In eigener Sache – einmal noch

Es hat sich viel verändert in den zurückliegenden Jahre.

Früher waren meine Erzählungen wesentlich galliger, schwarzer; ich war in allem härter, kampflustiger als heute. Damals habe ich mein Publikum erreicht. Meine Ausdrucksform war die der live gelebten Literatur, ich habe die Leute häufig direkt angesprochen und noch häufiger habe ich sie damit berührt – aber das war eigentlich immer der eindringlichen Präsentation samt der Härte der Stücke geschuldet, wenn sie zu weinen begannen, aufstanden, sich wegdrehten oder ihre grossen Augen nicht abwenden konnten. Meine Literatur brachte immer Action. Ich habe ein Event daraus gemacht.

Die folgenden Jahre brachte ich nichts rechtes mehr zuwege. Etliche Versuche, einen Erstling, einen großen Stoff zwischen Buchdeckel zu bekommen, schlugen fehl. Ich habe so einige hervorragende Plots im Kopf, werde ich mir zynischerweise immer wieder selbst bewusst – und muss gesenkten Hauptes eingestehen, es nicht zu können. All diese Stoffe liegen konzeptionell vollständig durchdacht nicht nur unerledigt herum, nein, manchmal ist dazu sogar noch keine einzige Zeile geschrieben. Ich kann das nicht, mich beginnt es schnell anzuöden, es langweilt mich. Vor vielen Jahren meckerte meine Frau enttäuscht, einen bis auf gut hundert Seiten angewachsenen Roman nicht zuende gebracht zu haben. Dabei liebte sie seine Idee; der Stoff war schnell, verblüffend, dramatisch und hatte Witz, etwas Grusel und Spannung. Der Protagonist, ein außerirdischer Raumfahrer, wartet bis heute auf sein sprichwörtliches wie buchstäbliches Ende.

Dafür aber häufen sich neue Kurzgeschichten in meinem Sammelsurium. Ein ganzer Blumenstrauß, wie ich selbst verdutzt feststelle, voll von ordentlich schrill-elegantem Zeugs. Die Dinger haben Geschwindigkeit, Aussagen, Action und das Potenzial, Zuhörern anständig Futter zu geben. Natürlich verfügen sie über vollkommen schräge Inhalte, die irgendwo zwischen Groteske und Satire hin- und herpendeln. Verarbeitet mit absichtsvoll undramatischer Sprache, um den Kontrast zwischen der Szene, den Protagonisten und den Zuhörer möglichst zu verwischen. Mein Publikum wunderte sich oft, wieviel wirklich Absonderliches es im Strom der Erzählung plötzlich als normal akzeptiert.

Also mache ich mir das Vergnügen, vervollständige ein paar dieser Dinger, schnippsele sie noch ein bisschen zurecht, wobei ich noch ein oder zwei Ideen grundlegend umschreiben werde. Vielleicht habe ich für den folgenden Winter wieder einmal einen Literaturabend zusammen und mache es einfach noch mal. Einfach noch mal Spaß haben – und den habe ich, wenn die Leute reagieren, sichtlich mitgenommen sind, mir mit erkennbarer Spannung folgen.

Nicht alles, was ich schreibe, ist harmlos; im Gegenteil will ich die Leute nicht nur erreichen, sondern auch berühren. Ich umschmeichele weder meine Leser, noch mein Publikum. Manche Leute finden sich in meinen Erzählungen wieder; sie verfolgen den Weg ihres alter ego und erschrecken sich ab und zu, welche Idee ich für sie bereit alte. Darunter sind große, schwere und lastende Stoffe, sprachlich in ein Sommerkleidchen gehüllt und lustige Ideen mit darin versteckten Haken.

Gut – ich habe letztlich nur zwei Alternativen: ich pfeife auf einen großen Roman, den ich sowieso nie zusammenkriege und habe Vergnügen daran, mit meinen Erzählungen zu tingeln oder ich verbeiße mich in die Idee eines großen Stoffes. Ich habe es ja versucht; lange, angestrengt und mit langen Pausen schraubte ich daran und war doch jedesmal schnell gelangweilt. Ich bin nunmal kein Romancier, kein pedantischer und penibler Texthandwerker mit Audauer und finde kein Vergnügen daran, hunderte von Seiten einem einzigen Plot zu widmen. Meine Sache sind eher die kleinen Gedankenflitzer, die sich schnell abhandeln und doch einen Nachhall im Kopf erzeugen. Die oftmals bissigen, immer rasanten Stoffe, die ihren Effekt nicht verpassen.

Ich gebe zu: ich schaue „Deutschland sucht den Superstar“. Mich fasziniert darin die Angst der Kandidaten vor dem Auftritt, ihr stellenweise überschäumendes Selbstbewusstsein, ihre Sicherheit, die Jury in jedem Fall für sich einzunehmen. Jeder Künstler kennt diese Schwelle zwischen Erfolg und Häme, Spott und Lob. Auch mich hat es damals Angst und Mut gekostet, bevor ich das erste Mal vor Publikum trat und ich kenne diese widerlichen zehn Sekunden Stille, die dem letzten gesprochenen Punkt folgen.

Wenn alles gut läuft, gibt es Applaus.

