Mein Ägypten – Glaube ist Nebensache.

Diesmal habe ich bewusst eine Überschrift gewählt, die Islamophobe provoziert. Ich werde ihren Wahrheitsgehalt jedoch (wie ich hoffe, eindrucksvoll!) beweisen:

Und wieder war es Assuan – die bunte, die quirlige, die heitere Stadt ganz hoch oben im Süden gelegene Stadt. Ausgangspunkt für Ausflüge nach Abu Simbel, wo man bereits mit eineinhalb Füßen in der Wüste steht und in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Nilinsel namens Philae, wo Traum und Wirklichkeit ineinander übergehen.

Mein Bekannter strahlte. Er habe heute für mich etwas ganz Besonderes, sagte er, der Nubier, der engagierter und leidenschaftlicher Muslim ist. Er habe von einer Hochzeit in seinem Bekanntenkreis erfahren und erwarte dort jede Menge Spaß, Buntheit, Lachen und Staunen.

Also zogen wir am späteren Nachmittag los. Zu meinem größten Erstaunen ließ Mohammed alle erreichbaren Moscheen buchstäblich links liegen und unser Weg führte uns weiter – immer an allen kleineren und größeren Menschenansammlungen vorbei, die wenigstens theoretisch eine Hochzeitsgemeinschaft hätten darstellen können.
Auf einmal standen wir vor einem Dom. Wie mir Mohammed erklärte, einem koptischen Dom. Er kriegte mich an der Hand zu fassen und zog mich dort hinein. Ich fand die Szenerie ein wenig verwirrend, weil sie sich kaum bis überhaupt nicht von einem europäischen Dom unterschied, in welchem sich eine fröhlich lärmende Menge in feinster Kleidung zum Feiern einer Hochzeit versammelt hatte.

Mein Blick flog zu allen Seiten. Kopten. Alles Kopten. Wohl gut insgesamt mindestens hundert.
Ich schaute zu Mohammed herüber, der neben mir in der Bank saß, sich umsah, lächelte und immer wieder winkte. In der Lautstärke etwas zurückgehaltene Begrüßungsrufe flogen von ihm und zu ihm und häufiger stellte er mich als seinen Begleiter vor.
Das war der Moment, an welchem ich mich innerlich wieder einmal selbst einen Esel nannte, weil ich in diesem Punkt wieder einmal von falschen wie bösartigen Gerüchten verleitet worden war, nach welchen angeblich alle muslimischen Ägypter alle Christen und Kopten insbesondere abgrundtief hassen würden.

Jetzt zog das Brautpaar ein – und alle Anwesenden standen auf.
Ich hatte einen denkbar günstigen Platz erwischt und überlegte, ob ich etwas tun sollte, was ich für gewöhnlich auf meinen Reisen niemals tue: die Kamera zücken und absichtsvoll gerade die Menschen auf einem Bild festzuhalten. Eben deshalb etwas unsicher, zischelte ich Mohammed die Frage zu, ob Fotografieren wohl unangenehm aufstoßen würde und mit zusammengezogenen Augenbrauen schüttelte er heftig den Kopf. Nein, flüsterte er, mach nur, mach nur!
Das Brautpaar hatte den halben Weg zum Altarraum bewältigt und der Bräutigam blickte herüber zu Mohammed. Er strahlte. Als er entdeckte, dass ich eine Kamera in der Hand hielt, gestikulierte er wild zum Zug, der hinter ihm lief und drängte sie zum Halt. Dann schubste er seine Braut mit sanftem Druck in eine halbe Runde, so dass sie beide nebeneinander genau vor meiner Linse standen und er winkte, ich möge nun knipsen. Ich tat es, lächelte breit und winkte, dass ich nun fertig sei.
Davon war er nicht überzeugt; er hatte die Absicht, dass ich möglichst vorteilhafte Fotos bekomme und daheim meinen Lieben zeige, jedenfalls positionierte er sowohl sich selbst als auch seine Braut noch einmal im Halbprofil und zum Schluss ganz von der Seite. Ich knipste.

Als die Zeremonie zuende war, führte uns unser Weg hinaus aus dem Dom auf einen Vorplatz, auf welchem bereits etliche Tische errichtet waren, die unter ihrer Last von Süßigkeiten, Spielzeug und Blumen zusammenzubrechen drohten. Mohammed zischelte mir zu, dass ich in jedem Fall etwas nehmen müsse, was ich nur zu gern tat.
Wohl nicht ganz zufällig zogen ganze Kinderscharen am Dom vorbei und gaben sich Mühe so auszusehen, als flanierten sie ganz zufällig dort vorüber. In Scharen stürzten sie sich auf die Leckereien, während ihre erwachsenen Begleiter mit den Hochzeitsgästen plauderten, scherzten, Späße machten. Dutzende von Menschen drangen von der Straße zu dem kleinen Festplatz und wie ich von Mohammed erfuhr, waren es zumeist Muslime – wobei es schier unmöglich war, dies an irgendetwas festzumachen, weil alles fröhlich und miteinander durcheinanderwuselte, lachte, albern war. Schon damals trugen progressive, muslimische Frauen nur hier und da und oft genug gar kein Kopftuch, wohl aber Make Up und oftmals trugen koptische Frauen die gleichen Gewänder wie muslimische. Auch die Männer und die Kinder unterschieden sich in gar nichts von allen anderen. Es war vollkommen egal, was man war – solange man sich benahm, und auf Benehmen kommt es in Arabien wirklich an.

