„Deutsche Leitkultur“? Achja? Was ist das?

Adolf Hitler organisierte für Benito Mussolini einen Prachtaufmarsch und präsentierte in Form einer schier endlosen Parade und zahlloser Motivwagen, was er als „deutsche Kultur“ in seiner verrenkten Geschichtsschreibung betoniert sehen wollte.

Offenen Mundes, eher ungläubig glotzend sah ich den Farbfilm, der davon existiert. Alles strahlte eine ungeheure Trivialität, Brutalität und Härte aus; selbst die Idee ästhetischer Körper (gleich welcher Art!) verkommt zur bizarr aufgepumpten Verkrüppelung jeder Realität.

Ach? Das ist nicht „deutsch“? Nein? Dafür schämen wir uns und heute sind wir die Guten? Die Wertvollen? Die sauberen? Etwa so, wie die silbern glänzenden, überlebensgroßen Geschmacklosigkeiten auf den Motivwagen von Hitler? Ich habe da was “ falsch verstanden“?

Nein. Ich habe gar nichts falsch verstanden – allein schon, weil ich um die Geschichte weiß, habe ich allerdings sehr gut verstanden und deren Lektion ist völlig unmissverständlich: immer, wenn Potentaten, Politiker und „Politiker“ davon faseln, ihre vorgebliche, nationale Kultur „bewahren“ und „beschützen“ zu wollen, ist etliches grauenvoll schiefgegangen und schlimmstenfalls werden Kriege damit vorbereitet.

Kultur war niemals statisch. In halbwegs gesunden Sozialverbänden unterlag sie grundsätzlich immer Strömungen und Entwicklungen. Kultur verändert sich permanent; eine „deutsche Kultur“ hat es sowieso nie gegeben und demzufolge redet unser Bundesinnenminister furchtbaren Schwachsinn, wenn er behauptet, wir würden hier in Deutschland einige Dinge angeblich grundsätzlich nicht und andere zuverlässig immer tun und denken. Seine Aussagen zeigen nur, welch grauenvollen Blödsinn er aus wahltaktischen Gründen abzulabern bereit ist, wenn er damit nur genügend ungebildete Wähler keilen kann.

Noch nicht einmal über die Zeit vor dem ersten, römischen Einmarsch würde man auch nur von einer „kontinentalen Kultur“ gesprochen haben können, weil auch da unentwegt immer neue Einflüsse ganz unterschiedlicher Art im Zuge von größeren und kleineren Wanderungen von Stämmen und Familien in die Region getragen worden sind. Wer in großen, zeitgeschichtlichen Dimensionen denkt (und damit auch umgehen kann!) weist die Idee von Kontinuität in Bezug auf Kulturfragen weit von sich. Jede Vorstellung von Stabilität ist Illusion und ihre Existenz wird ausschließlich nur von Menschen behauptet, die aus ihrer augenblicklichen Konstellation für sich ganz persönlich Vorteil ziehen.

Die Qualitäten, die er in seinen Ausführungen als deutsche „Leitkultur“ darstellt, haben damit nicht nur nichts zu tun – es existiert überhaupt keine „Leit“-Kultur!

Eine solche Kultur hätte sich selbst den Untergang heraufbeschworen. Noch nie, in der ganzen Menschheitsgeschichte nicht, hätten Sozialverbände über wenige Generationen hinweg überlebt, die sich aus freien Stücken selbst zum Maß aller Dinge emporgehoben und die Bereitschaft, sich von außen beeinflussen zu lassen, verweigert haben. Sogar Japan, das jahrhundertelang bewusst die Isolation gewählt hatte, hatte in dieser Zeit zahllose Errungenschaften von China und Korea übernommen.

Aber gerade das, der fatale Hang zum Überschnappen, ist tatsächlich ein sehr zentraler Punkt in der deutschen Kultur. Über viele Jahrhunderte hinweg haben sich diverse, deutsche Stämme und Familien, Fürsten und Häuptlinge immer wieder zu Übermenschen erklärt und sind jedes einzelne Mal furchtbar dafür zusammengehauen und zurück in den Rinnstein gejagt worden. Der vorletzte, typisch deutsch durchgeknallte Fatzke zettelte einen Weltkrieg an und zog sich, als ihm noch viel zu wenige Leichen auf Europas Feldern verwesten, beleidigt in ein Nachbarland zurück und gab das Feld frei für den nächsten Spinner, der auch wieder von „deutscher Kultur“ faselte und nachgerade Europas Felder noch viel üppiger in diesem Sinne mit Leichen düngte.

Ach? Oh, entschuldigen Sie bitte, Herr Bundesinnenminister, wenn ich Ihnen damit ein paar zusätzliche Notwendigkeiten auf Ihre Liste schreibe, mit der Sie „deutsche Kultur“ definieren wollen.

Sie haben übrigens durchaus Recht mit Ihrer Bemerkung, dass man hierzulande „Gesicht zeige“. Viele Deutsche zeigen über ihren Springerstiefeln in Form ihrer Glatze sogar besonders viel davon! Obschon viele von ihnen bei ihren Rudelangriffen auf Flüchtlinge natürlich nur aus rein modischen Erwägungen heraus verwegen wirkende Tücher über Nase, Mund und Kinn ziehen.

Nein, Herr Minister, Sie sind nicht Burka. Sie stehen nach ihren markigen und bei den Blöden dieser Republik auch garantiert erfolgreichen Worten sogar ziemlich nackt da.

Ich stelle Sie mir gerade nackt, überlebensgroß und versilbert auf einem der Hitler’schen Motivwagen vor, Herr Bundesinnenminister. Das ist ganz zweifellos ein sehr passendes, allerdings auch überaus verstörendes Bild. Hitler auf der Bühne würde grinsen und zackig grüßen und man würde Goebbels neben ihm leise kichern hören.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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