In eigener Sache: Wir waren gestern auf Besuch

… Und das war beileibe kein normaler Besuch.

Wir waren bei einer Familie zu Gast, die aus Pakistan stammt. Vor etwas mehr als zehn Jahren stand sie vor der Abschiebung, als wir wir uns kennenlernten. Ihre Geschickte war die ganz normaler Ahmadyyia-Muslime, die in Pakistan ganz normal jeden Tag von Prügeln, Ermordungen, Beleidigungen und Ausgrenzungen bedroht sind.
Sie berichteten damals sehr lebhaft davon, dass sie auf ihrem Weg zum Flughafen beschossen worden sind.

Feisal ist ein sehr gläubiger Mann und damals hatte er durchaus Probleme, hier in Deutschland richtig anzukommen und trotz seines IT-Studiums (mit Abschluss) kostete es ihn einige Jahre, um gerade genug zu verdienen, damit seine Frau und seine zwei Kinder damals satt wurden. Übergangsweise bezogen sie eine (Not-) Wohnung, die ihnen von der Gemeinde zugewiesen worden war. Sie war ganz unglaublich schäbig.
Als die Abschiebungsunterlagen eintrafen, wähnte die ganze Familie ihr Leben beendet; nirgendwo in Pakistan wäre es für sie sicher gewesen. Eher im Gegenteil: wenn man in ihnen abgeschobene Rückkehrer und Ahmadyyia-Anhänger erkannt hätte, wären sie mit hoher Wahrscheinlichkeit umgebracht worden. Also absolvierten meine Frau und ich etliche, lange Autofahrten, investierten vierstellig, telefonierten stundenlang mit Anwälten und begleiteten die Familie aufs Ausländeramt in Bielefeld. Unterdessen versorgten wir sie mit dem Nötigsten.

Gestern, zehn Jahre später, strahlten uns gleich vier Kinder, eine fröhliche Frau und ein gut gelaunter Feisal an.
Heute besitzt er eine Firma und hat (zumindest vorübergehend) immerhin elf Arbeitnehmer beschäftigt und machte im letzten Jahr Umsätze von beinahe einer halben Million Euro. Er hat ein Haus, ein Auto, seine Kinder besuchen das Gymnasium und obschon man natürlich noch einen Dialekt hört, spricht und versteht er wie seine Frau auch hervorragend deutsch. Im Gegensatz zu früher unterhielten wir uns auf deutsch – und längst nicht mehr auf englisch, was Feisal selbst breit grinsend gestern erwähnte.

Alles in allem ist die Geschichte dieser Familie weit mehr als nur eine Erfolgsgeschichte und das heute erreichte Ende dieser Einwanderung ist weit mehr als nur ein Happy End. Die Familie ist angekommen; die Kinder sind etabliert, sie haben Freunde und Hobbies und sie setzen die Erfolgsreihe fort: alle vier sprechen vier (!) Sprachen flüssig, der älteste Sohn hat nun mit Französisch die fünfte Sprache hinzubekommen und Freude daran.
Es sind sehr fröhliche und lebhafte Kinder, die sich ganz hervorragend benehmen und bei Bedarf sehr höflich und verbindlich sind.

Ich bezeichne Ahmadyyia gern ein wenig scherzhaft als „Weichspüler“; selbst dem Bundeskriminalamt ist ihre Entfernung zu jeder Gewalt so massiv aufgefallen, dass Ahmadyyia schon vor mehr als zehn Jahren eine offizielle „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ nebst der deutlichen Empfehlung an die Legislaturperiode erhalten hat, offiziell als Religion anerkannt zu werden. Ich habe einige Ahmadyyia kennengelernt und mich auch mit ihren prominentesten Anführern unterhalten. Als wir das Thema Gewalt besprachen, hielt einer von ihnen inne, überlegte kurz und sagte dann leise: „Aber Pazifisten sind wir nun auch wieder nicht. Wir verteidigen uns.“ – und meinte damit, dass es unter Ahmadyyia grundsätzlich niemals Gewalt gibt, die nicht lebensnotwendige Selbstverteidigung ist. Die Kinder wachsen nicht isoliert, sondern eingebettet in ihr Umfeld auf; sie haben, wie ich selbst beobachtet habe, jedes Recht auf ihren freien Willen. Und so wirken auch Feisals Kinder wortwörtlich (!) ungeschlagen, unverbogen, sondern frei und natürlich. Deshalb werden sie ganz sicherlich auch immer (Ahmadyyia-) Muslime bleiben.

Das Religionsverständnis der Ahmadyyia stößt im Grunde nur in einem einzigen Punkt an meine Grenze: sie akzeptieren ihren obersten Anführer als Propheten. In allem anderen pflegen sie einen tatsächlich wunderschönen, hellen, bunten, liebevollen und fröhlichen Islam. Sie lachen viel und feiern gern, sie scherzen, finden Bärbeißigkeit und jede intellektuelle Vernagelung langweilig und verweigern brüsk wie standhaft Hass. In ihrer Moschee überspannt ein Banner den Gebetsraum und da steht in gigantischen Lettern: „Liebe für alle, Hass für keinen!“.
Da sie aber einen anderen als Muhammad (saws) als den letzten Propheten anerkennen, kann ich leider kein Ahmadyyia sein; unser Verehrter Prophet Muhammad (saws) ist das Siegel der Propheten und somit der letzte. Das ist für mich die Wahrheit und die kann ich nicht verleugnen. Fast tut es mir aufrichtig leid.

