Deutschland – Terror gegen Fußball

Die Überschriften in der deutschen Tagespresse überschlagen sich in ihrer Größe. Die „BILD“ kann sich vor publizistischem Entzücken kaum noch retten, man sieht förmlich den Speichel ihrer Kapitalanleger aus dem Blatt tropfen.Auf den Straßen entsetzen sich die Menschen, andere äußern sich in Interviews ähnlich gelassen wie dieser Fußballfan, der von Journalisten befragt wurde und sagte:

„Wenn dat jetz n Terrorist war oder wat … dann kann der mich schööön am Arsch lecken.“

Es besteht ein qualitativer Unterschied zwischen einer durch die Backen gezogenen Zunge und einer Anzahl von drei potenten Sprengsätzen, die in öffentlichem Raum gezündet werden.
Dabei zeugt der Anschlag von der Weisheit der Terroristen, die unsere „heilige Kuh“, zu deren Anbetung wir zu Zehntausenden jedes Wochenende in ihre Tempel pilgern, als solche richtig erkannt haben.
Woanders legt man Sprengsätze in Parlamente, in Banken, in Moscheen und Kirchen – in Deutschland wählt man eben besser den Fußball.

(Nebenbemerkung: es gab vorübergehend gestern eine beinahe belustigende aber geradezu zynische, semantische Petitesse, nach welcher Journalisten in die Kameras fragten, ob die Bomben von Dortmund nun „Terror“ seien oder etwas anderes. Als „etwas anderes“ als „Terror“ würde man wohl Rechtsradikale oder einen verfeindeten Fußballclub als Täter bezeichnet haben – aber warum eigentlich? Ist eine gegen Zivilisten gerichtete Bombe nicht etwa immer „Terror“? Nein ?)

Was mich wirklich wütend macht, ist die starrsinnige Verweigerungshaltung in den Köpfen der Deutschen, nach den wahren Gründen für den Terror zu suchen und sich mit halb erlogenen, halb ausgedachten und zusammenfantasierten Begründungen zufrieden zu geben, die ihnen von ihren Politikern dargereicht werden.

All das Entsetzen, das sich heute in Deutschland und Europa wegen dies Terroranschlags breitmacht, spricht für unendliche Ignoranz – um nicht Dummheit zu sagen. Europa verschließt gemeinschaftlich die Augen vor dem eigenen Tun. Es nimmt das eigene Versagen, die selbstgewählte Blindheit und das ganze Ausmaß des Unrechts, welches es selbst so überreichlich über der Welt ausgießt, ganz einfach gar nicht zur Kenntnis.
Daraus resultiert das vielfach nur gespielte Entsetzen und das verursacht die ganze Empörung über die feigen Terroranschläge, die bei uns selbst stattfinden. Die feigen Terroranschläge, mit denen wir Europäer seit weit mehr als zehn Jahren ganze Familien, Feste und Dörfer aus der Luft ausradieren, die denken und wünschen wir uns ganz einfach schön. Weil wir weder fassen können noch glauben wollen, dass unsere eigenen Bürger auf offener Straße Kinder abknallen, vergewaltigen, Familien zerstören und darüberhinaus auch noch Leichen vor Kameras schänden, verstehen wir (angeblich!) die Wut, den Hass und die Verzweiflung nicht, die unsere Opfer dazu anstachelt, es uns heimzuzahlen.

Dann muss das eben so sein.
Wir haben es in der Hand. Wir treffen die Entscheidung. Wir wählen, ob unsere oder andere Familien zerrissen werden.

