Qatar – Auf einmal alle gegen einen. Und warum?

Eine vergleichsweise bedeutungsschwere Neuigkeit findet sich in der globalen Presse allgemein und in de europäischen speziell fragwürdigerweise äußerst sparsam behandelt:Alle relevanten Golfstaaten brechen ihre Beziehungen zu Qatar ab, sie blockieren Importe von dort, sagen Flüge von und nach Doha (Hauptstadt von Qatar) ab und beschuldigen das kleine Land mit vollkommen verrückten Anklagen. Zwischenzeitlich ist das Land auf dem Landweg überhaupt nicht mehr zu erreichen, da alle Anrainer ihre Grenzen hermetisch gegen Qatar abgeriegelt haben.
Qatar wurde zu einem Pariah-Staat gemacht.

Man muss den Konflikt chronologisch zurückentwickeln, um ihn ansatzweise zu verstehen.

Gegründet wurde Qatar im 19. Jahrhhundert als absolutistische Monarchie; der Emir hatte absolute Befehlsgewalt. Das Osmanische Reich versuchte, Qatars Eigenständigkeit durch militärische Interventionen zu unterbinden, allerdings schritt Großbritannien ein, während der Emir von Qatar bei den Wahhabiten auf der saudischen Halbinsel Unterstützung gewann. Saudi-Arabien war zu dieser Zeit von Großbritannien noch nicht erfunden und gegründet.

In den siebziger Jahren des 20. Jhd. verstaatlichte der Emir Qatars sämtliche Erdölvorkommen; seitdem gilt Qatar als das reichste Land der Welt. Die Beziehungen zu den Wahhabiten entwickelte sich weiter und bis heute folgt Qatar dieser Glaubensrichtung im Islam – auch wenn die Ausprägung des Wahhabismus mit der in Saudi-Arabien nicht im geringsten vergleichbar erscheint. Der Wahhabismus Saudi-Arabiens entwickelte sich auf Druck des Königs zu einem brutalen und grausamen Unterdrückungsinstrument; die Kleriker dort entrissen dem Glauben jede Wärme, jedes Licht, jede Hoffnung und setzten harte und menschenverachtende Gesetze und Vorschriften dagegen. Der von Staats wegen oktroyierte Glaube ist nach meiner Auffassung nichts, was ich als "Islam" bezeichnen würde, sondern ein erschreckendes Zerrbild davon.
Qatar kennt (für viele verwirrenderweise!) diese Rigidität im Glauben nicht; das Land foltert und verstümmelt nicht, Todesurteile gibt es lediglich bei extrem schweren Verbrechen.

Der entscheidende Moment in Qatars Geschichte entwickelte sich 1995, als der Emir von seinem Sohn, Hamad ibn Chalifa, gestürzt wurde. Der neue Emir wickelte eine ganze Reihe fundamentaler Reformen ab und führte das Land in ein neues Selbstverstädnis. Neben der Einführung eines Parlamentes hob er den Sender Al-Jazeera aus der Taufe und warb innerhalb der Arabischen Liga ebenso wie in der Vereinigung der Golf-Staaten (GCC) für einen freiheitlichen, gewaltverzichtenden, demokratischen und toleranten Kurs.
Aufgrund des Reichtums Qatars und der daraus resultierenden Bedeutung für die Region und als Ölförderer für die Welt erschien es den Despotien am Golf nicht geraten, offen gegen Qatar vorzugehen. Denn Qatar ließ plötzlich unter der Regentschaft des neuen Emirs Opposition und offen geführte Diskussionen ebenso zu wie einen erheblichen Gewinn an Rechten für Frauen etwa.

Saudi-Arabien muss um seine Führerschaft am Golf fürchten und das Königshaus weiß, dass der (Öl-) Spaß der vergangenen Jahrzehnte langsam zuende geht.

