Syrien, Giftgas – und „alternative Fakten“

Unserer Bundesregierung ist seit vielen Jahren schwerst zu misstrauen. Da sie mehrere Wirklichkeiten aufgebaut und intensiv betrieben hat, dürfte es ihr zunehmend selbst schwerfallen, durch das eigene Geflecht von echten, erdachten und hergeleiteten Fakten zu finden.

Wenn man sich nur ansieht, wie sie gegenüber der Welt mit den eigenen Bürgern umgeht, wie sie sie wahrnimmt und wie wichtig sie ihr sind: deutsche Bürger sind für ihre Regierung nur politische Manövriermasse.
Weil es grad so schön ins Konzept passte, hob man Denis Yücel, den in der Türkei inhaftierten Journalisten, als Märtyrer auf einen Thron und macht aus seinem bloßen Namen ein Mantra, dem "Vade retro, Satanas!" (Übers.: "Weiche zurück, Satan!") in exorzistischen Beschwörungen nicht unähnlich.
Yücel hier, Yücel da, Yücel überall. Er bekommt plötzlich Preise, Anerkennung und Gehör; in den zurückliegenden zwanzig Jahren hat sich Deutschland noch nie so aufopfernd und leidend für einen seiner Bürger eingesetzt.
So scheint es.
Denn als zwei Jahre zuvor eine ganze, deutsche Familie beim israelischen Bombardement im Gaza-Streifen ums Leben gebracht wurde, da verlor die Bundesregierung kein einziges Wort darüber. Schlimmer noch: bis heute konnte sich kein Mitglied der Regierung oder bloß der Polizei dazu durchringen, Kontakt mit dem Rest der in Deutschland lebenden Familie durchzuringen. Diese Familie wird totgeschwiegen, weil die Regierung sonst dazu gezwungen gewesen wäre, Israel wegen seines grauenvollen Massakers offiziell und öffentlich zu kritisieren. Das kommt aber nicht in Frage.

Deshalb ist Denis Yücel ein Heiliger – und die Familie al-Kilani wird still, heimlich und leise einfach vergessen.

Nun sind die siebzig Toten in Idlib möglicherweise dran, eine "entsprechende Behandlung" zu erfahren. Sie werden ausgeweidet wie Aas.
Wie bereits gestern sogar vor der UN freimütig zugegeben, existiert außer einem Haufen Vermutungen und Verdachtsmomenten kein einziger Beweis für die Behauptung, dass Assad der Täter sein soll. Im Grunde hat man noch nicht einmal aussagestarke Indizien.
Man hat überhaupt nichts.

Gar nichts? Doch! Man hat was!

Den Willen, den Krieg mit einem Schlag katastrophal auszuweiten, um die tobenden, regionalen Konflikte am Leben zu erhalten.
Den erklärten Willen, Russland mit immer neuen Vorwürfen und Verdächtigungen immer weiteren Sanktionen auszusetzen um das Totrüsten nach Beendigung des Kalten Krieges auf der wirtschaftlichen und globalpolitischen Ebene fortzuführen.
Die Idee, das durch die anhaltenden Konflikte verhindert werden kann, dass sich ölfördernde und islamische Staaten solidarisieren und Macht ausüben könnten.
Die Strategie, soziale und politische Fortschritte auf den Straßen ganz Arabiens durch den permanenten Leidensdruck künstlich erregter Kriege hochzuhalten, um unangenehme Konkurrenz auf den Weltmärkten auch für die nächsten Jahrzehnte zuverlässig zu verhindern.

Weder Trump noch unser Außenminister Gabriel hat irgendein Interesse daran, die Schuld irgendjemandem anderes als Assad in die Schuhe zu schieben. Beide kämen auch in Konflikt mit ihrer bisherigen Sprachregelung, dass alle (von ihnen bewaffneten!) Rebellen "gut" und alle syrischen wie präsidentiellen Kräfte Syriens "böse" sind.

Ein Professor für Wirtschaftsgeographie in Mainz hat heute morgen auf WDR5 im Interview seinem dringenden Verdacht Ausdruck verliehen, dass Russland mit seiner Entgegnung, es habe sich bei dem Giftgasangriff wahrscheinlich nicht um einen von Assad geführten gehandelt, wohl recht haben könnte: seine Argumentation stützt sich auf das fehlende bzw. entgegengesetzte Motiv Assads. Er hat noch letzte Woche erfahren, dass Trump seine Zukunft als gesichert sah, weil er im Gespräch ein Fortbestehen der Macht Assadss akzeptierte, wenn Syrien dadurch Frieden finden könne. Bashar al-Assad mag ein gewissenloser Metzger sein, aber eines ist er definitiv nicht: ein Idiot. Nun die ganze Weltgemeinschaft mit der Verwendung von Giftgas ultimativ bis zum Rand zu provozieren, wäre für ihn glatte Idiotie.
Auch bei vorangegangenen Giftgasanwendungen zeigt sich ein seltsames und verstörendes Muster: sie erfolgten immer dann, wenn die internationale Aufmerksamkeit nachließ und Assad aus der Anklage zu entlassen drohte. Also immer dann, wenn der politische Schade für Assad maximal ausfiel.

