Islam – Wie richtet sich ein moderner Muslim aus?

Zuerst muss ich noch einmal betonen, dass ich als Muslim von keinem Menschen in irgendeiner Weise beeinflusst, angeworben oder vorgeprägt worden bin. In der Phase der Jahrzehnte, die zwischen meinem Kirchenaustritt und meiner Konversion zum Islam verflossen sind, kreuzten lediglich etliche Muslime „ganz zufällig“ meinen Weg und sie haben mir, wohl ohne jede Hoffnung im Hinterkopf, dass man mich irgendwie missionieren könne, hundert und tausend Dinge nach ihrem jeweils besten Wissen und Gewissen erklärt.Viele dieser dann sehr tiefgehenden Gespräche entwickelten sich tatsächlich durch „Zufall“; weder ich hätte je zuvor Kenntnis von meinem Gesprächspartner gehabt, noch umgekehrt.

Meine „Initialzündung“ wurde auch nicht von Menschen gestartet.

Erst, als ich gewissermaßen vollkommen überrascht, unerwartet und plötzlich mit beiden Beinen im Islam stand, bemühte ich mich um theoretisches und scholastisches Wissen. Ein erster Anlauf, den Qur’an al-Karim zu lesen, schlug jämmerlich fehl. Erst ein wohlgemeinter und gut gezielter Literaturtip gab mir das geistige Werkzeug in die Hand, die Suren richtig zu lesen und die „Funktion“ der Offenbarung und des Islam insgesamt besser zu verstehen.

Aus diesem Grunde sind mir zahlreiche Ideen unter Muslimen tatsächlich fern, die in einer mir unbekannten Geschichte fußen und keine Erwähnung im Qur’an finden und ich habe gelernt, dass es keine Widersprüchlichkeiten im Qur’an gibt, weil einige Suren in ihrem jeweils aktuellen Kontext und historischen Zusammenhang verstanden werden müssen.
Von daher verstehe ich die Gewaltverliebtheit vieler Muslime nicht im Ansatz – und ihren Hang zu sprühendem Hass schon mal gar nicht. Denn diese Phänomene entstehen durch eine konsequent selektive Wahrnehmung, die je nach Bedarf Suren „aus-“ und „einschaltet“.

Für mich gilt aus dem Qur’an ein totales Friedensgebot; Verse, die Gewalt (in eng gesteckten Grenzen!) zugestehen, zielen auf Kriegs- und Verteidigungssituationen. Diese Sachlage zu ignorieren und Gewalt gegen Andersgläubige ohne Verteidigungsnot auch nur zu tolerieren, finde ich nicht im Qur’an begründet – und somit ist eine solche Haltung für mich unislamisch, vorsichtig ausgedrückt.

Ich fand kürzlich einen Beitrag von einem Bruder auf einer islamischen page, den er in einem eigentlich ganz anderen, thematischen Zusammenhang verfasst hatte und der sehr gut widerspiegelt, was ich meine. Ich erlaube mir, ihn zu zitieren:

„Besteht nicht ein Unterschied, ob ich das Pflichtgebet nicht abhalte, oder die Zakat verweigere, oder ob ich bewusst und gewollt einen Massenmord vollziehe?
Wenn ich also Menschen bewusst töte, quäle und erniedrige, was ist dann noch muslimisch an mir?

Bedeutet Islam nicht, durch die Hingabe, das sich Gott ergeben (mit Herz und Verstand), Frieden zu erlangen? Ist ein Muslim nicht dann der oder die, welche sich Gott aktiv ergeben?

Doch was an einem Massenmord ist Gott ergebendes Verhalten? Wenn ich glaube, dies sei Gott ergebendes Verhalten, habe ich dann nicht eine absolute falsche Vorstellung von Gott? Ist ein Massenmord nicht genau das Gegenteil von aktiver Hingabe? Ist ein Massenmord nicht die bewusste Auflehnung gegenüber Gott?

Ist diese Handlung, also der bewusste Massenmord, die bewusste Auflehnung gegen Gott, nicht genau das was in der von der Schwester genannten Sure angesprochen wird?

Ist der Massenmord, das Töten und das Quälen von Menschen und das rechtfertigen dieser Dinge, nicht gleichzusetzen mit einem Austritt aus dem Islam? Da es Gottes Barmherzigkeit, seine absolute Macht über das Sein und die dem Islam inhärent Pluralität negiert?

