Hier stirbst Du ganz allein

Tief in einem provinziellen Städtchen saßen meine Frau und ich gestern vor dem Fernseher und sahen einen sehr spannenden Film.

Draußen war es dunkel und kalt; wir haben es uns gemütlich gemacht. Ich trank meine Lieblingslimo, Kerzen brannten und der Film entführte uns ins Berlin der fünfziger Jahre, das meine Frau aus eigener Anschauung kennt, weil sie zu der Zeit dort aufwuchs.

„Hilfe!“

Ein sehr lauter Schrei. Wir sahen uns an und dachten beide das gleiche: nein, das war kein Betrunkener, nein, das war auch kein rotznasiger Spaßvogel.

„Hilfe! Hilfe!“

Diese Schreie waren voll von Not und Verzweiflung. Kaum eine Minute nach dem ersten Schrei waren wir schon aufgesprungen und zur Haustür unterwegs, während unser Sohn die Treppe heruntergestürmt kam und mit uns auf die Straße sprang.

Wir leben in einer ruhigen Wohnstraße, an der nur Eigenheime mit ihren mindestens mittelgroßen Gärten liegen und angestrengt schauten wir von einem Lichtkegel der Straßenlaternen zum nächsten. Ich lief in die Richtung, aus der wir den Schrei zu hören geglaubt hatten und hielt eine … sagen wir: Selbstverteidigungsapparatur einsatzbereit in der Hand. Immerhin hatten die Schreie nach Gewalt geklungen.

Nichts. Die Straße lag wieder in tiefem Frieden. Das einzige, was ich registrierte war, dass mehrere Nachbarn ganz plötzlich auf die gleiche Idee gekommen waren und rasselnd die Jalousien vor ihren Fenstern schlossen. Es liegt ein gutes Dutzend Häuser an unserer Straße, aber ihre Bewohner waren samt und sondern „gar nicht da“, wenn man sie heute etwa fragen würde, weshalb sie auf die Schreie nicht reagiert haben.

Aber da war niemand. Nur wir drei suchten die Straße nach der Quelle der Schreie und der befürchteten Gewalt ab und wurden auf unserem Weg von der Musik rasselnder Jalousien begleitet, hinter denen natürlich in jedem einzelnen Haus Menschen standen die sich fragten, ob man sie wohl dabei gesehen hatte, wie sie angestrengt in die Dunkelheit gestarrt hatten, um sich von einer frischen Leiche gruseln und unterhalten zu lassen.

Nach etwa einer Viertelstunde ergebnislosen Suchens und Rufens brachen wir ab und gingen in unser Haus zurück, noch immer absolut davon überzeugt, das etwas Ungeheuerlichen geschehen sein musste. Niemand, der diese Schreie gehört hatte konnte sich eine harmlose Erklärung dafür ausdenken.

Eine knappe Stunde später schlich ein Mannschaftswagen der Polizei durch unsere Straße. Ich sprang heraus und sprach die Beamten an. Es sei ein gewalttätiger Übergriff auf eine junge Frau gewesen, wurde ich informiert. Sie hatte in panischer Angst geschrien und sei rennend geflüchtet. Sehr wahrscheinlich hatte mein Sohn den flüchtenden Täter noch um die Ecke eilen sehen, in dessen Richtung ich gesucht hatte. Damit ist es gut möglich, dass wir den Täter allein durch unser Erscheinen auf der Straße verjagt hatten, während uns die Jalousienmusik auf unserem Weg begleitete.

Noch heute morgen entsetzt mich der Gedanke zutiefst: da wird ein Mensch angegriffen und ruft in höchster Not um Hilfe – und nichts geschieht. Niemand nimmt seine Pflicht wahr, keiner setzt sich ein.

Diese junge Frau ist durch eine kalte, dunkle Eiseskälte gelaufen und das lag weder an der Temperatur noch an der Tageszeit. Sie rannte voller Panik über einen Friedhof, auf dem dutzende von toten Seelenkrüppeln hinter Türklingeln liegen. Diese Toten leben davon, uns wegen unseres oft nicht akkuraten Vorgartenrasens zu bekritteln. Aus ihren leeren Augenhöhlen starren sie auf mein altes Auto, während sie in ihren sündhaft teuren SUV steigen, den sie sich viel weniger leisten können als ich es könnte (weil ich wesentlich mehr verdiene als sie alle).

Diese verwesenden Sozialkrüppel kriechen sonntags in die Kirche und prahlen bei „Nachbarschafts“-Festen mit der Höhe ihrer Ausgaben für ihr Geburtstagsfest, dass ja doch nichts anderes ist als ein gemeinschaftliches, angestrengtes und bis zum Eintritt des Rausches  auch verkniffen-verbissenes Saufen ist. Wenn der erste lallend in die Hecke kippt, dann fühlt man sich lustig.

Diese Frau rannte über einen Friedhof und es leben immer mehr Tote unter uns. Da verstehen wir ganz leicht und sofort, woher die “ Angst“ der Leute hier vor Fremden rührt. Es ist nur die Angst davor, von jenen, die zu uns kommen und unerwarteter- wie meist auch unerfreulicherweise trotz Waffeneinsatzes nicht körperlich so tot sind wie sie selbst im Herz. Eben nicht durch unsere Produkte fernab von uns ums Leben gebracht und auch mit lebendigen Seelen begabt. Das macht den Jalousienmusikern furchtbare Angst.

Wie hübsch hatte man es sich doch eingerichtet – und dann kommt plötzlich einer, der um Hilfe ruft.

Das wenige, was man einsieht zu schulden, hat man überreichlich mit Steuern bezahlt – und sonst ist nur noch zu fordern, leisten müssen andere.

Menschen, die Leute wie uns um Hilfe anrufen, erleben die Qualität unserer Gesellschaft:

Jalousienmusik.

Es gibt nur wenig, was ich mehr verachte.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Christen, Christentum, Deutschland, Flüchtlinge, Flucht, Gesellschaft, Kultur, Leben, Liebe, Philosophie, Religion, Terror abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Hier stirbst Du ganz allein

  1. deutschemuslima71 schreibt:

    Erstaunlich, das sie nicht mit eingeschalteter HandyCam kamen um das Filmchen dann auf Youtube zu posten

    Gefällt mir

    • echsenwut schreibt:

      Wir waren alle entsetzt und konnten es wirklich nicht fassen, dass wir tatsächlich die einzigen waren, die reagiert haben. Von großen Städten ist hinlänglich bekannt, dass man in Deutschland ruhig auch mal bei Tageslicht auf der Straße Überfallen werden und verbluten kann – wir leben aber in der Provinz und hier wird immer so gern erzählt, wie toll man doch hier füreinander einstünde.
      Aber auch das ist nur Selbstbelügen.

      Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.