US-Angriff auf Syrien: rechtsfreie Lynchjustiz

Bevor mich jemand zu einem „fanatischen Assad-Freund“ erklärt, hier von mir (noch einmal!) meine ganz grundsätzliche Position: Ich halte persönlich Bashar al-Assad für einen brutalen und gewissenlosen Metzger, der schnellstmöglich aus dem Amt gejagt und aus der Mitte der Menschen verstoßen werden sollte – auf welchem Weg auch immer.

Aber:

Die Wahrheit wurde auch von den 59 Marschflugkörpern nicht herbeigebombt und aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir sie nie erfahren.
Als der „rote Knopf“ gedrückt wurde, lagen definitiv keinerlei Beweise für die Täterschaft Bashar al-Assads vor. Der Treibstoff der Raketen bestand aus politischen Hoffnungen der syrischen Rebellen, der Sprengstoff aus israelischen Kriegsträumen gegen den Iran und navigiert wurden sie von einem Donald Trump, dem diese Entscheidung nichts von seiner Tölpelhaftigkeit und Dummheit fortgenommen hat.

Wir müssen richtig verstehen, was da gerade passiert:

Die UN selbst hat gestern noch offen eingestanden, Untersuchungen des Giftgasangriffs erst fordern und durchsetzen zu müssen und nichts als Vermutungen zu haben, wer diesen Angriff befohlen bzw. durchgeführt haben könnte. Aber all diese eher nüchternen Bemerkungen gingen im internationalen Kreischen unter, das noch mehr Blut, noch mehr Zerstörung, noch mehr Tote forderte. Mit der größten Überheblichkeit, die seit Menschengedenken entwickelt wurde, nimmt der Westen allgemein für sich in Anspruch, Gerechtigkeit zu wollen – und hindert die Weltöffentlichkeit daran, diese auch auszuüben.
Wir, dass sind all die vielen Millionen Menschen in Europa und den USA, die niemals ihre eigene Aburteilung erfahren wollen, ohne vor einem ordentlichen Gericht gestanden zu haben. Wofür spricht die beweisfreie Aburteilung – und Vollstreckung? Welche Botschaft senden wir damit? Wenn wir die Bombardierung des syrischen Luftwaffenstützpunkts als „gerechtfertigte Entscheidung“ hinnehmen und gleichzeitig wissen, dass es keinerlei Beweis für die Behauptung gibt, dann dürfen wir auch kein Problem damit haben, wenn uns auf offener Straße ein Polizist erschießt weil er „davon überzeugt“ ist, dass wir ein Mörder sind – seine Überzeugung reicht ja.
Wollen wir das?
Oder würden wir es vielleicht doch vorziehen, wenn wir festgenommen und zum Gegenstand einer sauberen Ermittlung würden, die uns auf Basis von Fakten letztlich freilassen?

Wir müssen richtig verstehen, was da gerade passiert:

Wir leben in einem Zeitalter, in welchem uns von unseren Politikern „alternative Fakten“ präsentiert werden, die nichts als Lügen sind. In einer Zeit, in der eine bloße Behauptung im Handumdrehen in den Rang eines Postulats gehoben und kritikfrei übernommen wird. In einer Zeit pauschaler und vorschneller Verurteilung, die nicht mehr nach Differenzierung fragt und keine Fakten erträgt. Eine Bevölkerung, die sich in ihrer Angst suhlt und Brandsätze auf Migranten wirft, die akzeptiert auf internationaler Ebene auch allzu leicht und schnell, dass „mal eben“ irgendwelche Menschen aufgrund zusammengebrüllter Behauptungen erschossen, aufgehängt, gesprengt und zu Tode gefoltert werden.
Es ist höchste Zeit, den Trend, der die Welt heißlaufen und immer wütender werden lässt, anzuhalten und langsamer zu werden im Verbreiten von Behauptungen, die zu Todesurteilen werden. Wir müssen langsamer darin werden, aufgrund unserer eigenen, möglicherweise grundfalschen Empörung zu zerstören und töten und einer möglichst sauberen Beweiserhebung und -Bewertung den Vorzug geben.

Wir müssen richtig verstehen, was da gerade passiert:

