Ägypten – Staatsterror gegen Terror

Spätestens seit 2014 weiß die Welt, wie der aktuelle ägyptische Diktator zu verstehen ist. Damals verübte die ägyptische Terrorgruppe Ansar Bait al-Maqdis einige kleinere bis mittelschwere Terroranschläge. Der Putschist al-Sisi, der sich heute "Präsident" nennt, hat all diese Bomben- und Feuerüberfälle ganz konsequent der ägyptischen Muslimbruderschaft in die Schuhe geschoben. Das hatte einen sehr einfachen, sehr robusten Grund:Um nichts in der Welt würde das aktuelle Regime Terroranschläge verhindern und Terroristengruppen zerschlagen wollen. Wozu auch?
Der Diktator kann auf Terror keineswegs verzichten; er schafft das Klima, in welchem er ganz ohne größeres, internationales Aufsehen auch weiterhin seine politische Opposition vollständig auslöschen und seinen schlimmsten Gegner, die Muslimbruderschaft, beseitigen und international völlig diskreditieren zu können.
Die Terrorgruppe Ansar Bait al-Maqdis hat daraufhin mit weiteren Anschlägen geantwortet; im gleichen Jahr schwor sie Daesh ("Islamischer Staat") die Treue – dennoch bestand die ägyptische "Regierung" weiterhin auf ihrer Darstellung, dass es lediglich die Muslimbruderschaft als "Terrorgruppe" in Ägypten gäbe.

Schon vor einem guten Jahr las ich in einem Stimmungsbild aus Ägypten, dass man dort auf Märkten manchmal leichter und schneller Waffen als Brot zu kaufen bekäme. Unter dem Schutz des Diktators, der die bloße Existenz Ansar Bait al-Maqdis genauso heftig und einfach leugnet wie deren Gefährlichkeit, konnte eine ganz extrem gefährliche Stimmung in Ägypten geschaffen werden. Das Regime hat sein Ziel erreicht: Ägypten wird von einer Welle der Wut, der Verzweiflung, von Anschlägen nach der nächsten überrollt. Jetzt ist eine effiziente Terrorabwehr im Grunde völlig unmöglich geworden. Daesh konnte in ganz Ägypten in aller Ruhe seine Infrastruktur errichten und sicherlich auch strategisch wie üblich klug angelegte Waffenläger aufbauen.
Die "Regierung" Ägyptens steuert das gesamte Land direkt, gezielt und absichtsvoll in die vollkommene Destabilisierung und bietet als einziges Gegenmittel weiteren Staatsterror, Schnüffelei, spontane Verhaftungen und Erschießungen auf offener Straße. Sie will zur Angst vor dem Terror als solchem auch die Angst vor den "Sicherheits"-Behörden schüren.
Die Ankündigung des "Präsidenten", einen dreimonatigen Ausnahmezustand auszurufen und den Behörden noch weitere Freiheiten einzuräumen, ist eine ganz unglaubliche Zynik. Das, was gestern noch auf Ägyptens Straßen vorherrschte, nahm sich weitaus schlimmer aus als ein Ägypten im Ausnahmezustand, den Hosni Mubarak aufrechterhalten hatte.

Bisher hat sich die ägyptische Führung angesichts der Anschläge in Alexandria und Tanta meines Wissens nach konkret noch nicht geäußert. Es wird interessant zu beobachten, ob sie auch dies Bekennerschreiben von Daesh überhaupt öffentlich oder offiziell zur Kenntnis nimmt oder den Verfolgungsdruck auf die Muslimbruderschaft mit dem Vorwurf, für die Anschläge verantwortlich zu sein, sogar noch verstärkt.

