In eigener Sache: …. Und ICH soll „Antisemit“ sein?

Immer wenn dieser Vorwurf gegen mich fällt, amüsiere ich mich köstlich. Die Zeit, in der ich mich (noch) darüber geärgert habe, ist seit vielen Jahren verstrichen. Schon in meiner Jugendzeit wäre es völlig idiotisch gewesen, mir auch nur die geringsten Ressentiments gegen Juden zu unterstellen; ich habe als 16-Jähriger sehr ernsthaft die Möglichkeit geprüft, meinen Zivildienst im Rahmen der „Aktion Sühnezeichen“ in einem israelischen Kibbuz abzuleisten. Leider hat das nicht geklappt; alle verfügbaren Plätze waren auf Jahre vergeben.

Die wichtigsten Potentaten im islamischen Raum haben seit Jahrhunderten Wert darauf gelegt, jüdische Berater in ihren engeren Umkreis zu holen, weil sie ihre Weisheit schätzten. Mit Juden ist es wie mit allen anderen Menschen auch: selbstverständlich kann man mit den gebildeten unter ihnen ein friedliches wie fröhliches Zusammenleben aufbauen.

Meine Frau und ich haben in den zurückliegenden dreißig Jahren bei der Erziehung unserer Kinder großen Wert darauf gelegt, sie keinem irrationalen Hass anheimfallen zu lassen und Menschen grundsätzlich immer nur nach dem zu beurteilen, wie sie handeln, sprechen und denken – egal, woher ihre Überzeugungen kommen mögen. Heute darf ich mit großem Stolz feststellen, dass uns das vollkommen gelungen ist. Wir sind eine tolle Familie; keines unserer vier (zwischenzeitlich erwachsenen) Kinder würde sich von irgendjemandem zum Hass verführen lassen. Im Gegenteil. Jedes hat sich bereits auch mit mehr oder weniger energischem, eigenem Einsatz zwischen solche Angriffe von Doofen gegen andere eingebracht.

Und so wird unsere große Tochter Anfang Juni aus ihrem Auslandssemester aus den USA heimkehren. Eine Woche später folgt ihr amerikanischer Freund, an dessen Namen, wie meine Frau schmunzelnd berichtet, wir uns wohl dauerhaft gewöhnen müssen. Er wird zunächst zwei Wochen bei uns verbringen, dann heimkehren und sehr wahrscheinlich nach dem Abbruch aller Zelte in den USA dauerhaft zu uns kommen. Unsere Tochter beschreibt ihn als seelenvollen, friedlichen und nachdenklichen Menschen mit kulturellem Interesse.
Er identifiziert sich selbst, und da musste dann ich schmunzeln, als Ashkenasi (was sein Nachname bereits verraten hatte). Er ist Jude – und das freut mich, weil ich dadurch bereits eine große Menge an Gemeinsamkeiten zwischen mit und ihm ausmache und schon jetzt weiß, dass wir uns unausgesprochen in vielen Dingen einig sein werden.

Der ganze Rest der ganzen Familie, alle Nichtmuslime, winkte bereits ab und ließ wissen, dass es ihn nicht interessiere, welcher Religion er folgt. Er wird von allen freundlich und fröhlich begrüßt – und im Handumdrehen in unser tägliches Getriebe integriert; er wird selbstverständlich einen Platz in unserer Mitte und jede Unterstützung erhalten, immerhin spricht er (noch) kein einziges Wort Deutsch. Das wird kein Problem sein, da wir eine konsequent mehrsprachige Familie sind und jeder einzelne von uns ein sehr gutes bis hervorragendes Englisch in Wort und Schrift flüssig beherrscht.

Aus der Vergangenheit heraus und unter Berücksichtigung aller Ereignisse und Gespräche der letzten Jahre bin ich felsenfest vom heute bereits festgeschriebenen Erfolg überzeugt: Derek wird im Handumdrehen ein fester Bestandteil unserer Familie werden. Wir werden unendlich Spaß haben, weil wir sowieso und ganz generell ein grundentspannter, fröhlicher Haufen sind und er selbst auch so beschrieben wird.
Er ist im Norden der USA Sozialarbeiter und Streetworker. Bei wenigstens einer Gelegenheit „zerstörte“ er einen angenehmen Abend mit unserer Tochter, weil er spätabends einen Obdachlosen auf der Straße entdeckte, dessen Jacke als unsauber und löcherig erkannte und den Rest des Abends daran arbeitete, ihm eine neue zukommen zu lassen. Er sammelt verzweifelte und herrenlose Tiere auf, sein Facebook-Profil zeigt ihn breit grinsend mit dem Baby einer Bekannten auf dem Arm – und er löchert unsere Tochter zu ihrem größten Vergnügen mit steigender Tendenz, sie möge ihm beibringen, wie man sich in Europa benimmt, anzieht, spricht und bewegt. Der Gute hat die USA nie verlassen und wir sind für ihn völlig weiße Flecken.

Nein – Angst vor uns hat er keine. Wahrscheinlich ist er dafür schon zu gut von unserer Großen gebrieft. Im Gegenteil: obschon sie aus den USA am Sonntag bereits die schönsten Grüße zum Muttertag an meine Frau übermittelt hatte, musste sie auf sein Quengeln hin noch eine Sprachnachricht versenden und er grüßte sehr fröhlich und lachend im Hintergrund ebenfalls.

Das hier schreibe ich ins Nirgendwo … weil niemand MICH hinter DIESEM blog vermutet und diese Zeilen somit nur mir selbst gelten. Sie zeigen nur meinen Spaß an der Situation, meine unendliche Freude an dem Multikulti, den wir wirksam und konsequent leben.
Wir haben als Familie schon mehrfach und zum Teil höchst eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft mit großer Selbstverständlichkeit zusammenleben und sich gegenseitig bereichern können.

Und ICH soll „Antisemit“ sein! Was für ein Unsinn!
Mein Zweitjüngster, heute selbst gleich dreißig, fragte mich vor vielen Jahren einmal, was ich sei. Ich sagte:

Muslim, Mensch und Mann – in dieser Reihenfolge!

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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