Ich kann soweit gehen zu sagen, dass es Feisal war, der meiner eigenen Spiritualität einen machtvollen Drall gegeben hat. Der mir (auch wenn er mehr als zehn Jahre jünger ist als ich!) ein weiser Lehrer war, von dem ich viel mehr über Allah erfahren durfte als von manchem Sunniten einschließlich einiger Imame. Er war es, der meinen Glauben vervollständigt und geschmückt hat – er, ein von den meisten Muslimen völlig ungerechtfertigterweise geschmähter Ahmadyyia.

Wir haben uns gestern weniger über Gott, als über die Welt unterhalten, uns gemeinsam der sehr wohlgeratenen Kinder gefreut, über die letzten zehn Jahre geseufzt und ein unbeschreiblich wundervolles Essen aus der Küche seiner Frau genossen. Wir werden uns, so haben wir uns versprochen und unter Muslimen gilt dies, in nicht allzu ferner Zukunft wiedersehen und dann werde ich Feisal mitteilen, wie wichtig er für mich in all diesen Jahren war, wie oft ich sein Bild vor mir gesehen habe, wenn mein Glaube in einer Alltagssituation gefordert war.

Alle haben sie zu meiner großen Freude die deutsche Staatsbürgerschaft. Und mehr als das: sie empfinden größere Liebe zu diesem Land als ich. Sie sind froh, hier zu sein, sie arbeiten, zahlen Steuern, Gehälter an Deutsche, fallen niemandem lästig und verlangen gar nichts.
Das macht sie zu sehr liebenswerten, andererseits aber auch völlig normalen Ahmadyyia-Muslimen. Ich habe ihre Gemeinschaft damals kennenlernen dürfen und können, da mir jede Einseitigkeit und befohlene Feindschaft vollkommen fremd sind. Ob mir irgendwelche Muslime einreden wollen, dass Ahmadyyia keine Muslime und abzulehnen seien, ist mir egal – ich halte mich an den Islam und als Muslim darf ich nicht nur Ahmadyyia treffen, ich sollte es sogar dringlich tun. Das steht nämlich so im Qur’an.

Allah hatte uns diese Familie selbstverständlich geplant und absichtsvoll über unseren Weg geschickt; niemand um sie herum scherte sich um sie. Keiner wollte sich für sie engagieren, niemand auch nur einen Heller für sie ausgeben und sie wären ohne uns ganz einfach deportiert und dann vermutlich umgebracht worden. Keiner aus ihrem deutschen Umfeld würde etwas davon mitbekommen haben, wenn man sie hastig zusammen mit ihren Kindern irgendwo verscharrt hätte.
Wenn ich ganz bestimmt auch oft darin versagt haben werde, eine von Allah gestellte Aufgabe zu erkennen und zu bewältigen, so ist es uns doch mit dieser Familie gelungen.
Ihre Gebete zu Allah hätten sonst gefehlt, ihre Steuergelder, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Arbeitsplätze auch.

In der heißen Phase damals, als die anwaltlichen Schreiben mit den Begründungen für den Einspruch gegen die Abschiebung herausgingen, fühlte ich mich mit der Verantwortung oft überfordert. Auf der Fahrt zur Ausländerbehörde wurde mir damals heiß und kalt; ich fühlte, dass das schiere Weiterleben dieser Menschen direkt von meinem Geschick, Engagement und Einsatz abhing. Selten war ich so nervös als bei dieser Anhörung, bei der es auf jedes Wort ankam.
Feisal vertraute mir damals beinahe blind. Er verstand zu wenig von seiner Situation insgesamt, von der Behördenarbeit, den Gesetzen – er wusste auf dieser Fahrt nur, dass es für seine Familie irgendwie direkt um Leben und Tod ging.

Es ist alles gut gegangen. Es hat ein traumhaftes Ende gegeben, aus dem ein toller Anfang entsprang. Feisal sagte gestern, dass er seitdem einen neuen Geburtstag feiere.
Meine Frau haderte mit diesem Besuchstermin ein wenig; sie schiebt jeden Gedanken an eine eventuelle Dankespflicht Feisals eher sogar ärgerlich fort und betont, nichts als das Unausweichliche, Erforderliche getan zu haben, das halt getan werden musste.
Ich sehe das ein wenig differenzierter: nicht mir, nicht uns, sondern Allah gebürt Feisals Dank, denn um Seinetwillen habe ich all das getan. Allah hat mir eine Aufgabe gestellt und mir die Gelegenheit gegeben, mich zu beweisen. Und heute, im Rückblick betrachtet, erkenne ich einmal mehr, wie geschickt der Zeitpunkt gewählt war, an welchem mir Feisal über den Weg geschickt wurde. Es war eine Zeit (m)einer hohen, spirituellen Verletzlichkeit, Unsicherheit, Umorientierung und Suche – und all das fand mit Feisals Familie ein jähes Ende. Ich war mir der Aufgabe und somit meines Glaubens sicher.

Wir haben unserem Land ganz hervorragende Staatsbürger geschenkt, von denen es ein paar Millionen mehr geben dürfte. Allein in den zurückliegenden zehn Jahren haben sie dem Staat mehr Möglichkeiten, Hoffnungen und Geld geschenkt, als sie selbst zu Beginn in Anspruch genommen hatten. Sie zerstören nichts und niemanden, sie erwarten und fordern nichts, sie werden immer für dieses Deutschland einstehen und ihre Liebenswürdigkeit und Friedfertigkeit ist legendär. Viele Muslime, die Ahmadyyia verweigern wollen, welche zu sein, sollten sich dringlich einige dicke Scheiben von dieser Familie abschneiden!

Seien wir stolz auf diese Flüchtlinge, die nun keine mehr sind!

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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Eine Antwort zu In eigener Sache: Wir waren gestern auf Besuch

  1. deutschemuslima71 schreibt:

    Subhanallah

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