicht doch besser auf seine Kinder aufpassen sollte…..

Die mediale Abwertung des Islam bei gleichzeitiger Aufwertung des Rechtspopulismus sind zwei Aspekte, die sich wissenschaftlich unter dem Begriff der Medienmalaise bündeln lassen. Oft ist es nicht die Politik selbst, sondern die zu negative Darstellung der Politik, die Politikverdrossenheit bei den Bürgern erzeugt.

Dies ist ein Effekt, der beweist, dass Verblödung der Massen um sich greift – denn jemand, der gründlich und gut (aus-) gebildet ist, blickt selbst weit genug hinter den medialen Vorhang und versteht selbst. Er ist auf die (gezielte Des-) „Information“ einer BILD-Zeitung nicht nur nicht angewiesen, sondern kauft sie erst gar nicht. Auch hier lauert ein Beweis: die Auflagenstärke der BILD nebst ihres Konsums zeigt, dass große Teile der deutschen Bevölkerung qualitativ höherwertigere und detailreichere Berichterstattung überhaupt nicht (mehr) verarbeiten kann.

Demzufolge räume ich dem Folgenden auch überhaupt gar keine Erfolgschancen ein:

Es gibt schon Reformansätze: ARD und ZDF haben islamische Pendants zum christlichen Wort zum Sonntag im Internet und andere Sendungen zum Thema Islam entwickelt. Der Begriff Islamfeindlichkeit hat es in die Nachrichtensendungen geschafft.

Das kommt um zwei bis drei Dekaden zu spät. Als die ersten Türken in den siebziger Jahren zu uns kamen (nicht weil man sie ließ, sondern weil man sie explizit dazu einlud!), wäre für eine Bildungsoffensive dieser Art der richtige Zeitpunkt gewesen. Heute ist der Schaden angerichtet; die notorisch islamophoben Mit-„Bürger“ wird man wohl nicht wieder eingefangen bekommen und muss tatenlos dabei zusehen, wie diese ihre eigenen Kinder im eigenen Ungeist erziehen.

Auch diejenigen, die für diesen Flurschaden direkt verantwortlich sind, sind größtenteils machtlos dagegen, den von ihnen selbst durch die Geldgeilheit ihrer Verleger ausgelösten Effekt der Islamophobie einzugrenzen:

Die durchaus zahlreichen kritischen und selbstkritischen Journalisten stehen der islamophoben Logik der Nachrichtenproduktion oft hilflos gegenüber.

Und deshalb erleben wir heute wieder einmal einen Punkt „of no return“, wie er schon oft in der Geschichte erreicht wurde und der schon oft dazu führte, dass hunderte, tausende oder hunderttausende Gräber geschaufelt werden mussten. Irgendwann wird es vermutlich einmal gelingen, dem Islam eine faire, objektive Presse zu gewähren und irgendwann einmal wird es wieder böse sein, einen Menschen wegen seiner Zugehörigkeit zum Islam geringzuschätzen.

Aber ob ich das noch erlebe …. ?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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