Islam – warum wir Muslime uns gegenseitig verraten; Versuch einer Erklärung

Der Islam hat so wie jede andere Religions- und Gesellschaftsform auch, eine bewegte und in Epochen einteilbare Geschichte, die man grob folgendermaßen einteilen könnte:

In der Frühzeit war der Islam eine revolutionäre und fundamentale Erneuerung. Erstmals in der Geschichte wurden Rechte statt Strafen für Menschen formuliert, Frauen sprangen in ihrer Bedeutung und in ihrem Wert aufwärts, die weit verbreitete und z.T. grausame und brutale Sklavenhaltung wurde auf einmal als verpönt betrachtet und es griffen tatsächlich die ersten Umweltgesetze. Es war eine Zeit der Neuerung, der Zivilisierung.

Danach trat eine Epoche der Versteinerung, der Lähmung ein, die Jahrhunderte andauern sollte. Obschon der Islam in dieser Zeit auch weiterhin gesellschaftliche Fragen regelte, eine funktionstüchtige und effiziente Rechtsprechung aufbaute, die allgemein akzeptiert war, konnte er sich aufgrund der vielen Kleinkriege nicht weiter entfalten oder entwickeln.
Viel zu viele Gelehrte und angebliche, selbsternannte Gelehrte und Anführer rissen die Deutungshoheit über den Qur’an an sich und begannen damit, einzelne Suren in ihrem (Macht-) Interesse in ihrem Sinn zu verbiegen.
Sie alle machten sich zunutze, dass die Bevölkerungen viel zu wenig Zeit mit eigenen Qur’an-Studien verbrachte und gegen den Willen Allahs dadurch verstieß, dass sie sich mangels eigenem Wissen und Verstehen auf Menschen verließ, die ihnen diese Arbeit abnahmen – und sie dadurch langfristig an die Führer verrieten.

Jetzt sind wir beinahe in der Neuzeit angekommen.

Es ist die Kolonialzeit, die die wahrscheinlich schlimmsten Brüche in der Gemeinschaft der Muslime, in der Ummah anrichtete.
Was passiert wohl, wenn man zwei Löwen in einen Käfig steckt, umstellt und mit schweren Stangen und unter wütendem Schreien unaufhörlich auf den Käfig einschlägt? Ganz einfach: nach vergleichsweise kurzer Zeit werden sich die Löwen gegenseitig anfallen und zu töten versuchen.

Was passierte, als zusammen mit Großbritannien diverse industrieelle Weststaaten das viele Öl in Arabien für sich entdeckten? Sie droschen mit den Keulen Militär, Intrigen, Geld, Macht und Lügen auf die Region ein. Sie erfanden ein "Kuwait", für das es ebensowenig eine historische Entsprechung gibt wie für ein "Saudi-Arabien".
Sie formulierten Grenzen, die plötzlich das freie Wandern und Handeln der Stämme unterbanden, alte, tribale Gesellschaftsstrukturen vertrockneten dadurch. Auf einmal galt nichts mehr und große Kriege brachen aus, wo es vorher höchstens vereinzelte Auseinandersetzungen zwischen kleineren Verbände, Sippen und Stämmen gab. Großbritannien "schenkte" der Welt die unerträgliche Seuche des Wahhabismus, der verkrüppeltsten, brutalsten und intolerantesten Strömung im gesamten Islam. Sie forcierten die Ausbreitung weder mit Ideen, noch mit Argumenten – sondern einzig und allein mit Maschinengewehren und Peitschen.

Die weit verbreitete Unart unter Muslimen, vielleicht den Text des Qur’an lesen zu lernen, aber nicht zu verstehen zu versuchen, öffnete plattestem Unglauben, verrenkten Ideen, Hass und Zerstörung Tür und Tor. Jeder flüsterte auf den anderen ein, behauptete, er allein sei der Besitzer der islamischen Wahrheit und jeder andere ein Verbrecher. Das Schisma, zwischen Sunniten und Shiiten angerichtet, wäre für sich allein genommen schon eine unerträgliche Schieflage. Nun aber verloren die Muslime den gesamten Sinn des Qur’an völlig aus den Augen, begannen, einzelne Suren aus ihren Kontexten zu reißen, einige vollständig zu "vergessen" oder einfach auszublenden und eine Aura der Missgunst, des Hasses, des Neides und theologischer Übergeschnapptheit zu schaffen.

Da stehen wir Muslime heute.

Obschon ich eine Scherenbewegung festzustellen glaube: es mehren sich Gruppen in Anzahl und Qualität, die genau dies für sich festgestellt haben und heute, nach sovielen Jahrhunderten, die alten Qualitäten des Islam neu beleben wollen. Sie betonen das Barmherzige, das Freiheitliche, das einst so revolutionäre Verbindende; sie stehen zu der Herausforderung, sich selbst im Qur’an kundig zu machen. Und so entstehen zu meiner großen Freude ganz neue Ansätze; ich registriere voller Dankbarkeit die Entstehung feministischer Gruppen von Muslimas, die mittlerweile hartnäckige Infragestellung tradierter, oftmals völlig unislamischer Bräuche. Unserer Zeit entspringt ein ganz neuer "Neo-Islamismus" der produktiven und positiven Prägung anstelle des hasserfüllten Sprengstoff- und Peitschenislamismus eines Daesh etwa.
Dieser ganz neue Islamismus atmet ein ganz neues Selbstverständnis, einen neuen Stolz und fühlt seine Daseinsberechtigung. Das sind die Muslime, auf die ich meine Hoffnung setze. Ihr Glaube ist tief, schön und unzerstörbar. Aber leider sind das alles erst Anfänge.

Momentan versinkt die Ummah tief in Gewalttätigkeit und Misstrauen – wo sind wir Muslime bloß hingekommen, dass wir noch nicht einmal untereinander Vertrauen haben? Was haben wir nur angerichtet? Was würde unser Prophet Mohammed (saws) von dem, was wir getan haben, halten?
Im Augenblick können wir das anhaltende Trommeln der alten Kolonialmächte, die auch heute noch durch Waffen, Geld und Lügen auf die muslimische Welt einprügeln, (noch) nicht zurück in ihre Löcher scheuchen und umso mehr Mühe, Not, Anstrengung und Verzweiflung müssen wir aufbringen, trotzdem mit unserer Schulter die des nächsten Muslimen zu suchen und zu berühren. Wir sind es selbst, die sich zusammensetzen und aufeinander zuarbeiten müssen. Eine zersplitterte, ja beinahe nicht existente Ummah ist und bleibt wehrlos und muss ihrer eigenen Zerstörung hilflos zusehen.
Aber das ist es nicht und keinesfalls, was Allah von uns will!

Spucken wir Muslime der Welt, die gegen uns steht, einfach in die Suppe und tun, was sie am meisten fürchtet:
Beginnen wir, uns selbst zu lieben.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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