Neben der Liebe geht auch der Irrsinn durch den Magen

Unsere modernen, westlichen, industriell geprägten Gesellschaften wirken manchmal auf mich, als habe jemand eine ideelle Sprengbombe ungeheuren Ausmaßes in ihrer Mitte gezündet. Mit Lichtgeschwindigkeit bewegen sich unzählige Individuen fort von allem, was in ihrem Zentrum früher einmal als Konsens gegolten hatte.

Manche werden auf ihrem Flug ins philosophische, politische und spirituelle Nirwana von alternativen Ideen und zum Teil höchst fragwürdigen Gedankenmustern angetrieben. Manchmal bilden diese groteske Muster aus, deren Umsetzung sich direkt gegen den Menschen selbst stellt.
Ein schönes Beispiel dafür sind die "vegetarische", die "vegane" Ernährung und die jüngst "entdeckte" Diät, die mit der wissenschaftlich verbrämten Silbe "Paleo-" suggerieren will, dass man hier in Richtung Urzeit zurück zu einer einstmals gesunden Ernährung zurückginge.

Für mich sind das alles oftmals pseudoreligiös verkleidete Geisteshaltungen, die ein gewisses Beleidigtsein, Langeweile und eine Sehnsucht nach etwas Neuem verraten, dass den bis dato geltenden Konsens ablösen soll.
Das ist zunächst einmal alles kein Problem. Wem es wirtschaftlich und seelisch so gut geht, dass er sich diese Probleme leisten kann, der darf sie auch ausleben und unter Aufwendung großer Geldmittel auch gern beheben. Wer das möchte, der darf von mir aus sehr gern an Steinen lutschen, weil ihm nun auch die armen Pflänzchen leid genug tun, um ihnen ein unwürdiges Ende zwischen gierig mahlenden Zähnen ersparen zu wollen. Man müsste sich dann als Betroffener selbstverständlich sofort Sorgen um das Leid der armen Steine machen – aber das führt hier für mich zu weit.

Da ich das nicht für verboten halte, würde ich vermutlich sogar selbst einen Laden für angeblich besonders schmackhafte Steine eröffnen. Ich kenne da einen ägyptischen Rosengranit, der vermutlich höchst begehrt wäre und als Geschäftsmann fände ich den Fortfall jedes Mindesthaltbarkeitsdatums überaus vorteilhaft.
Vielleicht sollte ICH den Trend kreieren? Ich sehe schon die Werbetafeln – und nennen würde ich diesen neuen, allerdings für mich höchst profitablen Fimmel wahrscheinlich "Litho-Diät".

Soviel muss klar sein: selbst ein Atheist muss anerkennen, dass sein Körper keineswegs für eine fleischlose Ernährung konstruiert worden ist. Einem Muslim reicht ein Blick in den Qur’an dafür und alle anderen spirituellen Menschen werden in ihren Schriften gleichermaßen fündig. Für den Verzehr bestimmte Tiere dürfen getötet und gegessen werden (alles andere würde eine Religion für mich auch vollkommen disqualifizieren). Ein Blick in den Spiegel beweist es: es prangen ein paar zugegebenermaßen etwas verkümmerte, dennoch unverkennbar zum Reißen und Zerreißen von Beute geformte Fangzähne in unserem Oberkiefer.

Wir sind nichts anderes als Jäger; unser gesamter Botulismus verlangt nach energiereicher Nahrung. Fleischlose Kost ist Beiwerk und wird nur zwingend benötigt, wenn kein tierisches Protein zur Verfügung steht. Wenn wir uns Schimpansen anschauen, mit denen wir etwa 98 bis 99 Prozent unseres genetischen Erbes gemeinsam haben, dann finden wir bei ihnen organisierte Jagdzüge, die der Gruppe regelmäßig frisches Fleisch zur Verfügung stellen. Wenn man sich gegen die Funktionsweise seines Körpers zur Wehr setzt und ihm damit Gewalt antut, muss man zum Überleben ein ausgefuchstes Sammelsurium an Ersatzstoffen in Form von Medikamenten beisteuern.

Ich lehne infolgedessen jede Kost, die nicht meinem Ursprung, meiner Konstitution und der Arbeitsweise meines Körpers entspricht, ebenso überzeugt ab als wenn mich jemand dazu aufriefe, statt des giftigen Diesels doch viel lieber Wasser in den Tank meines Autos zu kippen. Dabei wäre das natürlich tatsächlich möglich! Analog zur "verganen" Ernährung, bei welcher ich das Vehikel Körper mit künstlichen Ersatzstoffen, also Medikamentem im Wesentlichen, am Laufen halten soll, könnte ich ja einen Ackergaul vor mein Auto spannen, weil es der verreckte Motor (natürlich) nicht mehr täte! Heißa! Das wäre ein zwar total sinnentleertes, aber umweltneutrales Autofahren und vor allem wäre es absolut angesagt, hip, trendy, cool und krass. Keine Frage: damit käme ich in die Zeitung!

Alles gut. Bis hierher gibt es kein Problem.
Jeder soll nach seiner Facon selig werden – wie schon der Alte Fritz sagte.

Das beginnt erst, wenn junge Leute ihren medizinisch oft bedenklich bis höchst gefährlich eingestuften Unsinn auf ihre wehrlosen Kinder ausweiten.

