Ägypten – das mit meinem Ägypten

Bei meinem letzten Besuch habe ich es sehr deutlich gespürt und gleichzeitig bestaunt, wie leicht der Weg eigentlich gefallen war. Ich lehnte lächelnd auf der Schiffsreling und genoss den wundervollen Nilabend zusammen mit meiner Frau.

Obschon sie meine Leidenschaft für das Land versteht, teilt sie sie nicht und sie begleitete mich zunächst skeptisch. Aber es geschah, was in Ägypten eben so passiert: sie steckte sich ein wenig an und fühlte einen Hauch von dem Zauber, der mich selbst jedesmal vollständig einhüllt. Ich erschloss, zeigte und entdeckte ihr viel von dem, was ich vom modernen Ägypten weiß, und irgendwann traten all die alten Tempel ein wenig zurück. Sie entlassen ein Stückchen von meinem Herzen, damit ich es für das neue, lebendige Land zur Verfügung habe.

Für mich hat diese Entdeckung eine größere Bedeutung, als ich ihr Jahre zuvor je beigemessen hätte. Weil ich mir, wenn man mir damals diesen Weg gezeigt hätte, den ich nehmen würde, grinsend und heftig an die Stirn getippt. Wohl kaum etwas wäre weniger wahrscheinlich gewesen, für möglicher hätte ich gehalten, beim Herausgehen von einem abstürzenden Satelliten getroffen zu werden!

Es kam aber so.

All diese wundervollen, alten Steine waren Leuchtfeuer, Wegbereiter, ja Köder und sie haben mich nach Ägypten gebracht. Ohne sie würde ich vielleicht in Badehose Ägyptens Ferienhotels, nie aber das Land und die Menschen für mich entdeckt haben. Es war auch Ramses in höchsteigener Person als wichtigster Herrscher Ägyptens quer durch sechstausend Jahre Geschichte, der mich eingeladen hatte, all seine Bauten und Taten vor Ort zu betrachten.

„Wer einmal von den Wassern des Niles getrunken, kann seinen Durst nie wieder woanders stillen.“

Aber heute gehört mein Herz eher dem Segelmacher Nuri und dem tapferen Amr, der gezwungenermaßen auf unternehmerischen Erfolg angewiesen ist, weil er in sehr jungen Jahren die Witwe seines überraschend gestorbenen Bruders samt ihrer drei Töchter klaglos in sein Haus aufnahm. Ich weiß durch seine Freunde, daß er sich für sie aufopfert und jeden Tag bis zu neunzehn Stunden in seinem kleinen Speditionsunternehmen arbeitet. Er ist einer der wundervollsten, ägyptischen Muslime, die mir Allah je auf meinen Weg geschickt hat. Voller Ideen, Gefühle, Ehre, Stolz und Albernheit. An seinem Beispiel habe ich viel gelernt.

An dem warmen Sommerabend, als ich mit ihm und der ganzen Bande zusammen saß und wir Shishas rauchten, versanken all diese Tempel und Pharaonen um Platz zu machen für Nuris Freude über den grad erhaltenen IT-Studienplatz seiner Tochter, für die Momente spiritueller Gedanken, die ich mit Amr teilen durfte, für das gemeinsame Gebet zusammen mit Karim in der großen Mosche von Assuan.

Ich kenne keinen schöneren Platz auf dieser Erde als Philae, der unvergleichlichen Tempelinsel inmitten einer atemberaubenden Kulisse – aber der Moment des Gebets ausgerechnet zusammen mit Karim war weit überwältigender, hatte er sich doch spürbar von Allah abgewandt und aus gerechnet durch mich neuen Schwung bekommen.

Noch immer schlägt mich eure Schönheit in den Bann, ob ihr aus Gold, aus Holz, aus Papier oder Stein seid, all ihr alten, ägyptischen Kostbarkeiten. Für mich habt ihr nichts von dem Zauber verloren, der eure Künstler umgeben und sie inspiriert hat.

Aber wovon erzähle ich meiner Frau, abends, auf dem Nilschiff, mit dem süßen Abendwind des Nils in der Nase? Von Amr, der sich vorgenommen hat, den Mädels zuhause ein Studium zu ermöglichen. Vom alten, glücklichen Nuri und seiner Tochter, die sein ganzer Stolz ist.

Es ist eine, wie wir das in der Wirtschaft nennen, eine klassische Win-Win-Situation. Ägypten und ich, wir verlieren nichts aneinander.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Aegypten, Ägypten, Geschichte, Islam, Muslim, Pyramide abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.