Massenmord ist nicht einfach eine „Sünde“. Es ist die aktive Negation Frieden durch die Hingabe zu Gott zu erlangen.
Bedeutet Islam nicht, durch die Hingabe, das sich Gott ergeben (mit Herz und Verstand), Frieden zu erlangen? Ist ein Muslim nicht dann der oder die, welche sich Gott aktiv ergeben?
Doch was an einem Massenmord ist Gott ergebendes Verhalten? Wenn ich glaube, dies sei Gott ergebendes Verhalten, habe ich dann nicht eine absolute falsche Vorstellung von Gott? Ist ein Massenmord nicht genau das Gegenteil von aktiver Hingabe? Ist ein Massenmord nicht die bewusste Auflehnung gegenüber Gott?
Ist diese Handlung, also der bewusste Massenmord, die bewusste Auflehnung gegen Gott, nicht genau das was in der von der Schwester genannten Sure angesprochen wird?
Ist der Massenmord, das Töten und das Quälen von Menschen und das rechtfertigen dieser Dinge, nicht gleichzusetzen mit einem Austritt aus dem Islam? Da es Gottes Barmherzigkeit, seine absolute Macht über das Sein und die dem Islam inhärent Pluralität negiert?
Massenmord ist nicht einfach eine „Sünde“. Es ist die aktive Negation Frieden durch die Hingabe zu Gott zu erlangen.“

Die Fragestellung des Beitrags zielte auf den Terror – ist für mich aber beliebig ausweitbar auf das generelle Verhältnis zwischen Muslimen untereinander und zu Nichtmuslimen.
Muslimsein – für mich ist das Licht, Nähe, Wärme, Hilfe.
Für viele andere bedeutet das leider schwarze Fahnen, Schreierei, das Bekritteln von anderen Lebenskonzepten, Kreuzigen und das Tragen alberner Kleidung, die in Europa zum Spott reizt. Ich versuche mit und in meinem Leben den ultimativen Beweis dafür anzutreten, dass Islam keine grundaggressiven und schreienden Spinner, sondern moderne Menschen in einem modernen Glauben meint. Eine Religion, denke ich, die zu ihrem Erhalt und nach ihrem Verständnis nur durch wildes Umherschießen, Sprengen, Kämpfen und Zerstören überleben kann, sollte schnellstmöglich untergehen. Der Islam gehört nicht dazu.

Er ist nach meinem Verständnis dynamisch angelegt und verlangt eine permanente Neuausrichtung. Das Tragen von Pluderhosen war zur Zeit der Offenbarung gut, richtig, modisch, angepasst, verbreitet und anempfohlen – wenn Salafis heute im kalten Europa, das noch nie Pluderhosen kannte, solche tragen WEIL sie vor mehr als tausend Jahren irgendwo in der Wüste getragen worden sind, halte ich das persönlich für grotesk!
Die Aussage im Islam heißt für mich: „Übetreibe nicht! Trage, was angemessen ist und befolge dabei die Regel, dass Deine Kleidung nicht aufreizend und zu knapp ausfallen soll!“
Danach richte ich mich; ich latsche sogar im ägyptischen Hochsommer mit langen Hemdsärmeln und langer Hose dort herum – aber doch nicht in einer Gelabia! Auch hier in Deutschland sieht man mich im eigenen Wohnzimmer, aber nicht auf der Straße in kurzer Hose.
Auch teile ich die Auffassung vieler keinesfalls, dass die Sharia grundsätzlich immer nur Verstümmelungen für Diebstahl vorsieht und deshalb auch heute zwingend und möglichst auch noch öffentlich Hände abgeschlagen werden sollen – das halte ich für eine höchst erschreckend triviale, falsche und furchtbare Geisteshaltung. Für mich bedeutet, dass die Sharia eine Rechtsprechung will, die dem Händeabhacken der Frühzeit ein Äquivalent gegenüberzustellen hat. Beispiel: verlor ein Mensch vor tausend Jahren seine Hand, verlor er seine Erwerbsquelle, war stigmatisiert und war beständig auf Hilfe angewiesen. Wenn jemand heute aus Niedertracht und Habgier bösartig stiehlt, zielt nach meinem Verständnis eine moderne Sharia darauf, ihm etwa durch Jobverlust, Entzug des Führerscheins, einer Haft- oder empfindlichen Geldstafe eine gleichrangige Strafe auszusprechen.