Den Terroristen, der zum Töten unserer Leute hierher kommt, ist kein wirklich schwererer Vorwurf zu machen als dem Terroristen, der auch nur „auf Befehl“ Zivilisten, Frauen und Kinder in Ländern tötet, die tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt leben.
Eher trifft das Gegenteil zu: die Terroristen, die uns töten, sind wenigstens noch voller Hass und Verzweiflung. Sie haben allzu oft ihre Nachbarn, ihre Frauen, ihre Ehemänner, ihre Kinder und ihre Dörfer unter unseren Bomben in Flammen aufgehen sehen.
Der westliche Terrorist, der seine Drohne mit einem Knopfdruck feuern lässt, der lebt in Frieden, genießt ein sicheres Umfeld, ein hohes Einkommen und zeigt, wenn er nach seiner eigenen Verantwortung gefragt wird, gelangweilt über die Schulter auf seinen Vorgesetzten.

Nach meiner persönlichen Überzeugung zählen sowohl deutsche Tornado- als auch amerikanische Drohnenpiloten selbstverständlich zu den Terroristen, ich erkenne keinen Unterschied zwischen beiden. Sie töten beide und sie töten Unbeteiligte. In ihrem Feuer sterben Wehrlose, Unschuldige und Kinder. Inshallah werden beide im Jenseits ihr gerechtes Urteil dafür empfangen. Niemand, der mit mehr oder weniger ferngelenkten Waffen (-Systemen) feuert und deshalb nicht garantieren kann, dass er nur feindliche Kämpfer tötet und eben keine Unbeteiligten, keine Nichtkämpfer, keine Wehrlosen und Unschuldigen – ist etwas anderes als ein Terrorist.
Seit Jahrzehnten pumpt Deutschland überreichlich Waffen in jede Krisenregion; wenn der offizielle und legitimierte Exportweg (der schon pervers genug ist!) nicht hinreicht, um mitten in heiße Konflikte hinein zu liefern, dann wählt man eben einen unverdächtigen Umweg – im Ergebnis werden alle Kämpfer aufmerksam mit allem erdenklichen Schießgerät beliefert. Wir leisten uns eine Verlogenheit, die tatsächlich an Wahnsinn grenzt.

Wir wollen das alles aber gar nicht wissen.
Sollen sie doch leise an unseren Produkten sterben und uns die Laune damit nicht verderben. Das Arbeitsergebnis unserer Artikel wirkt unästhetisch auf uns; wir halten unseren Kindern die Augen zu damit sie nicht sehen, wovon sie so leben und weshalb sie sich Urlaub erlauben können und die neuesten Sneakers.
Die Bilder zermatschter Kinderköpfe sind uns unangenehm.

Die Reflexe all derer, die auch weiterhin gut vom Tod anderer leben, sich selbst keinesfalls kritisch begegnen und daher keine Veränderungen wollen, zielen alle auf die ultimative Generalentschuldigung ab: „Das hab ich nicht gewusst.“
Wenn ich nicht wusste, dass der Knopf, den ich gerade gedrückt habe, keine Kaffeemaschine, sondern ein Maschinengewehr gestartet hat, dann bin ich nicht schuldig. Wenn mir jemand sagt, dass dieser Knopf da keine Kaffeemaschine, sondern ein Maschinengewehr startet und ich halte mir die Ohren zu, dann mache ich mich selbstverständlich schuldig, wenn ich den Knopf drücke.

Ent-schuldigungen, darin sind wir absolute Weltmeister!

Wir haben im Zweiten Weltkrieg gelernt, wie barmherzig Dummheit ist und deshalb haben wir daraus eine Mode gemacht. Es gibt die trotzige Dummheit, die verärgerte Dummheit, die aggressive Dummheit – aber es ist immer die gleiche Dummheit, die wir uns überziehen. Weil wir rechtzeitig wegschauen, wenn uns jemand Bilder von den zermatschten Kinderköpfen zeigen will, in die wir direkt oder indirekt hineingeschossen haben. Wenn wir die Bilder nicht sehen – dann können wir anschließend sagen: „Das hab ich nicht gewusst.“ und wir sind raus aus der Nummer.

