Türkei – Der Brief unseres Außenministers Gabriel an türkische Mitbürger

Dieser Brief ist ein sehr wertvolles Zeitdokument, dessen tiefere Bedeutung erst im Kontext mit den Aktionen der Bundesregierung deutlich wird. Im Grunde halte ich diesen Brief für ebenso sehr faszinierend wie maximal verstörend und im Grunde macht er mir sogar ein wenig Angst.Warum?
Weil ich mittlerweile nicht mehr erkennen kann, ob die Bundesregierung tatsächlich im Zustande geistiger Umnachtung verhaftet ist, oder die Aussagen in diesem Brief sogar wirklich ernst meint. Letzteres wiederum spräche aber auch wieder für die geistige Umnachtung.

Sehen wir uns das berühmte Pamphlet an:

Liebe tür­ki­sche Mit­bür­ger

… da geht es schon los: diese Bundesregierung hat ihre türkischen Mitbürger überhaupt nicht lieb. Sie reduziert ihre Präsenz in muslimischen bzw. türkischen Gemeinden Deutschlands auf werbe- wie wahlwirksame Auftritte und latscht immer kurz vor Wahlen grinsend und winkend durch eine Moschee, säuft den angebotenen Tee und flüchtet dann in ihrer Panzerlimousine bis zum nächsten Wahlkampfauftakt.

ich möch­te mich – auch im Namen der ge­sam­ten Bun­des­re­gie­rung – in die­ser Form an Sie wen­den.

Das ist eine wichtige Wendung! Gabriel verhaftet für seinen Brieftext die Bundeskanzlerin, seine komplette Fraktion und damit die Bundesregierung gleich mit. Unter diesem Licht muss der Brief gelesen werden; niemand aus Berlin hat mehr eine Fluchtmöglichkeit.

Wir wol­len Ihnen des­halb sagen: Die Freund­schaft zwi­schen Deut­schen und Tür­ken ist ein gro­ßer Schatz.

Das ist eine glatte Lüge.
Über Jahrzehnte machte sich die Bundesregierung zum Wort- wie Rädelsführer innerhalb der EU, der Türkei mit immer neuen Forderungen und Klagen aus ihrem Mitgliederkreis fernzuhalten. Während man sich über „Prozentpunkte“ beklagte, die die Türkei bei der Erreichung abgeforderter Reformziele noch trennte, begrüßte man die Aufnahme von osteuropäischen Staaten, deren Lage und Situation um ein Vielfaches ärger war und ist als die Türkei zu Beginn ihrer Reformtätigkeit aufzuweisen hatte.
Aus Fragen der Wählermanipulation verweigerte man der Türkei den Zutritt; es galt, lieber viele Millionen intellektuell zurückgebliebener, rechtsgerichteter Wähler im eigenen Land zu keilen, als einen politisch wie wirtschaftlich und sozial wichtigen Schritt mit der Aufnahme der Türkei zu wagen. Es waren immer die extrem konservativen Kreise in Europa und federführend natürlich in Deutschland, die die Türkei mit immer neuen und immer neuen, harschen Forderungen eindeckte. Immer dann, wenn Ankara die gesetzten Ziele beinahe erreicht hatte, beklagte man sich in der EU hörbar und lauthals, all das reiche lange nicht aus und neue Forderungen wurden formuliert.
Es ist die Bundesregierung, die aktiv, bewusst, absichtlich und sehr zielgerichtet verhindert hat, dass es eine Freundschaft zwischen Deutschen und Türken geben könnte.

Wir haben uns für gute Be­zie­hun­gen zur Tür­kei immer auch ein­ge­setzt, weil wir wis­sen, dass ein gutes Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und der Tür­kei für Sie wich­tig ist.

Hier beunruhigt mich die Vermutung, dass die Bundesregierung ganz offensichtlich Türken für ganz ausgesprochen dumm bzw. doof hält. Dieser Satz, der selbst eine „BILD“-Zeitungsqualität nach unten durchschlägt, ist so offensichtlich geheuchelt und gelogen, dass einem der Mund trocken bleibt, wenn man ihn liest.
Es war eine Bundesregierung, die seit dem spätestens zweiten Tag nach dem Putschversuch nichts unterlassen hat, um die Maßnahmen Ankaras zu diskreditieren und mit Verdachtsmomenten zu beladen. Von Ankara angebotene Beweise für die Täterschaft des Predigers Fetullah Gülens wurden von Gabriel absichtsvoll ignoriert und totgeschwiegen – das spricht durchaus vom Willen Berlins, der Türkei nachhaltig schaden zu wollen. Beweiskräftige Hinweise samt originalen Zeugenaussagen, Video- bzw. Überwachungskameramitschnitten und geradezu balkendicke Hinweise auf die ultimative Verstrickung, wenn nicht Initiierung des Putsches durch die Gülen-Bewegung werden vom deutschen Außenminister ganz einfach totgeschwiegen. Das ermöglichte sowohl ihm, als auch der rechtslastigen wie sensationsgeilen Presse Deutschlands, von Beginn an das Lied vom „Diktator Erdogan“ zu singen, der nichts anderes als die Vernichtung von Opposition beabsichtigt.

Jetzt aber wer­den un­be­schol­te­ne deut­sche Staats­bür­ger ins Ge­fäng­nis ge­steckt.

