Irak – Soeben werden die nächsten zehn, fünfzehn Jahre Krieg organisiert

Die eindimensionalen und leicht retardierten Mitbürger, denen selbst die tägliche Lektüre der „BILD“ eine intellektuelle Quall ist, denken momentan, durch die Einnahme von Mossul und die Eliminierung der letzten Kampfeinheiten des Daesh („Islamischer Staat“) sei dieser erledigt und Geschichte.

Es braucht nun wirklich nur noch ganz wenig Geist, um zu bemerken:

Die irakische Armee ist eine shiitische. Durch Lenkung Irans war es den Shiiten in den zurückliegenden Jahren möglich, durch Großangriffe und etliche Massaker an Zivilisten die Zahl der Sunniten im Irak deutlichst zu minimieren. Der von den USA so herzlich begrüßte Metzger und Shiit al-Maliki, der, kaum als Präsident eingesetzt, tausende von Sunniten „großtechnisch“ hat vernichten lassen, hinterließ nach seinem Fortgang keineswegs eine stabilisierte Politik. Geschweige denn ein Ende der Feindseligkeiten.
Daesh war die einzige Organisation, die sich dieser großflächigen Vernichtung militärisch mit eindrucksvollen Erfolgen entgegengesetzt hat und für unzählige Dörfer und Städte war der „Islamische Staat“ bis vor kurzem noch die einzige Überlebenschance. Nach der Vernichtung von Daesh wird der Vernichtungsdruck von neuem einsetzen. Die Welt wird erfahren, dass der Zug von verzweifelten Flüchtlingen keineswegs nachlassen wird.

Amnesty International klagt beide kriegführende Parteien unnötiger Grausamkeit und der Nutzung unangemessener Gewalt an. In der Tat häuften sich in den zurückliegenden zwei Jahren die Meldungen signifikant, dass die irakische Armee ihrerseits Massenhinrichtungen an Sunniten vornahm, Menschen so wie Daesh auch bei lebendigem Leibe verbrannt hatte und allgemein wahllos in den „befreiten“ Ortschaften Frauen, Kinder, Alte und Behinderte niedergeschossen hat.

Der kriegführende Westen, der sich mit Unmengen Waffen und Geld an diesem irakischen Vorstoß beteiligt hatte, verfügt auch heute wieder nicht über Pläne, wie es im Irak nach der Entfernung von Daesh weitergehen soll. Wie damals nach dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak weiß auch heute niemand, was nach Beendigung der Kriegshandlungen gegen Daesh gegen die Vernichtung der Sunniten im Irak unternommen werden soll. Man muss sogar sagen, dass das Schicksal der Sunniten niemanden interessiert.
Sobald Daesh als zu berücksichtigende und machtvolle Organisation fortfällt, kann der Westen mit seiner üblichen Politik wieder einsetzen und die Machthaber bewaffnen und bezahlen, die den freien Zugang zum irakischen Öl und Markt ermöglichen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob ein pluralistisches Volk im Irak sicher leben kann oder ein zahlenmäßig stark reduziertes, rein shiitisches Volk regiert. Geschäft ist Geschäft.

Natürlich bedeutet das neu entstehende Vakuum im Irak, dass existierende Gruppen, Regierungen und Staaten dort hineinstoßen werden. Der Iran ist stark daran interessiert, mit dem Irak eine stabile und machtvolle Dependance zu besitzen. Die Kurden spekulieren auf einen eigenen Staat im Irak, weil sie randvolle Ölquellen damit erhalten und die irakische Regierung in Baghdad wird dies mit Waffengewalt unterbinden.
Im Ergebnis wird Daesh notwendigerweise in eine neue Terror- und Nachfolgeorganisation übergehen, denn die derzeit noch verbleibende, sunnitische Bevölkerung bedarf dringend militärischen Schutzes. Geographisch und demographisch verbleibt der gesamte Irak unter ungeheurem Gewaltdruck; mit Ausnahme der dort lebenden Zivilisten führen alle Genannten dort einen bequemen und abgezirkelten Stellvertreterkrieg.

Niemand diskutiert Schutzzonen unter Bewachung von UN-Blauhelmen etwa und die Frage „Warum eigentlich nicht?“ ist schnell beantwortet: es ist der Welt völlig gleichgültig, ob in den interessanten Regionen des Irak überhaupt Menschen leben. Der Tod der dortigen Bevölkerung ist für die Ölförderung nicht nur uninteressant – er ist absolut gleichgültig.
Der Bedarf der Sunniten dort ist lächerlich gering und stellt keinen interessanten Markt dar; würde man den Absatz dort ankurbeln wollen, so müsste zunächst für ungeheure Investitionen Infrastruktur saniert, repariert und neu errichtet werden. Und wer will schon Milliarden ausgeben, damit er in Zukunft vielleicht niedrigpreisige Güter dort anbieten kann?
Die Leute dort brauchen im Moment nur Brot, Wasser und Ziegel. Auf solche Bedarfsträger kann der Westen verzichten. Wenn Berlin dort HiFi-Anlagen, Maschinen, Kraftwerke, Parfum und Autos würde anbieten können, würde sich Angela Merkel garantiert für die dann plötzlich „ganz armen, verfolgten und bedrohten Sunniten“ annehmen. Aber so … ?
Diese Leute kaufen eben weder Panzer noch Tornados.

Zudem sind latente Feindseligkeiten und Zerstörungen gut für die regionale Politik. Viele Interessenten haben ein großes Interesse daran, die Lage dort heiß und unsicher zu halten. Man wird einen grundverstörten, faktisch in der Region nicht mehr existierenden Irak brauchen, um in der Nachbarschaft ebenfalls kriegerische Auseinandersetzungen entzünden oder aufrechterhalten zu können.

Wir werden uns darauf einrichten können, in den nächsten Dekaden ein- oder zweimal die Woche von zerstörten Dörfern und Städten, gekreuzigten und verbrannten Menschen und großtechnischen Vernichtungsaktionen und Massakern zu hören.
Aber daran sind wir ja gewöhnt, das geht gut in Ordnung für uns.
Das stört uns nicht.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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