Update: Unser Flüchtling!

Zu Beginn runzelte auch meine Frau ob meines Vergnügens an unserem Flüchtling die Stirn – aber nun amüsiert sie sich selbst ebenfalls prächtig.

Er ist ja mit unserer Tochter und unserem jüngsten Sohn für zwei Tage in dessen Studentenbude eingezogen und machen die Umgebung dort unsicher.
Man hat ihm also auf seinen speziellen Wunsch hin die eine oder andere Burg und auch ein Schloss gezeigt und sehr gestaunt, wie heftig er darauf reagierte.
Niedlich! Er hat an einem einzigen Tag weit über hundert Fotos geschossen und für seine Familie und seine Freunde upgeloaded – entsprechend reichhaltig, frenetisch und jubilierend fällt natürlich die Resonanz aus.

Man weiß ja: für die Amis tragen wir alle Hüte mit Gamsbart, wohnen ausnahmslos alle in Heidelberg, wo wir uns von Schweinehaxen und Sauerkraut ernähren. Und außerdem ist alles in Deutschland mindestens zwischen vier- und fünfhundert Jahren alt (vermutlich auch die Menschen).

Also hat meine Stammhalterschaft den Flüchtling natürlich auch durch Heidelberg geschleift; vermutlich langte er abends mit einem saftigen Overload in der Bude vom Sohn und wird sich mit knapper Not auf seinem Bett in die Waagerechte gebracht haben können.
Fundamentale Schrecknisse des täglichen, europäischen Daseins weichen wachsender Erfahrung; die Technik deutscher Klopötte, die manchmal eine gewisse "Ablagefläche" für die Hinterlassenschaft bereithält und diese nicht sofort lotrecht in Wasser versenkt, war für ihn so etwas. Wie ich höre, bereitet ihm auch das Speisen mit Messer und Gabel in der in Europa gebräuchlichen, gewohnten und geübten Form durchaus Schwierigkeiten. Solche Gerätschaften sind in den USA zwar sehr wohl im Einsatz, nicht aber so durchgehend und konsequent wie bei uns.

Meine Frau, die selbst Erfahrungen mit den USA und sich den Speiseplan für die nähere Zukunft ausgedacht hat hält es für nötig ihm vorbereitend mitzuteilen, dass das geplante Hühnchen für heut abend auch mit Fingern gegessen werden könne.
Wer immer mit einer (völlig) fremden Brille auf der Nase durch unsere kontinentale Realität läuft, wird immer gar Erstaunliches, Verwunderliches, Rätselhaftes und Bizarres entdecken – und genau das wiederfährt ihm im Moment.

Den psychologischen Fangschlag verpassen wir ihm am kommenden Wochenende:
in unserem Nachbardorf ist eine größere "Stadt"-Festivität mit Trödelmarkt, Blaskapelle und sonstigem, begleitenden Trara und Tamtam angesetzt und da gedenken wir ihn in aller Unnachsichtigkeit und Brutalität durchzuziehen. Sollte ihm das nicht reichen, werden wir ihm ein Schützenfest verordnen – wenn er DAS unbeschadet durchgestanden hat, KENNT er Deutschland!
Aus seiner momentanen Perspektive betrachtet, sind wir tatsächlich ein winziges Märchenländchen mit allerlei wunderlichen Menschen und vielen alten Schlössern und Burgen. Die Ernsthaftigkeit unserer anderen Realität, die aus Industrie, Geld, Engstirnigkeit und hartem Ernst besteht, werden wir ihm wohl kaum ersparen dürfen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Update: Unser Flüchtling!

  1. Saxhida schreibt:

    Ich wurde auch jedes Jahr aufs neue zum Schützenumzug mitgeschleift. Ein echtes Trauma. Hoffentlich übersteht er das unbeschadet. 🙂

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    • echsenwut schreibt:

      Er hat! 😂 Im Allgemeinen findet er uns Deutsche und unser Land erstaunlich gut, auch wenn wir zuhause alle zusammen etliche, ungeahnte Unterschiede zwischen uns feststellen. Der erste deutsche Satz, den er gelernt hat, lautet: „Das ist wichtig!“, wobei er den spitzen Zeigefinger nicht vergisst! 😂

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