Afghanistan – Wieviel Lüge akzeptiert oder braucht der Deutsche?

Auf dem Foto aus Kabul klafft ein etwa drei Meter tiefes Loch im Asphalt. Man kann, man will sich die Wucht der gezündeten Bombe gar nicht näher vorstellen – und die Szenerie nach dem Knall schon mal gar nicht.Aber das Zeigen eines Live-Videos von der Explosion wäre ganz sicherlich eine sehr heilsame Maßnahme gegen die Gleichgültigkeit, gegen den geistigen Mehltau, wodurch unsere Tage leichter werden. Geschriebene Zeilen sind leicht übersehbar und sie machen nicht so schnell furchtbare Bilder im Kopf, die man nicht mehr los wird.

Seit mehr als zehn Jahren "kämpft" die Bundeswehr in Afghanistan – angeblich, um den lieben Afghanen endlich "Mädchenschulen" zu schenken, nach denen sich die ganze Bevölkerung seit Jahrzehnten so sehr sehnt. Dafür hat man für uns wie weiland schon die Russen und die USA auch in Berlin sehr konsequent, sehr liebevoll und mit vielen bunten Bildern die Pappkameraden aufgebaut, an die man die Schildchen "pöööhser Terrorist!" geklebt hat, damit sie leichter von den "liiieben Afghanen" unterschieden werden können.
Wir wissen ja: die pöööhsen Terroristen machen immer peng-peng auf die liiiieben Afghanen.
Das haben wir zuverlässig in unserem Kopfprogramm abgespeichert.
Über mehr Differenzierungen verfügen wir nicht und ein Erhebliches an Detailwissen wurde durch mangelhafte Betonung und Lautstärke einfach weggeblendet. Das stört uns doch bloß.

Deshalb registriert der durchschnittliche Deutsche auch überhaupt nicht, dass etliche der eigenen Soldaten neben hunderten von Afghanen (sowohl pöööhse Terroristen als aber auch liiiebe Afghanen!) durch deutsche Waffen ums Leben gekommen sind. Wenn dafür wenigstens noch ein politisches oder von mir aus nur rein wirtschaftliches Ziel erreicht worden wäre – aber davon kann keine Rede sein.
Unsere Soldaten haben nackte Angst; sie verbarrikadieren sich in ihrem Lager in Masar al-Sharif, sie verlassen es nicht mehr und stecken ihre Köpfe unter Kopfkissen, wenn in ihrer unmittelbaren Nähe wieder einmal Bomben gezündet werden. Da ist nichts mehr mit "Mädchenschulen". Da ist seit Jahren nichts mehr los mit "Demokratie". Dorfschulzen betteln ausländische Soldaten allgemein an, doch bitte ihre Läger keinesfalls mehr zu verlassen, weil ihre Präsenz auf den Dorfstraßen die pöööhsen Terroristen dazu reizt, Anschläge zu verüben, die die Armeen nicht vereiteln können und Kollaborateure abzuknallen, die die Armeen nicht beschützen können. Die schiere Anwesenheit der alliierten Soldaten, abgeriegelt in schwer bewachten Kasernen, reicht seit Jahren schon aus um Angst zu verbreiten.

Warlords, die vor über zehn Jahren noch zu den pöööhhsen Terroristen gezählt wurden, assoziiert man heute mal eben mit den liiiieben Afghanen, immerhin adelt man Gulbuddin Hekmatjar heute als "Kämpfer für die Freiheit!", gibt dem verblüfften Metzger innige Brüderküsse und wirft ihm reichlich Waffen für seinen Kampf auf den Hof. Allerhand. Noch vor wenigen Jahren galt er als Top-Feind und wurde von den Alliierten gejagt. Aber heute wird er geliebt; immerhin vergrößert Hekmatjar durch das konsequente Auslöschen seiner Feinde die (Friedhofs-) Ruhe. Ist doch auch was. Immer das gleiche ohrenbetäubende Geknalle, das so hässliche Löcher reißt und so viele unschöne Fotos macht. Da lobt man sich doch solche warlords, die afghanische Zivilisten, Frauen und Kindern leise, nächtens und mit Messern abschlachtet.

Natürlich verursacht das hier kein Störgefühl. Eher im Gegenteil. Nicht wenige "anständige Deutsche" freuen sich insgeheim, dass die pöööhsen Afghanen in ihrer eigenen Heimat abgeschlachtet werden. Sind ja eh bloß Muslime.
Warum rücken die uns auch auf die Pelle? Etwa bloß, weil wir den Krieg angezettelt haben, vor dem sie fliehen?