Alle anderen Golfstaaten bauen bis heute auf einen ebenso rigiden wie brutalen Regierungsstil. Opposition gilt zumindest als "Verrat", häufig aber auch als "Terror" und wird mit grausamen Körperstrafen, jahrzehntelangen Gefängnisstrafen, Verstümmelungen und Folter bestraft. Qatar galt mit seiner nun als abweichlerisch empfundenen, reformierten Gesellschaft als beständige Bedrohung. Die Golfstaaten befürchteten eine regelrechte "Ansteckung" und orderten vorsichtshalber größtenteils in Deutschland riesige Waffenmengen, die z.T. mit "Spezialausrüstung zur Demonstrationsbekämfpung" bestellt und geliefert wurden.
So platzte ein "Panzerdeal" um Leopard-II-Kampfpanzer, weil Einzelheiten des Auftrags in die Öffentlichkeit lanciert worden waren, nach denen die Panzer an der Front mit speziellen Schaufeln bestückt werden sollten, mit denen ähnlich einem Schneepflug Menschen von der Straße geworfen werden können.
Parallel dazu rang man in den Golfstaaten um Argumente, Qatars Reformen und neue Wirklichkeit isolieren, brandmarken und bestrafen zu können. Die Chance dazu bot sich erstmalig 2013, als man den ägyptischen Feldmarschall al-Sisi fand, den man anstelle des zu stürzenden, frei gewählten Präsidenten Mursi als Despoten und Unterdrücker installieren konnte. Ägypten schien den Golfstaaten mindestens so gefährlich wie Qatar selbst, als es in der ersten freien und geheimen Wahl Ägyptens Dr. Mursi zum Präsidenten gewählt und damit die Demokratie im Land errichtet hatte.
Nun wähnten sich die Golf-Despoten und -Tyrannen von zwei Seiten bedroht: von der nachhaltigen Reformation in Qatar und von der frisch installierten Demokratie in Ägypten, die tatsächlich vom Volk begrüßt und getragen wurde.

Heute ist es nicht nur kein Geheimnis mehr – sondern wird offen auch am Golf ausgesprochen: Saudi-Arabien hat zusammen mit Kuwait den Regierungsumsturz in Ägypten mit Millionen- und Milliardensummen finanziert und geplant.
Qataris gelten aufgrund der unerhörten Wohlfahrt als extrem loyal und das Herrscherhaus der al-Thani hat keine Notwendigkeit, seine Politik mit Gewalt durchsetzen zu müssen.

Hamad Ibn Chalifa gilt als sehr engagiert und eckte damit in der Vergangenheit im Kreis der Golfstaaten an; sein TV-Sender Al-Jazeera veröffentlicht bis heute ungefiltert auch die unliebsamsten und peinlichsten Interna aus dem Zirkel der Golfstaaten.
Solange die Achse Saudi-Arabien – USA hält, solange genießen die Saudis exklusive Waffenimporte von dort und behaupten ihre Führungsposition. Wie im Fall Jemens zu sehen, zögert der König keine Sekunde, jeden Beginn offener Kritik und jeden Versuch, die am Golf absolute Macht der Saudis in Frage zu stellen, mit brutaler Waffengewalt zu eliminieren.
Dafür setzte Saudi-Arabien noch unlängst Cluster-bombs ein, die einen ähnlich grauenvollen Streueffekt wie die Phosphorbomben der USA haben und tatsächlich in Insiderkreisen die "Atombombe des kleinen Mannes" genannt werden, weil diese Waffe große Flächen vernichtet. Durch die Zündung dieser Bomben starben, vermutlich durchaus beabsichtigt, tausende von Zivilisten, ganze Dörfer wurden ausradiert. Das britische Königshaus hat Saudi-Arabien reichlich, gern und mit vorauseilendem Gehorsam mit diesen Waffen beliefert; erst, als international wegen der erschreckend hohen Opferzahlen im Jemen Kritik daran offen und laut wurde, gab man sich in Londen theatralisch "empört!" und stellte die Lieferungen ein.

Qatar ist nicht so einfach zu zertreten; die überall am Golf in den Zelten, Lehmhütten und Häusern entstehende Kritik schwelt und immer mehr nüchterne Beobachter befürchten, dass nur noch ein winziger, aber passender Funke fehlt, um eine weitere, um ein Erhebliches größere, blutigere und länger andauernde Revolution in Arabien zu entzünden.
Die Despoten bevorzugen Ströme von Blut, damit die Ströme von Geld und Macht nicht verebben. Deshalb machten sie gegen jedes innere Sträuben auch den grotesken und lächerlichen "Goldketten- und Schwertertanz"- Unsinn mit Trump mit. Sie können den infantilen Dummkopf aus den USA sehr gut einschätzen und sie wissen sehr gut, dass er nur mit albernen Kinkerlitzchen und Kindereien, keineswegs aber mit Argumenten und Fakten einzufangen ist.

