In eigener Sache – Wir haben ja einen politischen Flüchtling aufgenommen

Unsere große Tochter hatte kürzlich ihr Auslandssemester in Bosten, USA, abgeschlossen und eine Woche nach ihrer eigenen Rückkehr ihr zweibeiniges Reiseandenken importiert.

Derek hatte sich ihr längst anvertraut; heute Ende zwanzig, empfindet er das Leben und Arbeiten in den USA als besonders bedrückend. Die nun tobende Trum-Ära hat für ihn das Faß zum Überlaufen gebracht. Im sozialen Bereich (als Streetworker) tätig, erscheint ihm angesichts der täglichen Realität die Zukunft der USA durchaus als bedrohlich. Das könnte ja noch alles subjektiv eingefärbt sein, allerdings bestätigt unsere Tochter diesen Eindruck nicht nur, sondern findet noch ganz andere Worte für die Lage.
Sein Wohnumfeld zuhause ist, wie sie uns erzählt (und ich kann ihrer Wahrnehmung vertrauen!), bedrückend; allabendlich erhebt sich eine Geräuschkulisse von Schreiereien, Kämpfen, Unfällen, Bränden und Schüssen.
Er selbst ordnet seine Familie und letztlich auch sich in die Kategorie "White Trash" ein ("Weißer Abschau / weißer, unterer Gesellschaftsrand") und benennt sich selbst voller Zuversicht, sein eigenes Leben davon entfernen zu können, "White Recycling".
Kürzlich wechselte er seinen Arbeitgeber und startete zusammen mit einem Masterabsolventen in einem neuen Arbeitsverhältnis durch; er selbst verdient nicht unwesentlich mehr als der Absolvent, und das ohne jeden universitäten Abshluss. Honoriert wird seine größere Erfahrung. Deshalb sieht er für sich auch keine Notwendigkeit, einen solchen Abschluss anzustreben, denn mit Ausnahme astronomischer Kosten, die gern fünfstellig auflaufen, hätte er damit keinen Vorsprung und letztlich nur die gleiche Chance auf eine Karriere wie jemand ohne jeden Abschluss. Also warum studieren?
Seiner Ansicht nach verhärten sich die Verhältnisse in den USA mit jedem Tag immer mehr und werden regelrecht gnadenlos.

Ganz ehrlich? Ja? Im Ernst?
Also gut – ich gebs zu und zeige Wirkung: Je mehr Geschichten ich "von der Straße" aus den USA höre, desto freundlicher und angenehmer erscheint mir unser gutes, altes Deutschland samt seines Europas. Motto: "Soooo schlimm SIND wir ja gar nicht."

Nun also bestaunt er Europa – und weiß durchaus um sein Glück, ausgerechnet bei UNS diese Chance zu erhalten. Denn das hat mich maßlos stolz auf meine Familie, auf unsere Kinder gemacht: mit einem Fingerschnipp wechselte bei uns zuhaus die gesamte, auch familieninterne Kommunikation ins Englische. Sein Sonderstatus als "Gast aus der Fremde" war nach zehn Minuten bereits ins Nichts verfallen. Mit größter Fröhlichkeit und noch größerem Vergnügen bekommt er alles für Ihn Merkwürdige erklärt, gezeigt und nähergebracht.
Allerdings haben wir uns alle beeilt ihm mitzuteilen, dass wir sicherlich als Familie alles andere als "Durchschnittsdeutsche" sind. Durch meine Frau besteht unsere Familie aus verschiedenen Hautfarben und wir pflegen einen durchaus nennenswert liebevolleren, aufmerksameren, relaxteren und fröhlicheren Umgang untereinander als der Großteil aller Familien. Derek hatte insgesamt kaum eine Stunde an unserem Tisch gesessen, und schon flachsten, lachten wir miteinander.
Tage vor seinem Flug hatte er wohl wegen uns einige Beklemmungen, weil er von Deutschen, deutschem Leben und deutschen Familien keine Ahnung hatte und den Wissensfetzen, die er zu haben glaubte, aus gutem Grund misstraute. All das war schnell verflogen – und nun ist er einfach nur ein junger Mann mehr in unserem Haus, der zufällig anders spricht als die da auf der Straße vor unserem Haus. Basta.