Im Online-ZEIT-Magazin "Zett" ist dazu ein Artikel zu lesen – und den zitiere ich hier einmal in Auszügen:

„Das Risiko von Mangelerscheinungen ist vor allem bei Heranwachsenden sehr hoch. Kinder haben einen erhöhten Bedarf an tierischen Nährstoffen – und die können am besten über tierische Lebensmittel aufgenommen werden“, sagt sie [Andrea Stallmann, Ernährungspsychologin]. Außerdem gibt sie zu bedenken, dass es noch sehr wenige Studien zu veganer Ernährung bei Kindern gibt.

Keine Frage: solange die Mutter selbst nicht genetisch soweit verändert ist, dass sie kein Fleisch mehr benötigt und dieses Erbe ganz an ihre Kinder weitergegeben hat, oktroyiert sie ihrem Kind ihre verschobene Ernährungsidee gegen den Stoffwechsel ihres Kindes und riskiert Schädigungen im Heranwachsen.
Meiner festen Überzeugung nach muss das verboten werden.
Wenn wir beobachten, dass der Gesetzgeber nach Mitteln und Wegen fahndet, sogenannten "Impfverweigerern" den Verzicht auf notendige Impfungen ihrer Kinder durch Gesetze und Strafen unmöglich zu machen, dann muss dies für eine grundfalsche, problematische und immer gefährliche Ernährung selbstverständlich auch gelten.
Wenn es in England einen Kampf um ein Kind gibt, dass die gesamte Medizin vollständig aufgegeben hat und das einem unwürdigen, qualvollen Ende entgegensieht, weil der Staat es angesichts der Situation tatsächlich sterben lassen möchte und es die Eltern sind, die das Sterben verlängern wollen, dann muss es auch einen Kampf um eine "artgerechte" Ernährung von Kindern geben.

Es gibt Freiheit und "Freiheit". Menschen besitzen keine Freiheit, einen Mitmenschen aufgrund ihrer bizarren Vorstellungen leiden zu lassen. Menschen haben auch nicht die Freiheit, einem Unmündigen (und sei es das eigene Kind!) widernatürliche Dinge aufzwingen zu dürfen, die ihn isolieren, Krankheiten versprechen und langanhaltende soziale und medizinische Probleme entwickeln.
Es gibt aber sehr wohl die Freiheit des jungen Einzelnen, sich selbst zu diesem Weg zu entscheiden, wenn die individuelle Entwicklung das ernsthafte, durchdachte Entscheiden ermöglicht.

Ich habe Respekt vor erwachsenen Entscheidungen und habe jede einzelne meiner Kinder immer sofort akzeptiert, wenn sie mir für die daraus resultierenden Konsequenzen erwachsen genug waren. Das Ergebnis war in jedem einzelnen Fall, dass sie sich selbstbewusst, kompetent, frei und mündig fühlen und aus jedem von den insgesamt immerhin vier Kindern wurde ein gerader und selbstbewusster Mensch.
Sie haben von uns ein wirklich wichtiges Rüstzeug auf den Weg bekommen: eben genau keine Vorschriften, sondern lieber Hintergründe. Keine Verbote, sondern Gespräche über die möglichen Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Wir haben bis zum Erbrechen geredet und wo das nicht ausreichte, haben wir sie ihre Fehler machen und durchaus ein wenig mit den Konsequenzen umgehen lassen. Solange sie nicht existenzbedrohlich waren natürlich.

Wir haben unseren Kindern lieber beigebracht, dass man lieber selbst prüft, fragt, kritisch bleibt und im Zweifel besser abwartet. Sie sind völlig immun gegen allzu leichte Lebensrezepte und vor allem: gegen Fanatismus.
Sie haben mit sich selbst als Mensch leben und verstehen gelernt, wie man was mit sich selbst machen kann, könnte, sollte oder muss. Sie kennen Grenzen, wo welche sind und missachten die, die für Nichtdenker gelten. Die Hälfte von ihnen ist bereits Akademiker oder bald einer und die andere Hälfte macht trotzdem Karriere und führt im Rahmen seiner Beziehung ein durchdachtes, aber spaßiges, fröhliches und arbeitsreiches Leben.

Niemand von uns ist "vegan" – weil wir alle denken können.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Neben der Liebe geht auch der Irrsinn durch den Magen

  1. deutschemuslima71 schreibt:

    Ackergaul vorm Auto fände ich eine nette Idee. Allerdings gibt es dann wieder Probleme mit den Veganern, denen die armen Pferde so leid tun. Ohne Pferd ist das Auto zwar schneller, aber auch umweltschädlich, nicht zu vergessen die Kämpfe um Öl. Da fragt man doch nach dem Sinn und ob wir nicht einfach mal zurück gehen sollten zur Vernunft

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    • echsenwut schreibt:

      Das halte ich ziemlich genau für das eigentliche Problem: die Menschen misstrauen mittlerweile allen alten Weisheiten und suchen sich neue. Sie realisieren dabei nicht, dass viel von diesem alten Wissen seine tiefe Bedeutung hat, der man nicht entkommen kann. Viele sind süchtig nach einer neuen Identifikation, nach wertvollen Unterscheidungsmerkmalen, die sie jung, gebildet, gesund erscheinen lassen. Wenn jemand nur noch gedämpften Spinat mampft, ist er halt interessanter und akzeptierter als sein Nachbar, der seine Zähne in einen saftigen Rinderbraten schlägt. Profilneurosen spielen dabei eine Rolle.
      Zudem fühlen sich viele von „Zwängen“ abgestoßen. Sie verwechseln notwendige Selbstdisziplin mit Gesetzen, die oktroyiert werden.

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