Qatar ist derzeit der einzige und wohl auch reichste Golfstaat, auf den die Welt ihre Hoffnungen würde gesetzt haben können – wenn sie denn denken und verstehen könnte.
Die Begründung für die Isolierung Qatars ist nur für die Blöden der Welt geschaffen; für die Insider ist es schmerzhaft miterleben zu müssen, wie der Hauptinvestor in weltweiten, islamistischen Terror, Saudi-Arabien ausgerechnet Qatar einen "Terrorunterstützer" schimpft. Das Kapital, was aus den Händen des saudischen Königs in die von Top-Terroristen wechselte, hat seit vielen Jahren längst die Marke von 100 Millionen Dollar überschritten und dürfte, wenn man direkte (!) und indirekte Terrorfinanzierung für al-Qaida und Daesh ("IS") zusammennimmt, locker die Milliardengrenze überschritten haben.
Im Gegensatz zu Qatar, dessen wohl fragwürdigste, politische Verbindung die zur palästinensischen Hamas darstellen dürfte, bedient Saudi-Arabien auf gleich mehreren Ebenen internationalen Islamismus: es bildet aus, es bezahlt und verteilt Waffen, Sprengstoffe, beherbergt Kommandozentralen und baut auf der Welt extremistische Moscheen und bestückt diese mit hetzerischen Schreihälsen.
Die Welt ist bisher zu blöd um das zu verstehen, so zahlte auch Deutschland munter gleich mehrere Millionen, als Saudi-Arabien in Köln eine wahhabitische Moschee errichtete, aus der der gesamte deutsche, islamistische Hetzerirrsinn der Salafisten hervorgegangen ist. Dieser Umstand ist sehr leicht innerhalb weniger Momente zu recherchieren – die betreffende Moschee und Akademie ist die "König-Fahd"-Akademie in Köln-Bonn.

Seine Dialoge mit der Hamas verteidigt Qatar mit der Notwendigkeit, die in Palästina schlagkräftigste Macht in alle Gespräche einbinden zu wollen, die die Zukunft der Region bestimmen. Das ist natürlich völlig richtig und Gebot der Stunde; die internationale Schreierei, Hamas solle ignoriert und boykottiert werden, stärkt natürlich nur die schlimmsten Kreischer in ihren Reihen und hält den Konflikt demzufolge zuverlässig heiß und gestaltet ihn nachhaltig tödlich. Aber das ist es ja wohl, was die Israel-"freundliche" Welt will.

Der Westen wäre, wenn er eine politisch, sozial und wirtschaftliche beruhigte Golfregion will, gut damit beraten, sich Qatar zuzuwenden – selbst wenn damit Saudi-Arabien, Kuwait und Ägypten öffentlich brüskiert werden. Der Emir von Qatar ist nach allem Dafürhalten der einzige Potentat dort, der mit halbwegs klarem Verstand, einem Engagement für eine friedliche Zukunft, für ausgeglichenere, soziale Verhältnisse und Rechte eintritt.
Bisher hat sich der Westen grundsätzlich immer für den Spatz in der Hand entschieden und sehenden Auges akzeptiert, dass diese Kurzatmigkeit immer mehr und mehr Tote fordert und Kriege entzündet. Jeder europäische und US-Entscheidungsträger hofft, dass der ganz große Knall erst eintritt, wenn die eigene Zeit vorüber und der persönliche Reichtum gesichert ist. Deshalb finanziert und bewaffnet man aus einer Distanz von tausenden Kilometern mal absichtsvoll, mal unabsichtlich immer wieder die Falschen. Unsere Doktrin lautet, dass die Region unter latente wie blutige Spannung gehalten werden soll, damit niemand das Öl abdreht oder Märkte schließt.
Qatar hat eine andere Zukunftsversion, eine andere Vorstellung von der Nach-Öl-Ära.

Wir wären gut beraten, wenn wir diejenigen zu Pariahs erklären würden, die aus Qatar einen machen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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