Der überaus schlechte Witz an der Situation in Ägypten ist, dass der gesamte Westen seiner eingeübten, selektiven Wahrnehmung auch hier konsequent folgt: nur zu gern glauben unsere Regierungen und Bevölkerungen, dass der "Präsident" gegen islamistischen Terror kämpft und eine neue Demokratie errichten wolle. Dabei hat der ehemalige General al-Sisi vor einigen Jahren auf einer US-Militärakademie eine schriftliche Hausarbeit verfasst, in welcher er jede Demokratie in Nordafrika zugunsten einer islamisch (oder islamistisch) geprägten Regierung ablehnt. Er als Ägypter und Araber schrieb, dass Ägypter und Araber zur Demokratie nicht taugen – und nur einer straff wie streng durchorganisierten Diktatur folgen könnten, die mit beiden Beinen fest auf einer erzkonservativen und brutalen Auslegung des Islam steht.

(Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-sisi-schrieb-ueber-demokratie-im-nahen-osten-a-915538.html )

Interessant ist auch, was Sisi über Demokratie und Islam in der Hausarbeit schreibt. "Es ist unwahrscheinlich, dass eine Mehrheit der Menschen im Nahen Osten eine säkulare Demokratie begrüßen würde." Die Islamisten möchte er nicht vom politischen Tagesgeschehen ausschließen.

In dem Irrsinn seines Militärkopfes hat er bisher vollkommen konsequent und zielgerichtet gehandelt: er löscht bis heute jede oppositionelle und demokratische Strömung durch physische Vernichtung einfach aus, wobei er, ebenfalls höchst konsequent, islamische Extremisten wie die Salafisten fördert und beschützt. Öffentlich erklärt der "Präsident", dass "Religion das Wertvollste ist, was wir haben!" und lässt seine Behörden gegen den alltäglichen Wahnsinn, den die Salafisten propagieren, nicht nur nichts unternehmen. Nicht von ungefähr betrachtet man in Europa Salafisten als die hartnäckigsten und extremischsten Muslime und hält sie unter Beobachtung – in Ägypten sind sie Teil der Regierung.
Die jetzt erfolgten Anschläge in Alexandria und Tanta sprechen keinesfalls von einem möglicherweise breitflächig existierenden Hass ägyptischer Muslime auf Christen bzw. Kopten, sondern ausschließlich nur von der Absicht des Diktators, Nichtmuslime mit dem Mittel der Angst aus dem Lande zu bomben und jagen zu wollen. Neutrale Beobachter registrieren schon lange, dass Christen signifikant weniger Sicherheitsmaßnahmen gewährt werden als staatlichen oder muslimischen Einrichtungen.
Das hat seinen Grund.
Zunächst sind viele Kopten vor den immer häufiger werdenden Anschlägen auf die Sinai-Halbinsel geflohen und nun schlägt die Falle hinter ihnen zu, weil ausgerechnet dort die Hochburg der Daesh-gesteuerten Ansar Bait al-Maqdis liegt. Weder das Militär noch die Polizei können dort halbwegs ruhige und sichere Verhältnisse garantieren; immer wieder werden sie dort dutzendweise von Terroristen umgemäht.

Wie ich hier schon mehrfach schilderte, verhält es sich auch: das Ägypten "der Straße", so muslimisch es auch sein mag, hegt keinen Hass auf Kopten. Ohne das konkrete Zahlen zur Verfügung stünden beobachteten einige, dass in den Moscheen spontan Blutspenden organisiert und "hunderte" von Spenden an die Krankenhäuser für die Verletzten geliefert wurden.

Die Anschläge sind hausgemacht – und ganz offensichtlich (!) werden sie auch begrüßt. Die zeitliche Nähe zu dem Treffen des "Präsidenten" mit dem "Präsidenten" der USA, bei welchem weitere Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus vereinbart worden sind, spricht wahrlich Bände.

Ägypten kämpft nicht gegen den Terror – das Land produziert welchen. Ganz Ägypten wird mit der Infrastruktur und recht sicheren Rückzugsräumen für Daesh-Kämpfer durchzogen sein, weil sich das Regime auch weiterhin auf die Muslimbruderschaft konzentriert und sich wohl mehr oder weniger absichtsvoll und angestrengt wegdreht, wenn sich andere Terrorgruppen melden. Bekennerschreiben werden konsequent ignoriert und dafür stereotyp die Behauptung aufrechterhalten, die Muslimbrüder seien die Angreifer.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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