Mein Ägypten – Der Weg ist das Ziel und oft liegt das Ziel auf dem Weg!

Eines Tages stand ich in Assuan an einer Straßenkreuzung und überlegte, wie ich meinen Rückweg nun gestalten sollte. Es war insgesamt ein gestohlener Tag; meine Frau war unpässlich und auf dem Schiff geblieben und mich hatte die Sehnsucht nach Ägypten wieder einmal (ehrlich gesagt: widerstandslos) in ihren Bann geschlagen. Nein – den bequemen Weg durch das touristisch aufgepeppte Assuan wollte ich nicht nehmen, soviel war sicher.

Unweit von mir unterhielt sich ein augenscheinlich sehr alter Mann mit seinem Enkel. Er hatte an einem Strick einen hübsch gepflegten Esel und war selbst beinah feierlich gekleidet. Wie ich aus einem Seitenblick entdeckte, blickten sie ab und zu in meine Richtung.

Die Straße war staubig; eine Brise erhob sich und hob etwas davon auf. Ich hatte noch immer keine Entscheidung getroffen und es war auch wirklich nicht ganz einfach. Links von mir lag das alte Viertel, in welchem sich Häuser so dicht und so hoch aneinanderdrückten, dass man kaum zwischen ihnen einhergehen konnte und in mancher dieser Gassen schaffte die Sonne selten den Weg bis hinunter auf den Boden. Das Gewirre der Gassen war unüberblickbar; tauchte man einmal darin ein und kannte sich nicht aus, begann man die Bedeutung des Wortes „Labyrinth“ erst richtig zu verstehen. Straßenkarten gab es dafür nicht; wollte man dies Viertel durchqueren, half einem nichts bei der Orientierung. Kein Minarett blickte in diese Gassen, kein Sonnenstand wäre ablesbar gewesen – es hilft in Ägypten in solchen Situationen nur ein simpler aber zuverlässiger Trick: man merkt sich, wenn man losgeht, wo der Nil verläuft. Wer dieses Bild im Kopf laufend aktualisiert, findet immer heraus.

Die beiden standen immer noch dort; der alte Mann schien dem Jungen etwas zu erklären. Jedenfalls verstand ich ein paar religiöse Wendungen und da der Junge den Alten nicht im Redefluss unterbrach, wurde ich unfreiwillig Zeuge eines Erziehungs- oder Bildungsversuchs. Zu meinem Erstaunen schwiegen sie ab und zu kurz beide und blickten in meine Richtung.

Rechts führte die Straße aus Assuan heraus und hinein in die Wüste. Ich stand gewissermaßen im Außenbereich. Bis dorthin war ich schon gut eineinhalb Stunden marschiert und hatte soviel Assuan wie möglich in mich aufgenommen, denn ich liebe diese Stadt sehr und es war ein Unglück, dass ich keinen meiner Freunde dort treffen konnte.
Rechts fiel für mich aus – ich wäre vermutlich erst zum nächsten Frühstück wieder zurückgewesen und mich einer Menge Fragen seitens meiner Frau ausgesetzt gesehen.
Geradeaus stieg die Straße an; sie führte um einen sanft ansteigenden Hügel herum in das moderne Zentrum Assuans.
„Was solls.“ dachte ich und wollte nichts anderes, als den Tag und die Stadt genießen.

Da tippte mir jemand auf die Schulter.
Ich drehte mich um. Es war der Junge. In diesem wunderschönen Gemengsel aus Arabisch und Englisch lud er mich ein. Ich sei doch ganz bestimmt verirrt, sagte er, und deshalb bräuchte ich jetzt dringend Gesellschaft, Essen, Trinken und Führung.
Er deutete über seinen Rücken auf ein Cafè und mein Blick dorthin streifte den Opa, der mich breit anlächelte, heftig nickte und selbst auf das Cafè deutete.
Ich lachte und begann, ihn auf arabische Art zu begrüßen und ihm sehr wortreich zu danken. Wer Arabien kennt weiß, dass dies ein zeitraubendes Unterfangen ist. Jedenfalls strahlte der Junge, seine Augen blitzten und er konnte kaum glauben, was ich ihm berichtete. Nein, sagte ich ihm, ich sei keineswegs verirrt, ich wisse um das alte Viertel dort (ich zeigte auf links), ich würde das neue Zentrum kennen (ich zeigte geradeaus) und dass ein üppiges Mahl auf mich warten würde, wenn ich das Schiff erreicht hätte.

Obschon der Junge seine religiöse Pflicht, einen armen Verirrten auf seinen Weg zu helfen und ihn zu versorgen, nicht erfüllen konnte, ging er zu seinem Opa zurück und berichtete ihm. Beide verhandelten miteinander, wie nun mit diesem „Franken“ zu verfahren sei der vorgab, kein Fremder zu sein.

Zwischenzeitlich befasste ich mich gedanklich mit dem alten Viertel. Ich wusste, dass ich, sobald ich dort eingetaucht war, mit einem gewissen „Linksdrall“ würde weiterlaufen müssen, denn dann würde ich in die Richtung Corniche gehen, an welcher irgendwann der Bug unserer altehrwürdigen „MS Cheops“ auftauchen musste.

