Türkei – die Raserei geht weiter…

Kurz nach dem Putschversuch hielt ich diverse Maßnahmen von Erdogan noch für einerseits vertret- und ertragbar, andererseits sogar für durchaus angeraten. Die ersten paar tausend Außerdienststellungen und Verhöre waren angemessen und gerechtfertigt.Was dann allerdings folgte, gab leider vielen Türkeikritikern Recht, die seit vielen Jahren und sogar seit Jahrzehnten aufgrund von kulturfaschistischen Wahnideen reflexhaft den Zutritt der Türkei zur EU verweigerten. Der überwältigende Anteil von ihnen hat sich ungerechtfertigter Vorwürfe zuschulden kommen lassen, die streckenweise ganz hart an die Grenze der Lüge und absichtsvollen Fantasterei kratzten.

Noch während man im Osten des Kontinents tatsächlich wirtschaftlich, politisch und menschlich völlig heruntergekommene Schrottstaaten aus offenliegendem Machtinteresse in die EU einkaufte, Milliarden dort hineinstopfte und ungeheuer großzügig über rechtsradikale Umtriebe nebst überbordender Korruption hinwegschaute, mäkelte man an der Türkei herum, weil diese angeblich auch die letzten Prozentpunkte auf dem Weg zur Rechtsstaatlichkeit (noch) nicht (ganz) bewältigt hatte. Da bedurfte es überhaupt keiner nationalistischen und/oder fanatischen Türken, die den grotesken Verweigerungskurs der EU durchschauten; selbst dem unbedarfteren Bürger der Türkei bildete sich ein immer schärfer hevorschimmernder Mittelfinger im Nebel des Geistes aus, der sich in die Richtung EU streckte.

All das kann und darf keine „Entschuldigung“ für den extremen Kurs sein, den der Präsident der Türkei momentan fährt; ganz objektiv kann und muss jetzt festgestellt werden, dass er augenblicklich exakt die fortschrittlichen Positionen selbst und eigenhändig wieder einreißt, die er selbst im Land implementiert hatte. Was hierzulande ganz unglaublich gern und schnell unter den Teppich gekehrt wird ist der Umstand, dass es ein Erdogan von der regierenden AKP gewesen ist, der freie und geheime Wahlen nebst eines Demonstrations- und Meinungsfreiheitsgesetzes eingeführt hatte.

Nun ist das Ruder nicht nur vollständig umgelegt, sondern scheint sogar regelrecht festgeschraubt: Die Türkei macht tatsächlich eine „Rolle rückwärts“ – und scheint sich in der Person Erdogan in eine „neo-osmanische“ Situation zu manövrieren.
Das erinnert mich an eine Taxifahrt in Luxor. Ich war im Vorfeld der ersten Wahl im Jahr 2011 mit dem Fahrer ins Plaudern gekommen und auf meine vorsichtige, politisch eingefärbte Frage gab er breit lächelnd zurück, er sei gegen alle Parteien. Er sei, wie sein Vater auch, Royalist. Ich war zutiefst verblüfft. Ich hatte wahrlich mit Allem gerechnet und habe auch diverse Leute getroffen, die sich vehement für Mubarak, für das Militär, für die Islamisten verwandt hatten – ein Royalist war nicht darunter. Dieser Taxifahrer war mein erster.
Einige Recherchen später befand ich für mich, dass diese Idee Geschmack hatte. In der prekären Lage, in der sich Ägypten damals befunden hatte, hätte in der Tat ein neuer König einen positiven Effekt haben können, wenn er nach dem Beispiel anderer Monarchien in ein Demokratiekorsett eingebunden worden wäre. In einer instabilen Lage wie der Ägyptens bedarf es etwas weniger Diskussionen und mehr schneller Entscheidungen; der erste Demokratieversuch scheiterte unter dem Druck viel zu vieler, ausländischer Interessen. Dutzende von Emissären macht- und einflussreicher Länder gaben sich in Kairo die Klinke in die Hand und suchten sich die saftigsten Stücke Ägyptens aus. Riad wollte die aufkeimende Demokratie in Ägypten grundsätzlich verhindern, die USA brauchten einen paralysierten Nachbarn Israels und Europa Absatzmärkte. Statt Ägypten zu helfen, halfen alle dabei, es in eine neue Spirale des noch dramatischeren Niedergangs zu verhaften.

Die Türkei steht mit den Zehenspitzen heute ebenfalls über dem Abgrund. Die politischen Rückzüge der EU werden dort völlig zu Recht als Verrat gewertet und die Dienste des Landes in den zurückliegenden Jahrzehnten als potente, heimlich und erfolgreiche Botschafter des Westens in den Golf etwa geringgeschätzt. Genau jetzt, wo die Türkei zur Wahrung ihres Status europäische Hilfe dringend benötigt hätte, schubst man das Land in einen ungewollten und nicht beabsichtigten Stand einer regionalen Großmacht. die Türkei befindet sich zwischen den Mühlsteinen ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und Europa; sie kann weder politisch noch wirtschaftlich überleben, wenn sie sich dem europäischen Verlangen beugt und weiterhin bleibt, wozu sie gemacht wurde: zum Vasall, der keine eigenen Bedürfnisse haben darf, sondern um den Preis einiger Euro-Zuwendungen und Zugeständnisse zum ausführenden Büttel werden soll, der sein eigenes Überleben riskiert.