Wer hält schon die Mülltonne für seinen Schmutz zu dreckig? Und weshalb sollten wir Skrupel haben, Afghanen, die vor unseren Bomben fliehen, zurück unter diesen Regen zu schicken? Haben sie etwa ein Recht darauf, ihre toten Kinder zu beklagen – und dabei auf uns zu schauen? Natürlich nicht. Wir wissen zwar nicht, weshalb nicht, aber das hält uns keinesfalls davon ab, von ihrem Tod prima zu leben und die paar Überlebenden zurück in den Tod zu schicken, den wir so großzügig in Afghanistan verteilen helfen.
Da scheint folgerichtig, dass der Bundesinnenminister darauf hinweist, dass Afghanistan ein (tod-) sicheres Rückkehrland ist. Es gäbe durchaus ruhige und sichere Gegenden im Land, sagt das Ministerium und das ist natürlich auch richtig so: bisher haben Taliban meines Wissens nach noch keine Friedhöfe bombardiert. Dort ließe es sich immer dann in Frieden leben, wenn man tot ist. Das zu gewährleisten, liefern wir ja Bomben ins Land!

So nimmt mit Ausnahme des kriegführenden Westens beinahe die gesamte Welt den nicht enden wollenden Krieg in Afghanistan erschüttert bis wütend auf. Wir als eine der Nationen, die beim täglichen Bomben und Sterben aktiv Unterstützung leisten, wir zählen zu den Begriffsstutzigsten der Welt. Das hat weniger damit zu tun, dass wir alle etwa zu doof wären, um die im Grunde sehr einfachen Wahrheiten aus Afghanistan zu verstehen sondern mehr damit, dass wir nicht akzeptieren können, dass unsere eigenen Soldaten dort für tatsächlich nichts und wieder nichts gestorben sind.
Niemand, weder die Bundeskanzlerin, noch die Bundesverteidigungsministerin oder der Bundesinnenminister können den Deutschen die Wahrheit sagen, die da lauten müsste:

"Wir haben uns da aus eigener Schuld völlig verkalkuliert. Mangels Kompetenz und blind vor Gehorsam haben wir unsere eigenen Soldaten in einen ungewinnbaren Krieg gegen einen Schatten, in unwegbares, unkontrollierbares Gelände stolpern lassen und ihren Tod billigend in Kauf genommen. Wir können den Müttern unmöglich sagen, dass ihre Söhne in Afghanistan ohne Sinn und Zweck ihr Leben ließen. Dass ihr Opfer nicht nur nichts gebracht, sondern alles nur noch viel, viel schlimmer für alle Beteiligten gemacht hat."

Natürlich hätten die Deutschen das seit vielen Jahren verstanden haben müssen. Die Serie immer fürchterlicherer Attentate wird immer länger und nicht grundlos besteht der Eindruck, dass Afghanistan längst viel übler zerrissen ist als vor dem Eingreifen der alliierten Streitkräfte.
Nicht erst mit der Rückkehr einiger Zinksärge hätten die Deutschen aufwachen müssen.

Und deshalb kann die Bundesregierung, die längst tatsächlich jeden Spaß am Afghanistankrieg verloren hat, heute aus all den Flüchtlingen pöööhse Terroristen stempeln, die ausschließlich nur zum Raubbau an unseren Sozialsystemen zu uns fliehen und statt der Angst nichts als unstillbare Geilheit mitbringen, mit der sie unsere süßen und blonden (arischen!) Kleinkindmädchen vergewaltigen, wo sie gehen und stehen.

Wir glauben das.
Weil es bequemer ist und vielen Spaß macht.
Wir wollen das glauben.
Weil einige von uns ihre Söhne in Afghanistan verloren haben.
Für nichts. Für Lügen.

Ihr müsst uns sagen, liebe Politiker, dass Afghanistan ein blühendes, friedliches Land ist! Dass es dort dank uns weder Unruhen, noch Arbeitslosigkeit gibt. Dass die Felder reiche Ernte versprechen und der Gesang der Bauern das reichliche Getreide in die Scheune begleitet. Fröhliche Gesichter all überall in Afghanistan.
Lachende Mädchen singen auf dem Weg in ihre Schulen und Ex-Taliban, geläutert durch unsere Foltern und Kugeln, geben den Schülerlotsen und stecken den Mädchen lachend bunte Haarbänder zu.
Jajajaja! SO ist das Leben in Afghanistan!
Deutsche Panzer fahren Steine in die Dörfer und unsere Soldaten packen pfeifend und lachend beim Aufbau mit an!
Stimmt nicht?
Fragt unseren Bundesinnenminister! Ätsch!
Nur noch Sprengstoffgürtelmuslime, prügelnde Ehemänner, Mädchenvergewaltiger, lichtscheues Gesindel und arbeitsscheues Pack fläzt sich von unserem Geld in unseren Gärten!

Wir brauchen diese Bilder. Wir wollen sie.
Denn wir sind die "Guten" und alles was wir tun und wofür wir sterben (lassen), ist wohlgetan.
Nicht wahr?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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