Auch hier wieder geheucheltes „BILD“-Zeitungsniveau. Nachweislich (!) war zumindest einer der Verhafteten keineswegs ein „Unbescholtener“, sondern ein vom US-Milliardär George Soros bezahlter Aktivist mit der Aufgabe, durch die Unterrichtung türkischer, oppositioneller Gruppen in Kryptographie dem türkischen Staat Schaden zufügen zu sollen. Soros ist dafür sattsam bekannt; seine Emissäre tauchten immer „rein zufällig“ im Irak, in Afghanistan, in der Ukraine und an anderen Orten auf, an denen es gerade Umsturzversuche gab.
Privatleute haben das ohne größeren Aufwand recht schnell recherchiert – die Bundesregierung ist entweder zu blöd dazu, was niemand glauben würde, oder sie hat eine dezidierte Absicht, die Realität mit solchen Fiktionen zu überlagern.

Als deut­sche Bun­des­re­gie­rung kön­nen wir nicht ta­ten­los zu­se­hen. Wir müs­sen un­se­re Staats­bür­ger schüt­zen.

Mir kommen die Tränen – obschon ich nicht entscheiden kann, ob es Tränen der Wut oder wegen der Lächerlichkeit in der Aussage sind. Der Bundesregierung sind deutsche Staatsbürger immer dann vollkommen gleichgültig, wenn sie weder politisch noch wirtschaftlich benutzbar sind. Beispiel: Beim israelischen Massaker im Gaza-Streifen wurde eine ganze, unbeteiligte und deutsche (!) Familie durch Raketenbeschuss getötet. Das ist nun gut drei Jahre her und bis heute (!) hat die Bundesregierung den Tod der Familie, gut reportiert, nicht nur nicht bestätigt – sondern medial vollständig unterdrückt. Es gab nicht nur keine Verurteilung Israels deshalb, es gab nur die totale Verweigerung Berlins, den Tod von insgesamt sieben deutschen Staatsbürgern überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen. Das lacht der Aussage Gabriels, man wolle „Staatsbürger schützen“, einfach nur Hohn!

Des­halb än­dert sich die Po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung ge­gen­über der tür­ki­schen Po­li­tik.

Auch diese Aussage grenzt an eine ganz bewusst vorgetragene Lüge; die Ressentiments deutscher Politik gegen die Türkei haben sich schon immer aus den entscheidenden Kräften in der Reihe unserer Konservativen gespeist und diese generelle Ablehnung reichte schon immer von passiver Abwehr bis hin zu manipulativen Aussagen in der Öffentlichkeit. Gabriel sagt nur, dass jetzt ganz offen geschieht, was über viele Jahre längst Praxis war, die man (noch) mit rosaroten Gardinchen verhängt hatte.

Was Sie aber wis­sen sol­len ist: Nichts davon rich­tet sich gegen die Men­schen in der Tür­kei und un­se­re Mit­bür­ger mit tür­ki­schen Wur­zeln in Deutsch­land.

Es wäre geradezu tragisch, wenn dieser Satz von irgendjemandem geglaubt würde. Gerade eine „S“PD hat in den zurückliegenden Jahren sehr darum gekämpft, vom Wähler ebenfalls als ressentimentbeladene Partei wahrgenommen zu werden, die sich zum Griff in die Begriffskiste von Faschisten und Rassisten nicht mehr zu schade ist.
Als die „S“PD noch eine SPD war, erschöpfte sich ihre Fremdenfeindlichkeit auf Tonlosigkeit. Man hatte den Türken und Muslimen wenigstens nicht schaden wollen – das hat sich nun nachhaltig geändert. Die „S“PD von heute bedient sich gnadenlos am Bedürfnis der intellektuell stark eingeschränkten Wählerschaft, irgendeinen Bevölkerungsteil dringend geringschätzen, kommandieren und korrigieren zu müssen. Und da bieten sich die muslimischen Türken geradezu an, da sie Ressentiments wegen ihres Glaubens, ihrer Kultur und häufig wegen ihres Äußeren bedienen – und daran will die „S“PD ganz einfach ebenso mitverdienen wie die GRÜNEN auch, de ihren komischen Türkenfresser Cem Özdemir immer wieder mal markige Sprüche gegen Muslime abfeuern lassen.

Sie, die tür­kisch­stäm­mi­gen Men­schen in Deutsch­land, ge­hö­ren zu uns – ob mit oder ohne deut­schen Pass.

Darüber kann man noch nicht einmal mehr lachen. Der totale Irrsinn in diesen Worten ist allzu überdeutlich. Man kann das noch nicht einmal mehr Lüge nennen – dieser Satz ist für jeden leicht erkennbar so weit von jeder Realität entfernt, dass eine Interpretation überhaupt gar keinen Sinn ergäbe.

Richtig genug erkenne ich auch über meinen facebook-Account eine Welle der wütenden, enttäuschten Raserei unter türkischen Mitbürgern. Sie fühlen sich von diesem Brief regelrecht abgestoßen und ich gebe ihnen Recht darin.
Tausende und Abertausende tippen sich an die Stirn und sind entsetzt, sie sind in diesem Gefühl leider nur zu bestärken.
Die Nazis waren ganz erheblich erfolgreicher darin, die Ghettos und Konzentrationsläger landesweit als Erholungsstätten mit Arbeitstherapie zu verkaufen. Aber ganz ähnlich verhält es sich mit der „Freundschaft“, die unsere Politik angeblich ihren „türkischen Mitbürgern“ entgegenbringen will!

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Angst, Deutschland, Diktator, Extremismus, Faschismus, Geschichte, Gesellschaft, Glaube, Islam, Islamophob, Kultur, Moschee, Muslim, Naher Osten, Palästina, PKK, Politik, Präsident, Rassismus, Rechtsradikalismus, Türkei, USA abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.