Eine Reise … ein Buch …. eine Erinnerung …

Am vergangenen Donnerstag beendete ich im Süden Deutschlands eine Geschäftsreise, verzichtete dankbar auf das anschließende Essen und machte mich viel lieber auf den Weg zu meinem Sohn, der eine kleinere Bahnfahrkarte entfernt vom Einsatzort lebt und studiert.

Unser Großer erwies sich zusammen mit seiner Freundin beinah etwas unerwartet als wundervoller Gastgeber; da es recht breite Schnittstellen zwischen Vater und Sohn gibt, präsentierte er mir seine Studienstadt schwerpunktmäßig aus kultureller und historischer Sicht.

Als ich dann für die Rückfahrt in meinen ICE gestiegen, meinen Platz eingenommen und den beiden noch einmal wild zugewunken hatte, kramte ich in meiner Laptop-Tasche nach meiner Reiselektüre.
Ich liebe diesen Moment sehr. Das kleine Buch ist sehr kostbar für mich; ich hüte es wie einen Augapfel, weil es für mich mit Erinnerungen vollsteckt.

Es war ein Geschenk.
Vor vielen Jahren überreichte es mir eine liebe Freundin mit strahlendem Lächeln und blitzenden Augen. Jedesmal, wenn ich das Buch in die Hand nehme, werde ich in diesen Moment zurückversetzt und heute amüsiert mich der Gedanke, wie ahnungslos ich damals noch gewesen war.

Jedenfalls machte ich es mir in dem Zug bequem. Um bloß nicht meinen Umsteigebahnhof zu verpassen, programmierte ich mir sogar eigens einen Alarm, der mich rechtzeitig aufmerksam machen sollte. Ich kenne mich. Wenn ich mich in dieses Buch vertiefe, verliere und vergesse ich alles um mich herum. Die durchgeheizte Landschaft flog an mir vorüber. Einige Momente nach dem Losfahren verebbten die Gespräche und jeder gab sich seinen eigenen Dingen hin.
Ich las.

Jede einzelne Seite habe ich schon häufig umgedreht. Ich freue mich über meine eigene Sorgfalt, denn das Buch trägt bis heute im Grunde gar keine Abnutzungsspur. Und das, obschon ich es mehrfach um die halbe Welt getragen habe. Jede Zeile, die ich lese, trägt das Herz und die Hoffnung dieser Freundin in sich – und ich kann das fühlen.

Der Zug raste durch Bahnhöfe … nur das veränderte Geräusch ließ mich ab und zu aufblicken und dann erhaschte ich den einen oder anderen Blick von Menschen, die am Bahnsteig standen und auf ihren Anschluss warteten.

Und wieder vertiefte ich mich in das Buch, mit dem ich schon soviele Stunden verbringen durfte. Ich hatte darin gelesen, während ich mit meinen Zehen im Wüstensand spielte. Als ich mir im kalten und verschneiten Norden die Nase geputzt hatte. Beim Arzt. Im Krankenhaus. An sovielen Orten, die einen ungestörten Moment für mich bereithielten, eine Zeit des Wartens meistens.

Wir liefen in Frankfurt ein. Mein Buch hatte ich kurz zuvor sorgfältig in meine Tasche gesteckt. Nur keine Ecke umbiegen, keine scharfkantigen Gegenstände im gleichen Taschenfach. Kein Eselsohr – deshalb habe ich mir den Alarm zehn statt nur fünf Minuten vorher eingestellt. Nur kein Risilo; ich wünsche mir, dass mich dieses spezielle Buch bis an mein Lebensende begleitet. Dieses ganz spezielle muss es sein, auch wenn es in ungeahnt hohen Stückzahlen und Auflagen existiert. Aber keine könnte mir mehr bedeuten als dieses ganz besondere, in welchem beim Umblättern die tiefgründigen Augen der Freundin aufblitzen, die es mir damals schenkte.
Sie hatte im Gegensatz zu mir damals gewusst oder doch zumindest geahnt, dass dies Buch im Gegenwert von weniger als fünf Euro niemals mehr lange Zeit in einem Regal verstauben würde.