Seit Jahrzehnten etabliert sich in Europa und in den USA eine sehr schiefe Wahrnehmung des gesamten, Nahen wie Mittleren Ostens. Die Halbwertzeit von Informationen sinkt dramatisch und der Rang von Fakten wird von dem Effekt möglichst lauter und aggressiv vorgetragenen Schreiereien abgelöst. Kaum noch jemand interessiert sich für eine objektiv nachvollziehbare Realität, für Grundlagen und niemand leistet mehr die wichtige Arbeit der Differenzierung. Durch die bewusst einseitig den Bevölkerungen zugefügten Hammerschläge der Halbwahrheiten, Wunschvorstellungen und wütenden Schuldzuschreibungen kommt es verstärkt zu pauschalen Verurteilungen, denen dann auch folgerichtig vorschnelle und natürlich falsche Bestrafungen folgen – wie wir jetzt in Syrien sehen. Dass dieser Effekt existiert, wurde durch den Irak-Krieg bewiesen und meine Behauptung, dass allgemeine Verblödung grassiert, hatte sich dadurch bewiesen, dass die USA ohne jede Anklage, ohne jede Veurteilung geblieben ist.
Es interessiert sich heute bis auf die Angehörigen der unschuldig Hingerichteten auf den Straßen des Irak niemand mehr dafür.
Heute stehen siebzig Gastote in balkendicken Lettern in jeder Tageszeitung – die gute Million toter Iraker, die durch die Lügen der USA umgekommen sind und die tausenden von Babies, die bis heute (!) schwerst missgebildet durch die Vergiftungen zur Welt kommen, die durch die von den USA verwandte Uranmunition entstehen, von denen spricht heute niemand mehr.
Wir haben und akzeptieren nur unsere eigene Sichtweise und nehmen für uns moralische und bildungsmäßig höhere Werte und Erkenntnisse in Anspruch – werden diesem aber nicht gerecht, weil wir selbst es sind, die nur zu gern unangenehme Fakten ausblenden, vergessen oder beschönigen.

Wir müssen richtig verstehen, was da gerade passiert:

Deshalb findet auch das Bild in unseren Köpfen einfach gar nicht statt: wie würden wohl wir reagieren, wenn wir von der (Feld-) Arbeit nach hause kommen und unsere Haus in Trümmern und unsere Angehörigen zerrissen vorfinden? Und Tage später steht in den Zeitungen ganz lapidar, dass die Angreifer wieder einmal danebengeschossen hatten. Keine Entschuldigung, keine Entschädigung, keine Trauer …. nichts. Nur wenig später kommen dann unsere Nachbarn ums Leben, die so wie wir nie irgendetwas mit Extremismus zu schaffen gehabt hatten.
Dann trifft eine Rakete in einen Kindergeburtstag und zerstört das halbe Dorf neben allen Kindern und einigen Erwachsenen. Es heißt dann ebenfalls: „Tja, wir hatten eigentlich gedacht, dass da Extremisten gewesen wären. Ist halt passiert, kann man nix machen.“
Ein Trupp Soldaten kommt die Hauptstraße unseres Städtchens entlang und eröffnet unvermittelt das Feuer auf kleine (!) Kinder, die darauf Fußball spielten. Im Nachhinein wird den weinenden Müttern seitens der Angreifer erklärt, ihre Kinder seien allesamt „Terroristen“ gewesen und die hätte man halt beseitigen müssen (das ist übrigens tatsächlich genauso passiert!)
Für uns sinken all diese Toten in den unbedeutenden Rang eines „Kollateralschadens“, so als wäre beim Umschubsen des Glases neben dem Teppich leider auch das Tischtuch bekleckert worden. Mehr nicht.
Wir würden für uns in Anspruch nehmen, unseres Schmerzes womöglich nicht mehr Herr zu werden und den Angreifer mit dem Gewehr in der Hand zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Den Opfern unseres Wegschauens gestehen wir weder diese Gefühle, noch diese Aggression zu – sondern wir fordern von ihnen, endlich einmal mit dem ganzen Extremismus aufzuhören, dann müssten wir sie auch nicht mehr in die Luft jagen.

….. Aber wir verstehen die ganze Situation GAR NICHT. Zum einen, weil wir in unserem fried- und konsumvollen Leben so fern vom Töten sind, dass es zu ein paar Artikelüberschriften zusammenschnurrt und mit uns nichts zu tun hat. Weil wir vor uns selbst behaupten, dass all das nicht wahr sein kann, weil wir ja letztlich (sehr gut!) davon leben. Es würde uns Arbeit machen, differenziert zu denken und es wäre unbequem, unseren Reflex (Assad zu bestrafen!) zügeln und nüchterner Detektivarbeit zunächst den Vortritt zu lassen. Man könnte ja auch später bomben – wir wollen aber JETZT jemanden für diese grausame Tat bluten, sterben und leiden sehen.

Wenn nun die Welt zufrieden und stellenweise jubelnd auf den Bombenangriff von Trump reagiert, dann beerdigt sie die letzten Verbindungen zu Fakten und setzt voll auf Märchen, Behauptungen, Fehlleitung, Desinformation und macht es allen Handelnden einfacher, ihre grausame und brutale Politik weiterzuführen.
Das mag für Nichtmuslime hinnehmbar erscheinen. Muslime haben der ultimativen Forderung Allahs an die Menschen zu folgen, alles Gesagte, Gehörte und Gelesene mit der Kraft des eigenen Geistes kritisch und genau zu überprüfen. „Üble Nachrede und Verleumdung“ zählt aus guten Gründen zu einer der schlimmsten Sünden im Islam – denn beides kann exakt zu dem führen, was wir heute bejubelt in den Zeitungen vorfinden.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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