Mohammed war verschiedentlich in Plaudererien verhaftet und stand mal mit dem, mal mit jenem zusammen, während er mich ab und zu dem einen oder anderen vorstellte.
Da ich zu jener Zeit selbst noch nicht konvertiert und nicht ausreichend informiert war, benahm ich mich, wie ich heute weiß, etwas linkisch, wenn auch keinesfalls unhöflich. Ich war ein wenig überfordert; da ich dazu neige, mich auf Reisen möglichst landeskonform zu verhalten, riet mir meine innere Unsicherheit mal hierzu, mal dazu.
Das besprach ich auf dem Heimweg mit Mohammed. Er sagte leise, dass genau dies in seiner Absicht gelegen hatte, als er mich auf die Hochzeit entführt hatte. Es sei wichtig, sagte er, dass Ägypten mehr Botschafter bekäme, die die blöden Behauptungen über das angeblich so angespannte Verhältnis zwischen Muslimen und Kopten kraft eigener Erfahrung zurückweisen könne.

Ich nickte nachdenklich – und gab ihm die Bestätigung, dass sein Plan aufgegangen sei. Dass ich ja dämlich sein müsse, angesichts meines Erlebnisses noch immer denken zu sollen, ägyptische Muslime hätten etwas gegen Kopten.

Jahre später (!) sitze ich mit Ahmed und Nouri in einem Cafè in Assuan beim Chai. Gerade, als mir Nouri von seiner Hoffnung berichtete, dass seine Tochter mit dem IT-Kurs ganz erheblich bessere Verdienstmöglichkeiten erhalten könne, stapft ein bekanntes Gesicht vorüber. Ich erkannte ihn, es war ein Verkäufer, bei dem ich schon mehrere Dinge gekauft hatte.
Ahmed bemerkte meinen längeren Blick auf den Passanten.
Als er leise bemerkte: „Das ist ein Kopte.“ wollte er mir damit nur erklären, weshalb sich der Mann nicht zu uns gesellte, was unter Muslimen üblich gewesen wäre. Das sei sonst ein ganz guter Kerl, berichtete mir Ahmed noch, aber immer ein wenig verschlossen und sehr für sich selbst. Damit war das Thema erledigt.

Künftig hatte ich meine Augen unnötigerweise in Ägypten noch weiter offen – obschon es vollkommen sinnlos war. Man erkennt keine Unterschiede auf den Straßen und man findet keinen Unterschied, ob sich Kopten miteinander, Muslime oder Muslime mit Kopten unterhalten.
Es war damals in Ägypten so, wie es sich für ein arabisches, muslimisches Land gehört: es ist völlig unerheblich, welchen Glauben man vertritt.
Ägypten ist die Mutter vieler Kinder, vieler Kulturen.

Wenn ich heute höre und lesen muss, dass ägyptische Terrorgruppen auf dem Sinai Kopten mit dem Tode bedrohen, Selbstmordattentäter in eine koptische Kirche schicken, dann weiß ich, dass das kein Werk von Ägyptern ist, sondern von außen hineingetragen wurde.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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3 Antworten zu Mein Ägypten – Glaube ist Nebensache.

  1. deutschemuslima71 schreibt:

    Schon traurig das andere immer besser wissen was man liebt oder hasst, was man bevorzugt oder ablehnt.

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    • echsenwut schreibt:

      Allerdings!
      Dabei habe ich eine für mich höchst erstaunliche Entdeckung gemacht: seit meiner Konversion kann ich meine eigenen Standpunkte viel schneller formulieren und sicherer als je zuvor vertreten.
      Diesen Effekt habe ich schnell nach meiner Konversion bemerkt: ich war in vielen Fragen schneller mit meiner Entscheidung, konnte sehr viel besser damit leben, fühlte mich insgesamt ganz wesentlich besser. Dabei bin ich milder geworden (auch wenn man das meinem blog nicht immer ansieht!).
      Ganz objektiv und unspirituell betrachtet, hat mich der Islam zu einem besseren Menschen gemacht.
      Mir verkauft heute NIEMAND mehr, was angeblich gut und richtig für mich wäre – nur Allah und weise Geschwister! 🙂

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