Die feigen Terroristen aus den Reihen unserer Opfer gehen nicht anders vor als die feigen Terroristen aus unseren eigenen Reihen: der Tod kommt plötzlich und unerwartet. Aus heiterem Himmel. Er zerfetzt Menschen, die eine halbe Sekunde zuvor noch arglos waren und sich vielleicht auf ein heiteres Fest gefreut hatten.
Zack Bumm.
Tot.
Da sterben Menschen unter LKW-Rädern, die vielleicht Sekunden zuvor noch überlegten, ob sie sich das Leder- oder doch besser das Silberarmband kaufen.
Zack Bumm.
Tot.

Nun erkläre mir irgendjemand, wenn ich der Vater eines toten Kindes wäre, das von einer Drohne hingerichtet wurde, was diesen Terror von einer Bombe in Dortmund, von einem durch eine Fußgängerzone rasenden Laster unterscheidet. Irgendjemand.
Ob der Junge durch eine hellfire-Rakete in Afghanistan verblutet oder durch einen Laster in Paris: welcher der beiden Jungs ist dann die gute, und welcher die schlechte Leiche?

Keiner, nicht ein einziger von uns selbst kann wahrheitsgemäß behaupten, hinsichtlich unserer eigenen Kriegs- und Waffenlieferungspolitik nicht zumindest „ein blödes Gefühl“ zu haben. Wir ahnen irgendwie alle, dass hier einiges nicht mit rechten Dingen zugeht und alle wissen wir, dass unsere Regierung uns belügt.
Wir wissen alle was es bedeutet, wenn Angela Merkel wegen angeblicher „Menschenrechtsbedenken“ keine Waffen an bestimmte Länder liefert. Und was es bedeutet, wenn sie den Henker-, Folter- und Verstümmelungsstaat Saudi-Arabien auf das Zuvorkommendste mit riesigen Mengen Waffen bedient.
Wir wissen es alle.
Und alle hecheln nach einem Schlafliedchen aus Berlin, das uns freispricht von Schuldgefühlen und uns fertig ausgearbeitete „Argumente“ für diesen Irrsinn in den Mund legt. Es ist ein unausgesprochenes Abkommen zwischen den Bürgern und ihrer jeweiligen Regierung in Europa; es heißt: „Belügt uns! Ohne Eure Lügen bekommen wir ein schlechtes Gewissen und nur Eure Lügen garantieren uns unseren Wohlstand.“

Manchmal wird das Schlaflied harter Rock mit Bass und Schlagzeug: wenn unsere Kriegsministerin vor laufenden Kameras stahlhart lügt und wahrheitswidrig behauptet, der US-Angriff auf den Flughafen vor Kurzem sei angeblich „völkerrechtlich vertretbar“. Das ist der offen vollzogene und wohl erfolgreich durchgeführte Versuch, den Deutschen bei seiner Dummheit zu packen und seine Willenlosigket auszunutzen – denn seien wir doch mal ehrlich: wer von uns hat denn diese Aussage kritisch überprüft? Na? Niemand? Achja.

Die Rechnung ist ebenso brutal und grausam, wie konsequent und ganz einfach:
Solange wir unser Leben nicht nachhaltig ändern und lernen wollen, uns mit weniger Wohlstand zu begnügen, solange werden wir Unschuldige auf der Welt zusammenschießen, zerreißen und verbrennen müssen, denn von dort erhalten wir unseren Luxus. Und solange wir das tun, solange wird es in ganz sicherlich steigendem (!) Maße Gewalt gegen uns in unserer eigenen Heimat geben.

Gewöhnen wir uns daran.

Unser Leben wird sich dauerhaft und traurig verändern. Waffen werden zum alltäglichen Bild gehören, massive Schutzmaßnahmen beeinträchtigen unsere Bewegungsfreiheit künftig, es wird sehr viel mehr staatliche Schnüffeleien und Verhaftungen geben und hier und da werden mal mehr, mal weniger Leute in unseren eigenen Städten in die Luft fliegen.
Das wird so sein.

Denn das ist der Preis für unseren Starrsinn und unsere geradezu bösartig verbissenen Anstrengungen, auch weiterhin möglichst viel Profite und Macht aus dem Sterben anderer zu ziehen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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