Ich finde die Situation unglaublich amüsant, weil sie mich an meine ersten Reisen ins Ausland erinnert, auf denen ich die gleiche Beklommen- und Unsicherheit verspürt hatte. Dankenswerterweise erweist sich Derek als offen, zugewandt und humorvoll und so lässt er uns zu seinem eigenen und unseren Vergnügen an seinen jeweiligen Entdeckungen teilhaben.
Seine Ideen sind (natürlich) typisch amerikanisch: er will auf jeden Fall eine alte Burg und ein schönes Schloss besichtigen, denn so etwas gäbe es nun mal in den USA nicht. Also werden wir ihm eine selbst für unsere, europäischen Verhältnisse besonders malerische, frühmittelalterliche Wasserburg zeigen und ihm die dazugehörigen drei Gruselgeschichten erzählen. Er wird sich alte Schwerter und Pieken, Rüstungen und Folterwerkzeuge anschauen können.
Wir werden ihn auf ein Schützenfest mitschleppen – wobei wir ihm bereits erzählt haben, dass wir als Familie keinen sonderlichen Wert auf diesen etwas merkwürdigen Beitrag zur deutschen Kultur legen. Aber ein Schützenfest ist eine markante Lebensäußerung von Deutschen – und wenn er Deutschland kennenlernen will, sollte er die dazugehörigen Blaskappellen- und Uniformparaden, ein Vogelschießen und das anschließende Megabesäufnis in einem Zelt einmal miterleben. Er wird es bestaunen, solche Dinge sind ihm aus seiner jüdischen Lebensumgebung seines Elternhauses völlig fremd.
Er scheint alles wie ein Schwamm aufzusaugen; als wir gestern ein wenig über die jüngere Geschichte gesprochen und ihm erzählt hatten, dass wir vor vergleichsweise noch wenigen Jahren in Europa Nationengrenzen mit Schlagbäumen, Maschinengewehren, Passkontrollen und unterschiedlichen Währungen hatten, staunte er.

Vielleicht nehme ich ihn einmal zu meinem (Jagd-) Bogenschießtraining mit, wenn er denn mag. Momentan befindet er sich mit unserer Tochter bei unserem jüngsten Sohn und seiner Freundin in Mannheim und wird also, wenn er morgen wieder bei uns sein wird, schon ein gutes Stück Deutschland gesehen haben.

Ich habe durchaus großen Respekt vor Leuten, die es nicht beim Jammern und Klagen belassen, sondern die Ärmel hochkrempeln und ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Die ihre Heimat mit der Energie, der Zuversicht und Leistungswilligkeit verlassen, woanders ihr Glück aufzubauen, noch einmal anzufangen. Das schließt die Flüchtlinge, über die sonst so energiegeladen in Deutschland diskutiert wird, natürlich mit ein – auch wenn ihre Motivation eine um ein Vielfaches ernstere, bedrohtere und verzweifeltere ist.

Als ich dies mit meiner Frau gestern besprach, nickte sie und murmelte leise Zustimmung:
wir haben als Eltern sehr viel richtig gemacht. Alle unsere vier Kinder sind grandios geraten und wir sind maßlos stolz auf sie. Es mag viele Jahre gedauert haben, bis sie umgesetzt haben, was wir ihnen als Werte beibringen wollte – dennoch ist es genial gelungen. Sie sind alle "geländegängig"; wir können jedes unserer Kinder irgendwo auf dem Planeten absetzen und es würde seinen Weg machen. Sie haben mit keinem Glaubensbekenntnis, keiner Hautfarbe, keiner Sprache, keinem Essen und nichts anderem den Hauch eines Problems. Sie kennen keine Ressentiments, keine Vorbehalte, keine Angst. Sie haben alle einen durchgedrückten Rücken, einen ausgeprägten, positiven wie produktiven Willen, eine klare, offene Sprache und vor allem einen Plan für ihr Leben.
All die durchwachten, durchschwitzten und durchsorgten Nächte, all die kleinen und auch großen bis sehr großen Katastrophen auf ihrem Weg haben wir zusammen gemeistert. Es war nicht immer leicht, wirklich nicht ….. wir sind häufiger nicht nur an unsere Grenzen gelangt, sondern manchmal auch weit darüber hinaus.

Für uns hat seit einigen, wenigen Jahren ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Wir haben immer mehr Verantwortung und Zuständigkeit aus den Händen gleiten lassen können. Heute kann ich stillvergnügt auf meinem Platz auf der Küchenbank sitzen und dem zahlenmäßig anschwellenden (jetzt haben alle Kinder einen Partner!) Getreibe lächelnd zuschauen.
Keine Windel mehr, keine Sorgen über Klassenarbeiten, Klausuren und falsche Freunde. Kein Milchfläschchen mehr warm machen, keine "blauen Briefe" mehr …. nein, heute blinzelt mein jüngster Sohn mich an und fragt: "Noch’n Kaffee, alter Mann?" und er stellt einen vor mich hin.
Mit drei Stück Zucker und etwas Milch – wie ich es mag.

Alahmdulillah … nicht alles wird immer schwerer! Meine, unsere Zeit wird besser, von Tag zu Tag.

Wir können uns als ganze Familie nun um unseren "Flüchtling" kümmern und ihm ein Deutschland unserer Familie zeigen, das ich mir für alle wünsche.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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