Natürlich hat Erdogan weit überzogen, wenn er uns Deutsche heute „Nazis“ nennt; leider entwertet das den im Grunde richtigen Vorwurf bis ins Unkenntliche, der seiner Bemerkung zugrunde liegt: es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn er bzw. seine Minister in Deutschland Wahlkampf fahren – alles andere würde und könnte tatsächlich nur noch an das Nazi-Deutschland erinnern. Wenn weit über einer Million stimmberechtigter Türken hier bei uns leben, muss er sie auch erreichen können.
Cem Özedemir ist einer von den deutschen Politikern, die an Grenzen, Diskreditierungen, Distanzen und Herrenmenschentum glauben; seine Äußerung, er würde selbst gern eine Wahlkampfveranstaltung auf dem Taksim-Platz in Istanbul abhalten, ist vollendeter wie bodenloser Schwachsinn. Um es etwas zu übertreiben, leben und arbeiten in der Türkei nur eine handvoll alter Rentner aus Deutschland. Aber er sagt ja selber, dass er das nur tun wolle um zu schauen, wie die türkische Regierung darauf reagieren würde.

Das Problem, das Deutschland speziell und der Westen allgemein mit der Türkei hat, liegt weniger im Kurs Erdogans begründet als in der Schärfe seiner Ausdrucksweise. Würde er gemäßigter, gewünscht „unauffälliger“ reden, könnte er natürlich mit dem Segen Europas ganz offen Frauen wegen Minderwertigkeit vergewaltigen, Journalisten nach Belieben verhaften und foltern und Oppositionelle auf offener Straße abknallen lassen – all das würde hier keinesfalls zu Protesten führen. Auf die gleiche Weise erfahren Israel und Ägypten Hilfe, Unterstützung, liebevolle Worte, lächelnde Gesten und produktive Verhandlungen, obschon sie genau das Vorgenannte täglich tun.
Erdogan wäre anzuraten, einfach weiterzumachen – aber eine leisere Sprache zu sprechen, breiter zu lächeln, hübsche Fotos mit europäischen Staatsmännern zu machen und einfach Teile seiner eigenen Leute über die Klinge springen zu lassen und er käme mit dem Segen und unter dem Jubel insgeheim, still und leise zu weit mehr als zu der präsidentiellen Demokratie, die er jetzt errichten will.

Machen wir uns doch nichts vor und hören wir doch in unserem ach so aufgeklärten Deutschland und Europa auf, uns wider besseren Wissens selbst zu belügen: Erdogan hat doch Recht. Wir HABEN mit der Bewaffnung der YPG, des bewaffneten Arms der kurdischen PKK-Terroristen, eben sprichwörtlich Terroristen bewaffnet und den Feind der Türkei damit in die Lage versetzt, dort blutige Anschläge zu verüben, die vielen Menschen das Leben gekostet haben.
Unsere Medien und Politiker reagieren billig, vorhersehbar und verlogen: ihre Kreischerei in Bezug auf die Wortwahl Erdogans ist fadenscheinig; sie soll unsere eigenen, schweren und wirklich schlimmen Fehler überdecken. Es war Europa und Deutschland ganz speziell, die die Türkei aufgrund ihrer kurzsichtigen wie streckenweise regelrecht schwachsinnigen Kanonenboot-Politik nebst der Bewaffnung extrem zweifelhafter Organisationen in große Gefahr gebracht und unter ungeheuren Druck gesetzt haben – das wollen wir mal nicht vergessen, wenn wir uns über Erdogans Zuspitzungen und rhetorischen Aus- wie Anwürfe mokieren oder ärgern.

Zudem: sich hierzulande über Türken hermachen zu wollen, die sich „einen starken Mann“ in Ankara wünschen, wäre deutlich fehl am Platze. Wir haben hier so unsere eigenen Probleme mit den kranken Hirnen Wilders, Petry, Orban, Bachmann, Gauland, Höcke, Farell und Sarrazin. Wir halten gleich eine ganze Auswahl an solch unappetitlichen Schreihälsen vor, die die Reputation ganz Europas massiv gefährden und aus den niedersten Instinkten ihrer Wähler politisches Kapital für sich schlagen wollen. Verglichen mit diesen führt sich Erdogan beinahe als flüsternder Rosenkavalier auf, immerhin versammelt sich unter unseren europäischen Schwachköpfen eine Riesensammlung an Anklagen, Verurteilungen, Ermittlungen wegen diverser, schwerer Verbrechen und Strafanzeigen.
Bevor wir es nicht geschafft haben, diesen widerlich braunen Schmutz von unseren Straßen zurück in die Fäkaliengrunbe zu scheuchen, haben wir, denke ich, nicht das Recht dazu, Erdogan zu beschimpfen – so unappetitlich er auch ist.

Ich mag ihn auch nicht.
Ehrlich gesagt muss ich schreiben: ich mag ihn nicht mehr.
Ich mag aber auch keinen Brokkoli – und soll politisch in Deutschland aber Scheiße fressen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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