Bashar al–Assad lässt an brutaler und grausamer Menschenverachtung nichts vermissen; seine Zynik läuft mit seiner Entschiedenheit, nötigenfalls auch seinen letzten Bürger zum Erhalt seiner Macht zu Tode zu quälen, um die Wette. Ich muss zu meiner eigenen Schande eingestehen, dass ich schneller mit meiner inneren Betroffenheit fertig wäre, wenn er Opfer eines tödlichen Anschlags würde (das gehört sich nicht für einen Muslimen).
Er ist aber eben kein Idiot; er weiß sehr genau, dass seit der letzten Absolution durch Trump vor vergleichsweise kurzer Zeit die Sanduhr für ihn umgedreht ist. Wenn er sich in der nächsten Zeit halbwegs geräuschlos benimmt, arbeitet die Zeit deutlich für ihn. Das allerletzte, was er jetzt brauchen könnte, wäre eine derartige Provokation.

Im logischen Schluss bedeutet das gleichzeitig, dass es jemanden gibt, der ein maximales Interesse genau an einer derartigen Provokation hat: die Rebellen.
Ihre dramatischen, militärischen Verluste lassen seit Monaten darauf schließen, dass sie demnächst endgültig von Assad beseitigt sein könnten. Sie haben mit Aleppo und anderen Stützpunkten extrem wichtige Positionen räumen und schwere Verluste hinnehmen müssen. Gleichzeitig versandet das internationale Interesse an der Rebellion; die Welt findet sich damit ab, dass sich die Verhältnisse nach Beendigung des "syrischen Frühlings" zugunsten Assads ausstabilisieren werden. Das lässt dringlich vermuten, dass die Urheberschaft für den Gasangriff NICHT bei Assad zu suchen ist.

Es ist extrem gefährlich und dumm, russischen Hinweisen und angebotenen Beweisen in Form von Luftüberwachungsprotokollen nicht nachzugehen, sondern sie mit blöden, kurzen und knappen Kommentaren vom Tisch zu wischen – bloß weil man sich sowieso über Russlands Position zur Ukraine ärgert, die ebenfalls vom Westen allgemein und von Europa speziell durch Intrigen und Lügen angestiftet zu einem Krieg geführt hat.

Es kommt den USA und Europa hervorragend zupass, weil sie mit der überschnell Assad zugeschobenen Schuld gleichzeitig Russland und den ungeliebten Iran auf die Anklagebank setzen und in aller Gemütlichkeit selbst entscheiden kann, ob und welche militärische Operation genehm erscheint. Plötzlich erscheint wieder ein Krieg gegen den Iran denkbar und ganz plötzlich kann der Konflikt mit Russland wieder heiß werden – wenn man das nur will.
Immerhin hat Trump zu Netanyahu ganz überaus freundliche und zugeneigte Kontakte geknüpft und daher scheint es recht glaubhaft, dass Trump im Gegensatz zu Obama einem Krieg gegen den Iran nicht abgeneigt sein könnte. Dafür spräche, dass er bisher kaum eine Chance ausgelassen hat, im Hinblick auf internationale Krisen immer wieder einmal mit dem Einsatz seiner Streitkräfte zu drohen. Er denkt, er habe Muskeln und könne damit spielen.

Für die …. sehr, sehr einfache ….. Denkweise von Donald Trump ist auch ein heißgekochter Konflikt mit Russland überaus reizvoll. Mit der Drohung gegen Assad, die seine Täterschaft am Giftgasangriff ohne jeden Beweis voraussetzt, bedroht er ganz offen gleich den Iran und Russland in einem Atemzug mit einem (womöglich atomar zu führenden) Krieg.

Unser eigenes, deutsches Außenministerium zeigt sich wie immer atem-, rat- und hilflos. Bevor man zu einem abgewogenen und realistischeren Verhalten kommen konnte, trat Gabriel bereits vor die Presse und ordnet sich der Trump’schen Drohkulisse unter. Kunststück, immerhin hat sich auch Deutschland mit der hektischen Bewaffnung fragwürdiger Gruppierungen selbst nicht nur ins Unrecht gesetzt (wie es später feststellen musste), sondern auch auf eine bestimmte Bandbreite in der Wahrnehmung und Bewertung der Vorgänge in der Region festgelegt.

Es sprechen viel zu viele Überlegungen, Hinweise, massive Indizien bis hin zu Beweisen klar gegen eine Täterschaft Assads. Die Zweifel daran müssten unbedingt erheblich schwerer wiegen und genaue Untersuchungen nach sich ziehen, als eine vorauseilende Verurteilung Assads zu ermöglichen. Mir scheint es derzeit definitiv nicht geboten, Assad klar wegen des Angriffs zu beschuldigen, geschweige denn, eine akute Kriegsandrohung auszusprechen, die sich innerhalb extrem kurzer Zeit zu einer schweren Bedrohung der ganzen Welt auswachsen kann.

Schon vor einigen Jahren hatte ich gesagt, dass eine einzige, konzertierte und international angelegte Operation vergleichsweise kurz und verlustarm Assad vom syrischen Thron hätte entfernen können – und müssen. Hunderttausende wären weniger gestorben und kein internationaler Konflikt hätte die ganze Welt bedroht. Man wäre Russland mit seiner Intervention damals zuvor gekommen und hätte dem Machtausbau des Iran wirkungsvoll entgegengearbeitet.
Nun ist es zu spät.
Jetzt regieren die Schreihälse, die jeweils eine auf das Prosperieren kleiner Minderheiten ausgelegte Strategie fahren oder kaum etwas anderes zum Ziel haben als Profite auf wirtschaftlicher und politischer Ebene.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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