Ich gehöre zu denen, die hundertemale für ihr Schaffen bestätigt worden sind. In der Anonymität dieses blogs mitsamt seinem Tagebuchcharakter kann ich das so sagen ohne zu prahlen. Ich stelle es als Tatsache fest. Der letzte Moment innerer Unsicherheit verflog damals nach einer Lesung, die ich wie gewohnt mit dem Hinweis beendete, für Fragen anschließend noch zur Verfügung zu stehen und dabei dann eine junge Frau vor mir stand. Sie hielt mir mein Buch unter die Nase und bat mich um ein Autogramm. Das war das erste Mal für mich. Mit vorgespielter Routine kritzelte ich es und sie sagte währenddessen strahlend, dass sie das eine oder andere Stück absatzweise auswendig kenne, immerhin sei sie mit Freundinnen nicht das erste Mal bei meiner Lesung. Dies Erlebnis war für mich der Gradmesser dafür, dass ich wirklich etwas kann. Dass ich zu begeistern verstehe und erreiche, was ich erreichen will: mein Publikum zu bannen.

Und nun, nun will ich, grau darüber geworden, es einfach noch einmal tun. Keines unserer Kinder hat mich je auf der Bühne erlebt; sie wissen von diesem Leben nur gerüchteweise. Mein Presseecho war nach Beendigung meiner letzten Tournee damals wie nicht anders zu erwarten wieder völlig verebbt, was mir irgendwie auch nicht ganz unangenehm war. Denn soviel ist auch klar: eine Profilneurose zeugt immer auch von mangelndem Selbstbewusstsein und von ungenügendem Selbstwertgefühl – und ich leide weder unter dem einen noch dem anderen. Es ist nunmal nicht immer nur toll, auf der Straße erkannt und dann mit Vorsicht behandelt zu werden, denn dann entzieht sich mir die Quelle meiner Stoffe, und das sind nunmal Menschen.

Jetzt, da ich ein definiertes Ziel habe, wird mir die Arbeit flüssig von der Hand gehen, weil sie endlich wieder Spaß macht. Ich liebe es, der Idee dabei zuzuschauen, wie sie schnell Form annimmt, sich entwickelt, ihren ganz eigenen Charakter bekommt, ihre eigene Geschwindigkeit aufnimmt und wie sehr sie sich wieder von ihren Geschwistern in meinem Repertoire emanzipiert und ihr ganz eigenes Dasein ausformt.

Ich werde mich nicht jagen, im Gegensatz zu früher treiben mich keine fremden Terminvorstellungen, keine Zusagen, keine Veranstalter, keine Druckbetriebe. Noch nicht einmal die eigene Familie ahnt etwas; dass sie mich seit einigen Tagen noch konzentrierter am tablet erlebt, weckt keinen Argwohn, dass da was im Busche sein könnte. Ich bin also ganz frei von allen äußeren Erwartungen und kann mich daher ganz um meine Geschichten kümmern.

An meiner ersten Zusammenstellung erkenne ich es schon: wer mich je vorher auf der Bühne kannte, wird etwas vollkommen anderes erleben. Mehr Eleganz, unterschiedlichste Tempi, dabei einen ganz neuen Flow. Es wird etwas leichter verdaulich, vermutlich höchst kurzweilig und daher größere Kreise erreichen als damals. Eine ganze Menge Ideen gibt es, die allesamt Neuland betreten und nichts davon wird einem vorkommen, als habe man sowas schon mal woanders behandelt gesehen.

Ich freue mich selbst schon darauf und grinse breit, weil ich beim Korrekturlesen eines neuen Stücks gedanklich in viele, äußerst verdutzte Augen sehe, die atemlos jeder neuen Halse im Plot hinterher laufen und dabei hinter jeder Wegbiegung viel Neues, im wahrsten Sinne Unerhörtes finden.

Winter. Oder Frühjahr. Wenn ich meine, ich habe genug Patronen mit guter Durchschlagskraft im Magazin. Dann wird es wieder Plakate geben, Einträge in Veranstaltungskalender, Interviews und jede Menge Fragen danach. Mögen die Spiele dann beginnen.

Einmal noch.

(Übrigens: nein, ich werde hier keine weiteren Details, Titel, Auftrittsdaten oder ähnliches veröffentlichen. Dann wäre die Anonymität des blogs dahin. Ich werde aber hier berichten, wie es im weiteren Verlauf mit den Stücken und mir weitergeht.)

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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3 Antworten zu In eigener Sache – einmal noch

  1. Saxhida schreibt:

    Viel Erfolg!
    Ich schreibe lieber lange Geschichten. Ich mag die Herausforderung, die richtige Menge zwischen wichtigen und überflüssigen Details zu finden und dann meine eigene Welt (Buch) damit auszuschmücken. Ich schreibe auch Kurzgeschichten aber mag kaum jemand, weil ich das Ende gern offen lasse. 🙂

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    • echsenwut schreibt:

      Vielen Dank!
      Vermutlich habe ich durch meine öffentliche Leserei einfach zur Literatur ein etwas seltsames Verhältnis begründet – eben durch die sofort erfolgende, direkte Reaktion verführt, die meist ganz ehrlich und ungefiltert erfolgt. Da unterbleiben Höflichkeitskomplimente und man kann im anschließenden Gespräch direkt auf den Zuhörer eingehen.
      Mir fehlt dazu wohl einfach das Talent dazu, einen Stoff hochfein, ziseliert, strukturiert auf die Schiene zu bringen!
      Dir auch bei Deinem Tun viel Erfolg! Wir Schreiberlinge müssen zusammenhalten! 🙂

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      • Saxhida schreibt:

        Ich stelle mir vor, dass man beim öffentlichen Vorlesen der eigenen Werke auch noch die Betonung stark hervorheben kann. Genauso wie man es transportieren möchte. Man weiß ja schließlich nicht ob der Leser die Dialoge auch so im Kopf hört, wie man sie geschrieben hat.

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