Im Islam gilt alles (!) Extreme, Übertriebene und Maßlose als verpönt und verboten; dieser Grundsatz zieht sich durch alle (!) Suren, Ideen, Grundsätze und hat, wenn man über Benehmen, Verhalten, Kleidung etc. nachdenkt, den Charakter einer Richtschnur. Für mich ist der moderne und gute Muslim ein freundlicher, eher fröhlicher und friedlicher Mitmensch, der im Getriebe seiner Umgebung nicht weiter auffällt, aber durch gutes Benehmen glänzt. Er hat seiner Umwelt ein Vorbild und eine Hilfe zu sein – erst dadurch wirbt er wirksam für seinen Glauben.
Er hat kein Recht darauf, ohne bedroht worden zu sein oder zu werden, Gewalt anzuwenden oder anzudrohen. Gerade diesen Aspekt habe ich in der Tiefe mit Imamen diskutiert; einer von ihnen fühlte sich verpflichtet leise anzufügen, dass Muslime aber auch keine wehrlosen Pazifisten seien, die sich willen- und wehrlos abschlachten lassen würden. Und genau da ziehe ich die Grenze: ich greife grundsätzlich niemals jemanden an. Wer durch mich zu Schaden kommt, wird kleinlaut einzugestehen haben, mich vorher massiv bedroht und angegriffen zu haben.
Ich zwinge niemandem meinen Glauben auf – und belästige auch niemanden damit. Es gibt genug Menschen, die mich immer und immer wieder einmal darauf anspreche, weshalb ich jetzt so und später so reagiere. Meist endet ein solches Gespräch mit einem erhellten „Aha!“ und nicht selten gefolgt von einem: „Wenn das nur mal alle so täten.“

An der Diskussion, inwiefern islamistische Terroristen als Apostaten betrachtet oder per „Takfir“ (die muslimische Entsprechung zur „Exkommunikation“) als Nichtmuslim zu gelten habe, beteilige ich mich nicht. Diese Entscheidung trauen sich zwar viele Menschen und Muslime zu – sie liegt aber ausweislich des Qur’an ausschließlich nur bei Allah.
In der Konsequenz lasse ich mich ungerührt von Salafiten als „Kufr“, als „Ungläubiger“ also in dem Wissen (!) beschimpfen, dass SIE es sind, die in die Irre gehen – und nicht ich.

Ich bin es, der eines Tages Rede und Antwort zu stehen hat für das, was ich getan habe. Ich bin dann auf mich ganz allein gestellt und habe nichts als mein Leben, was ich bis dahin geführt haben werde. Ich kann nicht auf andere zeigen und sagen: „Der da hat gesagt, dass ich töten soll. Ich selbst habe die Notwendigkeit nicht geprüft, ich habe mich blind auf den da verlassen!“, denn das rettet mich nicht vor dem gerechten und vielleicht vernichtenden Richtspruch und belastet den von mir Angezeigten auch nicht. Deshalb bin ich extrem vorsichtig darin, Menschen zu begegnen. Auch wenn es mir nicht immer so gelingt, wie ich mir das wünsche, will ich jedem Fremden freundlich und zugewandt begegnen, ihm in (s)einer Not helfen und ihn beraten, wenn er mich um Hilfe und Rat bittet. Sei er was und wie er will – bis er sich feindlich gegen mich stellt, hat er mich an seiner Seite.

Aus vorgenannten Gründen stoßen mich Wahhabiten und Salafiten größtenteils ab – was kein Verlust ist, da sie mich als Ungläubigen betrachten. Ich finde ihre schwarzen Fahnen und ihr Kriegsgeheul enervierend, falsch und gefährlich; das sind keine Muslime, wie ich sie mir in meiner Umgebung wünschen würde. Ich glaube einfach nicht daran, dass man Fremde kreuzigen und bei lebendigem Leibe verbrennen muss.
Und inshallah werde ich eines Tages ins Jenseits eingehen und Allah hat mir erlaubt, ohne diese und andere, große Sünden geblieben und als Muslim gestorben zu sein.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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