Türkei, Syrien – und die schmutzige Unterhose Europas

Zunächst einmal fasse ich zusammen, was wir über die Bombardierung des syrischen Flughafens Al-Schairat durch die USA heute wissen (wenn ich im Folgenden sarkastisch werde, bitte ich das zu verzeihen!):

Von insgesamt 59 abgefeuerten Tomahawk-Marschflugkörpern sind gut 30 nach Auskunft des US-Militärs "verlorengegangen". Die Hälfte aller Einheiten hat also ihr Ziel überhaupt nicht erreicht.
Das spricht nicht gerade für die Effizienz amerikanischer Waffensysteme.
Die USA haben damit 24 Millionen US-Dollar sinnlos vernichtet.
Aber das kann ja schon mal passieren….. meine Güte….. ich habe auch schon mal auf dem Weg zum Bus mein Portemonnaie verloren und der Spott meiner Frau deshalb hat mich schon geschmerzt, auch wenn da keine 24 Millionen Dollar drin gewesen sind.

Apropos Vernichtung: dem Angriff sind sechs ohnehin schwer beschädigte, einsatzuntaugliche Kampfjets, eine Kaffeebar und andere, verzichtbare Gebäude zum Opfer gefallen. Nur Stunden nach dem Bombardement nahm der Flughafen seinen Betrieb wieder auf – und ließ Jäger zur weiteren Bombardierung von Zivilisten aufsteigen. Es gab acht Todesopfer, was kaum verständlich erscheint wenn man weiß, dass das syrische und russische Militär nach dem warnenden Anruf aus den USA noch Stunden Zeit hatte, empfindliches (Kriegs-) Gerät, vielleicht Bestände an kostbarem Giftgas und Personen zu evakuieren.

Aus der militärischen Perspektive betrachtet, war das gesamte US-Manöver im Endeffekt und speziell der ganze Angriff noch nicht einmal mehr eine Farce. Es war letztlich ein völlig effektloses Theaterspielchen mit Knalleffekt. Der Lerninhalt für die ganze Welt ist ein völlig gegensätzlicher als erhofft: die USA haben sich mit dieser Aktion bis auf die Knochen blamiert.

Aus der politischen Perspektive betrachtet, zeigt uns der Angriff sehr schön, wie sehr die ganze Welt doch aus dem Völkerrechtsbruch der USA gegen den Irak gelernt hat:
nämlich gar nichts.
Sage noch mal jemand, die Geschichte wiederhole sich nicht. Sie hat sich wiederholt und die Betrogenen und Belogenen von damals sind die gleichen Betrogenen und Belogenen von heute. Wieder einmal existierte vor dem Bombardement kein einziger Beweis dafür, dass man auf jeden Fall den richtigen Schuldigen ins Ziel genommen hat. Trump hatte außer seinen eigenen Vermutungen gar nichts in der Hand, was Assad klar als Täter identifiziert hätte. Dennoch ließ er angreifen.

Die deutsche Kriegsministerin von der Leyen hat wie ihre Chefin selbst auch gar nichts aus dem Irak gelernt und hielt ausweislich ihrer eigenen Aussage auch Tage nach dem Bombardement, in welchen noch immer nichts als Vermutungen für Assad als Täter sprachen, den Angriff tatsächlich noch immer für eine gute Idee; sie sprach wörtlich von einem "Warnschuss", der angebracht gewesen sei.
Da frage ich mich doch sehr, ob ich denn jemanden in Deutschland auf offener Straße zusammenschlagen darf, weil ich irgendwie glaube, dass mein Opfer ein böser Mensch sein könnte. Ich weiß auch nicht, warum ich ihm die Nase zu Brei schlage – sie sah halt in der Abendsonne so gemein schief aus. Und das reicht ja wohl für meinen Übergriff, nicht wahr, Frau von der Leyen? Ich darf den Typen doch umhauen; irgendwie wird der durchaus schon mal jemandem irgendwas Böses angetan haben, auch wenn ich mir nicht recht vorstellen kann, was.
So wie die USA auf die Einschaltung bzw. Ermächtigung des UN-Sicherheitsrats verzichtet und einfach gehandelt haben, so muss ich natürlich auch vor meiner Prügelaktion natürlich keine Polizei einschalten. Und wenn sie dann doch kommt, darf ich ihr folgenlos grinsend meinen Mittelfinger zeigen und höre dann aus dem Präsidium, dass mein Übergriff ein akzeptabler Warnschuss gewesen sei.