Gerade wollte ich starten, da fühlte ich wieder einen Finger auf meiner Schulter. Diesmal war Opa gleich mitgekommen und während sein Enkel seine Ansprache mit der Einladung wiederholte, strich Opa liebevoll über die Decke, die auf dem Rücken des Esels lag, zeigte auf mich und lächelte breit. Man wollte mich reitend zum Schiff begleiten – aber erst, nachdem ich vorher etwas Gebäck und Chai zu mir genommen haben würde. Der Daumen des Jungen zeigte wieder auf das Cafè.
Nun „outete“ ich mich als deutschen Muslimen – ich hatte kaum eine andere Chance. Denn immer, wenn ich dies in Ägypten tue, passiert Erstaunliches und für gewöhnlich sind die nächsten Stunden dann futsch. Ich werde dann mit sanfter und überaus fröhlicher „Gewalt“ in Kreise hineingezogen, wortreich vorgestellt und interviewed. Man will die erstaunlichsten Dinge von mir wissen. Ob es denn in Deutschland auch Moscheen gäbe. Wie das Wetter dort sei. Wieviel Kinder ich hätte. Wie es meiner Familie geht – und Einwortsätze werden keinesfalls akzeptiert, meine Stellungnahmen müssen schon eine gute Geschichte abgeben.
Aber in dieser Situation schilderte ich wahrheitsgemäß die wachsende Besorgnis meiner Frau, denn ich war eigentlich schon etwas überfällig.

Also umarmte ich den Opa, dann den Jungen, klopfte beiden lächelnd auf den Rücken, bedankte mich überaus wortreich für den wundervollen Islam, den sie mir bewiesen hätten, wünschte, dass ihr Tag so schön wie der Duft von Jasmin sei, rief nach der Gnade und dem Wohlwollen Allahs für sie, lobte den Esel, erkundigte mich nach ihren Lieben, nach deren Wohlergehen bis hinunter zur Hauskatze und fand kurz sogar Eingang in den wunderschönen, arabischen Singsang, dessen Ursprünge bis tief hinein nach Afrika und die Geschichte reichen, der einem kurzen Segenssatz die halb gesungene Antwort „Alhamdulillah“ und „Inshallah“ hintanstellte und überquerte letztlich die Straße, um ins alte Viertel einzutauchen.

Als ich die erste Stufe der Treppe fand, die mich hinabführte, blickte ich mich noch einmal um.
Ich hatte da zwei gute Menschen in einem inneren Widerstreit zurückgelassen. Sie wunken, bis ich nichts mehr sah und ich wusste von der Verwirrung, in der sie waren. Sowas wie mich hatten sie dort, an diesem Punkt der Stadt, an dem wohl nie bis äußerst selten jemand Fremdes vorüberkam, noch nie getroffen und ich hatte ihnen jedes sonst geübte Denkmuster von Fremden, von „Franken“ und von Nichtmuslimen gründlich irritiert.

Aber: ich hatte mich benommen. Gut benommen. Ich habe sie mit allem bedacht, was ihres Geschenks der Fürsorge würdig war. Es war gut, es war ein sehr schönes Zusammentreffen zwischen Muslimen und Menschen. Das sind Momente, in denen ich über alle Maßen stolz auf meinen Glauben bin, denn wir Muslime sind eine liebende, weltumspannende Gemeinschaft, die in gleichen Gefühlen denkt und niemanden einen Fremden bleiben lässt.
Mich umfasst ein tiefes Vertrauen zu all den „kleinen, normalen, durchschnittlichen“ Muslimen.

Ich berichtete meiner Frau davon. Sie lächelte schief, weil sie Arabien nicht kennt und bezweifelte gerade meine Gedanken über Muslime.
Währenddessen entdeckten wir in der Abendsonne, wie zwei Leute eine Hügelkette emporstiegen und offenbar ein altes Mausoleum zum Ziel ihres Weges hatten. Sie waren wirklich weit, sehr weit entfernt und reduzierten sich im Auge beinahe auf zwei Striche. Ich sagte meiner Frau:
„Schau mal, ich zeig dir jetzt was. Alle Muslime sind immer freundlich, wenn man ihnen freundlich begegnet.“
Ich stand auf, trat an die Reling und machte „Männekes“ in die Richtung der Männer. Ich winkte stark übetrieben, dass es erkennbar sei, sprang auf und ab, winkte weiter und brüllte, mit zu einem Trichter vor dem Mund geformten Händen so laut ich nur konnte: „Saaalaaaam!“

Meine Frau blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen herüber.

„Denkst Du, die machen sich da was draus?“ frotzelte sie …. und dann blieb ihr jedes weitere Wort im Halse stecken.
Denn die beiden Striche hatten innegehalten und wiederholten meine Gesten in meine Richtung, Es sah sehr lustig aus, wie die beiden sprangen, mit den Armen wedelten und ein gaaanz leises „Selam!“ zu mir zurückriefen.

Sie ist es, die Nichtmuslima, die diese Szene im Plaudern immer wieder mal erzählt…..

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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Eine Antwort zu Mein Ägypten – Der Weg ist das Ziel und oft liegt das Ziel auf dem Weg!

  1. deutschemuslima71 schreibt:

    Mashallah, eine schöne Geschichte

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