Leider habe ich diese Freundin damals kurze Zeit später vollständig aus dem Blickfeld verloren, nur eine vage Erinnerung ist mir geblieben. Und das Buch.

Dann stand das vorletzte Umsteigen an; wieder hatte ich unerwartet und unverschämtes Glück: es blieb viel unbesetzter Platz um mich herum frei und ich konnte es mir gemütlich machen. Da fiel mein Blick auf ein seltsames Kästchen, das vor meinem Platz auf dem Boden lag. Als ich es hochnahm, entpuppte es sich als IPhone (ich hatte nur das rückwärtige Cover gesehen). Eine Bahnbedienstete war kurz zuvor durch den Wagen gehuscht und ich behielt es in der Hand, um es dem nächsten Angestellten als Fundobjekt zu übergeben. Da tauchte die verzweifelte Besitzerin auf und nahm es überaus dankbar in Empfang.

Keine zehn Sekunden später las ich wieder.

Bis heute bin ich der Faszination des Buches vollständig erlegen – und es verblüfft mich immer wieder aufs Neue, es ist nie alt, ich lese jedesmal darin, als wäre es das erste Mal.
Es ist so klein … oft habe ich gerade bei nicht optimalem Licht sogar Probleme mit dem Lesen und muss es mir dichter unter die Nase halten … und trotzdem explodiert es jedesmal aufs Neue und fügt ein Universum für jede Zeile in meinem Kopf hinzu.
Und wieder sehe ich die Freundin vor mir und jetzt erst, nach all den Jahren, weiß ich, dass es ziemlich genau diese vielen Universen in ihrem Blick waren, die so schimmerten und glänzten, als sie es mir überreichte. Für sie war es ein verletzlicher Moment und ich bin dankbar, dass sie soviel Vertrauen in mich hatte. Ganz ohne es zu ahnen, geschweige denn zu wissen, wurde sie damals durch diese vielleicht fünfzehn Minuten zu einer meiner wichtigsten Lehrerinnen, die ich je im Leben gehabt habe.

Als der ICE durch den letzten Bahnhof vor meiner letzten Umsteigestation gepfiffen war und nur noch wenige Momente verblieben, bis ich in den Regionalzug stieg, der mich nahe meines Heimatorts bringen sollte, legte ich sorgfältig das rote Lesebändchen wieder ein und vergewisserte mich erneut, dass in dem Raum, den ich für das Buch vorgesehen hatte, nichts steckte, was es hätte beschädigen können.

Diese Qur’an- bzw. Tafsirausgabe ist mir das liebste aller Bücher, die in meinem Schrank dämmern und sie ist das einzige Buch, das keinen Staub ansetzt.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Glaube, Islam, Kultur, Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Eine Reise … ein Buch …. eine Erinnerung …

  1. Saxhida schreibt:

    Mashaallah, was für ein schöner Text. Ihre Freundin bekommt für jeden Buchstaben, den sie lesen Belohnung. Auch ein schöner Gedanke. 🙂

    Gefällt mir

    • echsenwut schreibt:

      Selam, Schwester!
      Mit dieser Idee hatte ich den Kontaktverlust recht schnell verschmerzen können: allerdings, ja, so ist es und so wird es sein; vielleicht wird sie sich eines (hoffentlich fernen!) Tages sehr wundern, wenn ihr das Lebensbuch gegeben wird und sie hört, wieviel Ehre und Belohnung sie von Allah durch dieses Geschenk errungen hat – vermutlich hat sie mich schon längst vergessen….
      Möge Allah ihr allein dafür tausend Edelsteinpaläste mehr geben, eine noch höhere Stufe im Paradies gewähren!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s