Es darf wieder frisch von der Leber weg immer und überall herumgeschossen werden – Kleinigkeiten wie harte Beweise sind unerheblich und stören nur die Abläufe. Für uns ist das alles schon in Ordnung so, weil wir prächtig daran verdienen und weil unsere Wähler einfach zu doof sind, um die Hintergründe auch nur im Ansatz zu kapieren. Unsere Kriegsministerin muss sich zusammen mit ihrer Chefin keine Sorgen machen, denn der deutsche Wähler ist unkritisch genug, um auch den größten Schwachsinn zu glauben. Deshalb fraß er auch kommentar- und weitestenteils kritiklos den ultimativsten aller Unsinnigkeiten, nach welcher angeblich die "Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt" werden müsse.
Deshalb wird der deutsche Wähler auch den verbrecherischen und schwachsinnigen Angriff auf Syrien schlucken und in Bezug auf die haarsträubende Aussage von der Leyens mit dem "Warnschuss" überhaupt kein Störgefühl entwickeln.

Nein – diese Welt funktioniert noch immer nicht so, wie sie uns im Westen von unseren Regierungen verkauft wird.
Wir werden diese Lektion noch im Fall Nordkorea vertieft zu Gehör bekommen, denn alle ausländischen Analysten liegen richtig mit ihrer Idee, dass Atomwaffen heute sehr wohl den Ausschlag geben, ob man sich die USA zum Feind machen kann oder nicht. Der Verrückte aus Pjöngjang kreischt nun seit vielen Jahren und wird ziemlich genau jetzt zu einer ernsthaften Bedrohung. Heute wird ein Angriff auf Nordkorea zu einem möglicherweise extrem blutigen und verlustreichen Schauspiel; hätte die Welt lange vorher ihre Geduld verloren, wäre ein notwendiger Krieg ganz erheblich kürzer und weniger blutig ausgefallen.
Der Iran erkennt daran, dass er sich ohne große Not brutal über den Tisch hat ziehen lassen: ein paar wenige Jahre des Taktierens, Lavierens, Vernebelns und Täuschens mehr und Teheran hätte über ein ansehnliches Arsenal an Atomraketen verfügt – und wäre die USA als Bedrohung losgewesen.
Die Konsequenz daraus ist völlig klar: mit dem Bau des Atomkraftwerks in Ägypten strebt der dortige Diktator die Entwicklung einer eigenen Atombewaffnung an, daraus macht er überhaupt keinen Hehl. Das verschweigt sein Regime ebensowenig wie es das beschönigt. In der Folge wird sich natürlich auch die Türkei um Atomraketen bemühen.

Wer Europa dieser Tage hinter den Gürtel tief ins Höschen schaut, dem dürfte kaum noch etwas schmecken: wir wedeln zwar immer noch mit unseren so waaahnsinnig tollen "Werten" und zögern nicht, diese mit Sprengstoff zusammen über der ganzen Welt abzuwerfen, aber so ein bisschen rumfoltern, dass lassen wir uns nicht nehmen.
Unser europäischer Nachbar Ungarn sperrt Flüchtlinge unter erbarmungswürdigen Bedingungen in Container, setzt sie in den Schnee und übergießt sie mit Wasser. Ungarn setzt gern elektrische Viehstöcke gegen sie ein. Derweil werden Gerichtshöfe geschleift, Museen geschlossen, Andersdenkende gejagt und eingesperrt. Polen misshandelt die Demokratie und wirtschaftet sie gezielt (!) wie planvoll herunter.
Aber dazu entfährt uns kein Mucks.
Nein nein.
Das wäre langweilig.
Da macht uns unser altes Hobby doch gleich viel mehr Spaß: wir werfen einfach der Türkei vor, was wir selbst als Europa nicht umgesetzt bekommen. Wir verfolgen zwar Andersdenkende, die Verfolgung Andersdenkender in der Türkei kommt uns aber schlimmer vor. Wir überfallen zwar Presseorgane, verhaften Journalisten und versuchen mit maximalem Zwang, die Herausgabe ihrer Quellen zu verraten, werfen aber der Türkei vor, Journalisten zu verhaften und zum Verrat zu zwingen. Wir lassen völlig gleichgültig eine ganze, deutsche Familie umbringen, zerren aber einen einzigen Journalisten unter Krokodilstränen an die Spitze der Aufmerksamkeit – weils grad so schön passt.

Aber das ist alles nicht schlimm, wenn ich mich da wiederholen darf:
wir merken ja doch nix.
Der Mann, der heute unser Bundespräsident sein will, der soll schon als Kanzleramtschef versucht haben, einen von den USA Berlin angedienten Guantanamohäftling ganz stikum, heimlich still und leise hinterrücks die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen …. weil …. ätsch …. Deutschland dann seinen eigenen Staatsbürger nicht aus der menschenrechtsverachtenden Folterhaft zu übernehmen gehabt hätte. Das verstärkt mein Vertrauen in das Amt des Bundespräsidenten gleich in Potenzen weil ich schon immer der Meinung war, dass deutsche Staatsbürger für unsere Regierung nur blasse Manövriermasse sind, derer man sich in vollendetem Opportunismus bedient – oder eben bei Bedarf einfach verleugnet und gar nicht zur Kenntnis nimmt. Was zählt auch schon eine deutsche Familie?
Rundungsverlust.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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